Bibliothek der Benediktinerinnenabtei St. Gallenberg in Glattburg bei Oberbüren SG
Schweiz

Von der Glattburg nach St. Gallen – Schriften frommer Schwestern werden der Forschung zugänglich gemacht

Mitte Juli verlassen die Schwestern der Benediktinerinnenabtei St. Gallenberg in Glattburg ihr Kloster für immer. Ein Teil der Handschriften und Drucke aus ihrer Klosterbibliothek befindet sich bereits in der Stiftsbibliothek St. Gallen zur dauerhaften und sicheren Aufbewahrung. Viele Schriften wurden von Schwestern verfasst und geben Einblick in die benediktinische Spiritualität.

Barbara Ludwig

Im November wurde offiziell bekannt, dass die fünf letzten Schwestern der Benediktinerinnenabtei St. Gallenberg in Glattburg bei Oberbüren SG diesen Sommer ins Kloster St. Lazarus in Seedorf UR übersiedeln werden. Der Zügeltermin steht unmittelbar bevor, Mitte Juli verlassen sie ihr angestammtes Kloster. Zurück lassen sie – bis auf ein paar Dutzend Bücher, die sie mitnehmen – auch ihre Bibliothek. Um dieses kulturelle Erbe kümmert sich nun die Stiftsbibliothek St. Gallen.

Geordnete Übergabe von Kulturerbe

Albert Holenstein, Leiter Fachstelle kirchliches Kulturgut bei der Stiftsbibliothek St. Gallen
Albert Holenstein, Leiter Fachstelle kirchliches Kulturgut bei der Stiftsbibliothek St. Gallen

Bereits im Mai habe man rund 250 Handschriften und zirka 120 Drucke aus der Klosterbibliothek in Glattburg abtransportiert, sagt Albert Holenstein, Leiter der Fachstelle Kirchliches Kulturerbe, auf Anfrage von kath.ch. Dabei handle es sich um einen kleinen Teil des historischen Bestands. Der restliche historische und der neuere Bestand der Klosterbibliothek verbleiben vorerst vor Ort.

Mit einer geordneten Übergabe der Dokumente sollte verhindert werden, dass wertvolles Kulturerbe über «unbekannte Kanäle» verschwinde oder zerstört werde. Früher sei das im Falle von Klosterauflösungen leider oft geschehen.

Die Stiftsbibliothek ist im Auftrag des Bistums St. Gallen und des Katholischen Konfessionsteils des Kantons und in Absprache mit dem Kloster aktiv geworden. «Ziel ist, die Dokumente zu katalogisieren und anschliessend der Öffentlichkeit sowie der Forschung zur Verfügung zu stellen», sagt Holenstein. Handschriften und Drucke sollen auf der Grundlage einer Schenkungsvereinbarung, die demnächst unterzeichnet wird, dauerhaft in der Stiftsbibliothek aufbewahrt werden.

Auch Handschriften aus dem Kloster St. Wiborada

Die meisten Handschriften stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, da es sich bei dem Kloster St. Gallenberg um eine Gemeinschaft jüngeren Datums handelt. Gegründet wurde die zunächst in Libingen ansässige Gemeinschaft 1754.

Das Kloster St. Gallenberg, das ursprünglich als wehrhafte Burg erbaut wurde.
Das Kloster St. Gallenberg, das ursprünglich als wehrhafte Burg erbaut wurde.

Ein Teil der Handschriften ist möglicherweise älter, da sie ursprünglich aus dem Benediktinerinnenkloster St. Wiborada in St. Georgen stammen und nach dessen Auflösung 1834 ins Kloster St. Gallenberg kamen. «Diese Handschriften sind besonders interessant, weil wir fast nichts wissen über die Bibliothek dieses älteren Klosters und so der Forschung neue Informationen zur Verfügung stellen können», erklärt Holenstein. 

Schwestern griffen zur Feder

Eine Handschrift von Wiborada Zislin (1749-1812). Die Benediktinerin war unter anderem Chronistin des Klosters St. Gallenberg.
Eine Handschrift von Wiborada Zislin (1749-1812). Die Benediktinerin war unter anderem Chronistin des Klosters St. Gallenberg.

