Schweiz
SRF-Talk über Missbrauch: Kirche braucht Strukturwandel
Am Dienstagabend wurde im SRF «Club» über Missbrauch in der katholischen Kirche diskutiert. Seelsorgerin Hella Sodies fand deutliche Worte und forderte die Bischöfe zum Ungehorsam auf. Urs Brosi von der RKZ formulierte vier Forderungen an die Bischofskonferenz. Und aus Sicht von Abt Peter von Sury hat das Unfehlbarkeitsdogma viel Unheil gebracht.
Jacqueline Straub
Unter dem Titel «Männerkirche, Macht und Missbrauch» diskutierten am Dienstagabend in der Talkrunde «Club» des Schweizer Fernsehens ein Missbrauchsbetroffener zusammen mit dem Churer Bischof Joseph Bonnemain, Seelsorgerin Hella Sodies, dem forensischen Psychiater Marc Graf, dem Präventionsbeauftragten Stefan Loppacher und Abt Peter von Sury vom Kloster Maria Stein.
Andreas Santoni wurde von einem Pfarrer über Jahre hinweg sexuell missbraucht. «Wenn ich die vier Jahre zusammenrechne, sind das mehr als 100 Mal gewesen», sagt er. 40 Jahre konnte er darüber nicht sprechen. Schon vor seinem Missbrauch war bekannt, dass der Priester pädophil war. Sein Leid hätte verhindert werden können.
Joseph Bonnemain zeigte sich nach den Schilderungen des Überlebenden «sprachlos, niedergeschlagen». Solche Geschichten geben ihm noch «mehr Entschlossenheit», gegen Missbrauch anzukämpfen. «Das ist nur Bla Bla für mich», reagierte Andreas Santoni.
Notwendiger Strukturwandel
Hella Sodies, Co-Pfarreileiterin Greifensee-Nänikon-Werrikon, forderte Bischof Joseph Bonnemain zum Handeln auf. «Ihr sprecht so viel von einem Kulturwandel.» Dieser sei aber nicht möglich ohne einen Strukturwandel. «Wir sind dran», antwortete Joseph Bonnemain.
«Es gibt keine Fehlerkultur in der Kirche», sagte der Präventionsbeauftragte Stefan Loppacher. «Es gibt kein Schuldeingeständnis, dass man die Menschen nochmals 20 Jahre vertröstet hat, dass man Betroffene nochmals verletzt hat, weil man ihnen Sachen verspricht und es nicht einlöst.»
Man habe nicht nur in der Vergangenheitsbewältigung versagt, sondern auch im aktuellen Umgang, «indem man Zeit verloren hat», so Loppacher. Das Kerngeschäft der Kirche sei es, schöne Geschichten zu erzählen, kritisierte der Präventionsbeauftragte.
Unfehlbarkeitsdogma brachte Unheil
Die Kirche habe immer noch eine Haltung der Unfehlbarkeit, sagte Peter von Sury, Abt von Mariastein. Es sei nicht einfach, sich davon zu lösen. Die Haltung, zu Fehlern zu stehen, sei auch bei ihm selbst «unterentwickelt». Das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes sei dafür verantwortlich. «Das war ein absolutes Unheil für die Kirche», so der Abt.
Der forensische Psychiater Marc Graf findet es sehr problematisch, wenn die Kirche zuerst mit dem Opfer Kontakt aufnimmt und fragt, ob es in deren Interesse ist, die Straftat zu verfolgen. «Solange die Kernideologie mit Unfehlbarkeit weiterbesteht, ist es sehr schwierig, dass Kirche innere, wirkliche Veränderungen macht.»
Voruntersuchung muss Bischof machen
Auch dass Bischof Joseph Bonnemain zum Sonderermittler beauftragt wurde, um die Vertuschung von Missbrauch durch seine Amtsbrüder zu untersuchen, kam im «Club» zur Sprache. Am liebsten hätte er diesen Auftrag ausgeschlagen, sagte Bonnemain in der Sendung. «Aber dann wäre das Ganze still geblieben. Weil die Gesetzgebung bis heute ist, dass das ein Bischof tun muss.»
