«Spiritualität boomt»: Hunderte feiern Abschluss der Grossen Exerzitien im Berner Münster
Mit einem ökumenischen Gottesdienst im Berner Münster sind am Pfingstmontag die sechsmonatigen «Grossen Exerzitien im Alltag» zu Ende gegangen. Die Bewegung begann 2021 in St. Gallen mit 210 Teilnehmenden – inzwischen machten 2700 Menschen in 96 Gruppen mit.
Sabine Zgraggen
Der Pfingstmontag kündigte sich in der Schweiz als Hitzetag an. Während viele Menschen auf den Strassen aus den Feiertagen zurückkehrten oder Ausflüge machten, zogen Hunderte fast sternförmig aus der ganzen Schweiz nach Bern. Aus der West- wie Ostschweiz, der Zentralschweiz, sogar aus dem Tessin, kamen sie ins Berner Münster, um gemeinsam den Abschluss der «Grossen Exerzitien im Alltag» zu feiern.
Menschen über 50 auf der Suche
Das historisch bedeutende reformierte Münster war dicht gefüllt. Nicht triumphal oder spektakulär wirkte die Atmosphäre, sondern konzentriert, würdig, friedvoll. Die meisten Teilnehmenden waren über 50 Jahre alt. Es ist demnach keine Bewegung der Jungen. Gerade darin zeigt sich jedoch etwas Bemerkenswertes: Eine Generation kirchlich verbundener Menschen sucht neu nach spiritueller Vertiefung.
Die Idee begann einst klein. Inzwischen ist es eine ökumenische Bewegung, die sich wie eine Welle ausbreitet. Im vergangenen Advent meldeten sich 96 Gruppen an, insgesamt rund 2700 Personen. Sie haben sich sechs Monate lang täglich Zeit genommen, um «Gott einen Ort im Alltag zu sichern». Grundlage war ein Exerzitienbuch mit Bibeltexten und Impulsen der französischen Mystikerin Madeleine Delbrêl. Für Katholikinnen und Katholiken stimmte der Leseplan mit dem Sonntagsevangelium in der Pfarrei überein.
Tanzen mit Gott
Der Abschlussgottesdienst begann mit dem Lied «Erfreue dich Himmel, erfreue dich Erde», die Gläubigen standen auf und wurden zu einem einfachen Gebärdengebet eingeladen. Die St. Galler Seelsorgerin Hildegard Aepli, Mitinitiantin des ökumenischen Projekts, sprach denn auch über das Tanzen mit Gott: «Der Heilige Geist ist nicht gekommen, um sich in uns auszuruhen, sondern um uns in Bewegung zu bringen!» Versteifungen und Kopflastigkeiten verhindern dabei «den Tanz mit Gott», zeigte sich Aepli überzeugt.
Persönliche Zeugnisse
Im Zentrum des Gottesdienstes standen fünf persönliche Zeugnisse. Gisela Berger erinnerte daran, dass sie bereits 1962 im Berner Münster konfirmiert worden sei. Die monatlichen Treffen der Exerzitiengruppe hätten ihr «eine ganz neue Welt erschlossen» und in unsicheren Zeiten Halt gegeben. Sydney Gautschi berichtete, wie das tägliche Anzünden einer Kerze am frühen Morgen seinen Alltag verändert habe: «Es sind keine verlorenen Minuten, sondern gewonnene Zeit.» Das Herzensgebet «Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner» habe ihn Atemzug für Atemzug im Alltag begleitet.
Helga Rodriguez erzählte von Konflikten in ihrer Wohngemeinschaft und davon, wie die Kontemplation ihr half, einen inneren Ort der Ruhe zu finden: «Die Stille meines Wohnzimmers wurde durch die Kontemplation ein Ort der Gottesbegegnung.» Markus Weber verband seinen geistlichen Weg mit einer Wanderung auf dem Jakobsweg. Dort seien Gespräche über Hoffnung entstanden, die es sonst nie gegeben hätte. Besonders eindrücklich blieb ihm der Satz: «Lass meinen Mund stille sein, dann spricht mein Herz. Lass mein Herz stille sein, dann spricht Gott.»
Exerzitien mit «Nebenwirkungen»
Für Heiterkeit sorgte schliesslich Christoph Scheurer, der die «Nebenwirkungen» der Exerzitien wie ein Medikamentenbeipackzettel schilderte: Verändertes Zeitgefühl, weniger Interesse an Bildschirmzeit und ein «deutlicher Schaden fürs (Ego-) Ich». Statt der Ich-Form bete er heute häufiger in der Wir-Form. Auch «unvernünftige Hoffnung wider alle Vernunft» könne auftreten. Die Ausführungen erheiterten und füllten das Münster aus.
Es folgte ein offenes reformiertes Abendmahl unter der Leitung der Berner Pfarrerin Mirjam Wey. In langen Reihen traten die Menschen nach vorne, empfingen Zopfbrot und Traubensaft. Das dauerte lange, und trotzdem blieb alles ruhig und würdevoll.
Zum Abschluss dankte Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, allen Beteiligten. Viele Menschen sehnten sich heute nach einer Begegnung mit Gott, sagte sie. Die Welt brauche Menschen, die sich neu vom Heiligen Geist und Evangelium entzünden lassen. Gleichzeitig brauche auch die Kirche selbst diese geistliche Erneuerung von der Basis her, sagte Famos.
Im Advent 2028 geht es weiter
Hildegard Aepli kündigte bereits die nächsten Grossen Exerzitien an. Sie sollen im Advent 2028 beginnen und sich mit den Schriften der jüdischen Mystikerin Etty Hillesum beschäftigen. Ihr Fazit der Grossen Exerzitien im Alltag lautete schlicht: «Spiritualität boomt.»
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