Doch auch die in Glattburg entstandenen Handschriften sind relevant. Viele davon haben Schwestern des 18. Jahrhunderts «eigenhändig für ihre eigenen Bedürfnisse, hauptsächlich für ihre private Andacht» geschrieben, hält Karl Schmuki, ehemaliger stellvertretender Leiter der Stiftsbibliothek, 2004 in einem Beitrag über die Klosterbibliothek fest. Es sind Gebetbücher, Litaneien, Auslegungen der Benediktsregel, Abschriften von täglichen und monatlichen Betrachtungen, geistliche Lesungen oder Andachtsübungen.

Schmuki nennt eine ganze Reihe von Schwestern, die Handschriften verfassten, und es waren nicht nur Priorinnen. Er schreibt: «Inhaltlich zeugen die Handschriften von der grossen Religiosität und Frömmigkeit, aber auch von der gehobenen Bildung der Besitzerinnen.»

«Beim Kloster St. Gallenberg handelt es sich um den letzten Zweig benediktinischer Tradition, die historisch mit der 1805 liquidierten Fürstabtei St. Gallen verbunden ist.»

Zu den Dokumenten, die die Stiftsbibliothek nun übernommen hat, zählen zum Beispiel rund zwei Dutzend Handschriften von Wiborada Zislin (1749-1812), die sehr viel geschrieben hatte. Zislin war Archivarin, Chronistin, Novizenmeisterin und Organistin des Konvents und Autorin einer bedeutenden Klosterchronik über die Jahre 1754 bis 1799, schreibt Markus Kaiser im Historischen Lexikon der Schweiz.

Die Schriften der Ordensfrauen geben Einblick in die benediktinische Spiritualität und speziell in die Ewige Anbetung, die im Kloster seit dessen Gründung praktiziert wurde, sagt Albert Holenstein. «Beim Kloster St. Gallenberg handelt es sich um den letzten Zweig benediktinischer Tradition, die historisch mit der 1805 liquidierten Fürstabtei St. Gallen verbunden ist.»

Bücher aus St. Galler Klosterdruckerei

In der Klosterbibliothek wurden zudem auch Handschriften von St. Galler Mönchen aufbewahrt, die im Frauenkloster als Spiritual und Beichtiger, also Beichtvater, gewirkt hatten.

Bei den zirka 120 Drucken, die die Stiftsbibliothek zu sich holte, handelt es sich laut Holenstein zumeist um Bücher, die in der Druckerei der Fürstabtei St. Gallen gedruckt worden waren oder die einen Besitzeintrag eines St. Galler Mönchs aufweisen.

Die Dokumente aus dem Kloster St. Gallenberg lagern noch in den Einkaufssäcken, in denen sie nach St. Gallen transportiert wurden.
Die Dokumente aus dem Kloster St. Gallenberg lagern noch in den Einkaufssäcken, in denen sie nach St. Gallen transportiert wurden.

Überprüfung auf Schimmel und Schädlinge

Zurzeit lagern die Handschriften und Drucke noch in den Einkaufssäcken, die zum Transport der Kulturgüter verwendet wurden. Bevor die Dokumente katalogisiert und in den Bestand der Stiftsbibliothek übernommen werden, müsse in einem ersten Schritt ihr konservatorischer Zustand überprüft werden, erklärt Albert Holenstein. Bei sehr staubigen Büchern sei eine Trockenreinigung notwendig. «Und wenn der Bestand von Schimmel oder Schädlingen befallen ist – was noch schlimmer wäre –, müssten die Bücher zuerst in Quarantäne und professionell gereinigt werden.»

Voraussichtlich im Herbst werde eine Bibliothekarin mit der Katalogisierung der Dokumente beginnen, was zirka zwei Jahre dauern werde. Und dann können Interessierte Einblick in das klösterliche Kulturerbe nehmen.

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Bibliothek der Benediktinerinnenabtei St. Gallenberg in Glattburg bei Oberbüren SG | © Albert Holenstein
13. Juli 2026 | 12:00
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