Der Missbrauchsüberlebende Andreas Santoni bezweifelt, dass Joseph Bonnemain unabhängig gegen seine Mitbrüder im Amt eine Voruntersuchung leiten kann. Selbst Abt Peter von Sury kann es nicht nachvollziehen, warum eine Voruntersuchung von einem Bischof gemacht werden muss. «Das ist eins von den grundlegenden Problemen.»
«Man kann nicht nach 70 Jahre Vertuschungskultur weiter Ermittlungen inhouse machen wollen», sagte Stefan Loppacher. Die Bemühungen sexuellen Missbrauch aufzuklären, muss «konkret» werden, forderte die Seelsorgerin Hella Sodies. «Ihr als Bischöfe seid frei. Es ist eure Entscheidung, ob ihr das Kirchenrecht zentral setzt oder die Menschen. Und vielleicht braucht es auch einmal einen Ungehorsam gegenüber dem Kirchenrecht, damit sich was verändert.»
Vier Forderungen der RKZ
Zur Sendung wurde auch Urs Brosi, Generalsekretät der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), dazu geschaltet. Die RKZ hat vier Forderungen formuliert: So wollen sie, dass eine externe Fachperson Bischof Joseph Bonnemain zur Seite gestellt wird, die mit ihm zusammen die Untersuchung leitet. Die RKZ fordert, dass die Meldestellen eine Kontrollfunktion haben und dass es Gerichtshöfe gibt, die über die Bistumsgrenzen hinweg kommunizieren. Zudem soll das partnerschaftliche Leben Privatsache sein.
Die Forderungen der RKZ «ritzen ein Stück weit am Kirchenrecht», so Urs Brosi. Nur dadurch könne sich etwas ändern. «Wenn wir immer systemloyal bleiben, dann werden wir nicht weiterkommen.»
Ein ehemaliger stellvertretender Bundesanwalt soll, so Urs Brosi, Bischof Joseph Bonnemain zur Seite gestellt werden. Zudem sei es nicht auszuschliessen, dass den Bischöfen die Gelder von der RKZ eingestellt werden, wenn sich zu wenig bewegt.
Bischof Bonnemain begrüsst Forderungen
«Ich bin sehr dankbar, dass solche Forderungen kommen», sagte Bischof Joseph Maria Bonnemain daraufhin. Dass ihm ein Experte zur Seite gestellt werden soll, könne er nur begrüssen. «Ich werde das tun», versicherte er. Den Druck durch Einstellung der Gelder finde er hingegen nicht den richtigen Weg.
«Ich möchte sehen, wie sich die Bischofskonferenz von der alten und immer noch offiziellen Sexualmoral endgültig distanziert», sagte Priester Stefan Loppacher. Denn diese habe Missbrauch begünstigt.
Frauen ausgeschlossen
Im «Club» wurde auch die Frauenfrage besprochen. Ein reines Männersystem berge die Gefahr, dass es zu Intransparenz und Machtansammlung komme, so der forensische Psychiater Marc Graf.
Seelsorgerin Hella Sodies sprach von einem «Maulkorb», den sie anziehen müsse. Denn als Frau darf sie nicht der Eucharistie vorstehen. Bischof Joseph Bonnemain versuchte zu erklären, dass Frauen heute ja schon sehr viel in der Kirche machen dürften.
Solche «schöne Ausweichungen» sind für Stefan Loppacher schwierig auszuhalten, wie er sagte. Er betonte, dass Frauen nicht gleichberechtigt und immer von den Männern abhängig sind – etwa auch in Blick auf die Missio einer Seelsorgerin.
Die letzten Minuten der Sendung gehörten den Betroffenen von sexuellem Missbrauch. In Audio-Beiträgen erzählten Überlebende, was ihnen Priester angetan haben.
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