Taizé steht 2015 auch für eine neue Solidarität
Taizé, 14.8.15 (kath.ch) Die internationale Versammlung «Für eine neue Solidarität», die diese Woche in Taizé stattfindet, steht ganz im Geist des vor zehn Jahren verstorbenen Frère Roger Schutz. Am Sonntag, 16. August, treffen sich über 100 Vertreter verschiedenster Konfessionen zu einem Friedensgebet im Gedenken an den Gründer der ökumenischen Gemeinschaft im Burgund. Taizé strahlt eine ungebrochene Faszination auf Jugendliche aus. Aber nicht nur auf sie.
Vera Rüttimann
Eine helle Glocke erklingt, gleich beginnt in der orange ausgeleuchteten Versöhnungskirche das Morgengebet. Rund um sie herum sind grosse Foto-Tafeln angebracht, die die Geschichte von Taizé illustrieren. Vor einem Porträt Frère Rogers steht auch Geneviève Bosson. Die ältere Frau aus Vernier nahe Genf sticht heraus aus der Traube junger Leute. Aus ihr sprudeln Erinnerungen, denn bereits 1956 kam sie als 16-Jährige erstmals nach Taizé. «Wir fuhren mit dem Bus von Genf nach Taizé. Keiner wusste damals richtig, wo das liegt. In der alten Dorfkirche wurden wir von Frère Eric begrüsst. Das Gebet fand zwischen bröckelnden Mauern statt. Die Brüder trugen damals noch ihr braunes Habit. Ich spürte schon als junge Gymnasiastin: Hier entsteht etwas Grosses.»
Persönliche Erinnerung an Frère Roger
Geneviève Bosson hat vieles von dem, was auf den Fotos abgebildet ist, persönlich erlebt: Den Bau der Versöhnungskirche, der immer grössere Zustrom von Jugendlichen nach Taizé, die Vorläufer des Konzils der Jugend in den 1970er-Jahren und später den Beginn der europäischen Treffen am Jahresende. Der Tod von Frère Roger vor zehn Jahren hat auch Geneviève Bosson tief getroffen. Sie kannte den Taizé-Gründer aus vielen persönlichen Begegungen. «Er war eine lichtvolle Erscheinung», erinnert sie sich. Beindruckt hat sie damals, wie in Taizé nach einem Gefühl der Verlassenheit sofort wieder Zuversicht eingekehrt ist.
Zuversicht herrscht in diesen Tagen auch bei Frère Alois, der seit zehn Jahren der Kommunität vorsteht. Immer wieder wird er gefragt: Was ist vom Geist Frère Rogers noch lebendig in Taizé? «Kampf und Kontemplation», antwortet er. Das ist der Titel eines Buches Frère Rogers, dessen Geist er täglich neu in Taizé spürt. Der Prior sagt: «Der Titel ist alt, doch wenn wir jetzt von Solidarität sprechen, dann ist es das gleiche. Ich sehe, wie sensibel die Jugendlichen dafür sind. Sie wollen den Glauben nicht im Rückzug in einem frommen Winkel leben, sondern Glauben und Gebet soll uns die Augen aufmachen für die Probleme der Welt. Das ist etwas, was vom Erbe Frère Rogers hier lebendig bleibt.»
Im Austausch mit der Welt
An diesem Nachmittag empfängt Prior Alois Löser im früheren Zimmer von Frère Roger Leute, die als Sachverständige in den Themenworkshops bei der «Versammlung für eine neue Solidarität» sprechen. Darunter sind Ordensleute, Europa-Abgeordnete wie Sven Gigold, Vertreter der Welternährungsorganisation, aber auch Organisationen, die sich um Randständige kümmern.
Die Zelte, in denen die Workshops stattfinden, sind brechend voll. Es geht um syrische Flüchtlinge, Migrantenarbeit, Sozialprojekte, Probleme in Banlieus und vieles mehr. In den Augen des gebürtigen Stuttgarters Alois Löser ist ein ständiges Staunen zu erkennen, wenn er beobachtet, wie sich Taizé entwickelt. Es ist eingetreten, was manch einer vor zehn Jahren so nicht erwartet hätte: Statt zu welken, scheint Taizé zu wachsen, auch innerlich. Die jungen Leute bringen eine neue Dynamik mit. «Wir sind dankbar, dass sie weiterhin hierher kommen. Das zeigt, dass das Ganze nicht an die Person von Frère Roger gebunden ist.»
«Das muss man hier erleben»
Noch immer sorgt ein vertrauter Glockenklang aus dem hölzernen Glockengerüst nebem dem «Accueil», dem Empfang, dreimal täglich dafür, dass die Jugendlichen die Dinge, die sie gerade tun, ruhen lassen. Die Gebete in der Versöhnungskirche sind der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Tages hier. Diese Kirche ist ein weltweiter Magnet. Auch für Clemens Büchner, seinen Bruder Benjamin und Jasmin Galli. Das Trio aus dem baslerischen Füllinsdorf staunt, dass es in der Kirche keine Bänke gibt, sie stattdessen barfuss auf dem Teppichboden gehen können. Benjamin sagt: «Das ist keine Sonntags-Kirche, wo man ordentlich aussehen muss und nach dem Gottesdienst geht man wortlos wieder nach Hause.»
Um 20.30 Uhr werden auch sie still. Sie hören niemanden hüsteln, nervös herumrutschen oder warten, bis die Andacht zu Ende ist. Gegen 23 Uhr wird das Licht gedimmt. Das Singen hört auch jetzt nicht auf. Wer hier eintaucht, gerät in eine Art spirituelle Trance. Clemens, Benjamin und Jasmin haben sich in ihre Schlafsäcke eingerollt und lauschen den Gesängen. Beim Hinausgehen sagt Clemens später: «Zu Hause in meinem Umfeld versteht kaum einer, was Taizé überhaupt ist. Das Gemeinschaftserlebnis ist genial. Das muss man hier erleben.»
Am Grab Frère Rogers
Am folgenden Tag wollen die Basler das Grab Frère Rogers besuchen, der Person, die sie selbst nur aus Büchern oder aus einem neuen Film kennen, der im Begegnungshaus «La Morada» gezeigt wird. An seinen Tod erinnert sich Clemens nur dunkel. «Ich habe keinen Bezug zu ihm als Person, aber ich bin dankbar, dass er Taizé gegründet hat.»
Sie erreichen die pittoreske romanische Dorfkirche, die von der Abendsonne in goldgelbes Licht getaucht wird. Neben dem Eingang der Kirche findet sich das Grab von Roger Schutz. Keine Gedenktafel, keine Büste und auch keine steinerne Inschrift sind zu sehen. Stattdessen steht auf einem schlichten Holzkreuz in krakeliger Handschrift bloss: «F. Roger». Jasmin Galli sagt: «Frère Roger beschäftigt mich und ich frage mich schon, wer dieser Mann war. Doch ist stelle in dieser Woche auch fest, dass sich das Leben in Taizé nicht um die Brüder, sondern um die Menschen unmittelbar um uns dreht.»
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