Junge Synodenteilnehmer am 5. Oktober in der Audienzhalle im Vatikan | © KNA
Schweiz
Junge Synodenteilnehmer am 5. Oktober in der Audienzhalle im Vatikan | © KNA

«Sorgen wir mit jungen Menschen dafür, dass die Kirche nicht wieder einschläft»

Zürich, 11.1.19 (kath.ch) Bereits ist es eine Weile her, dass in Rom Bischöfe aus aller Welt das Thema Jugend und Kirche diskutierten. Wird die Bischofssynode das Verhältnis der Kirche zu jungen Menschen dauerhaft verändern? kath.ch hat die Einschätzungen eines Jugendarbeiters sowie von zwei Teilnehmern der Vorsynode zum Schlussdokument zusammengestellt.

Martin Spilker

«Das Dokument lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits lese ich da Dinge, welche durchaus dem Klischee einer dogmatischen und sturen Kirche entsprechen. Andererseits finde ich aber auch viele Passagen, welche mir durchaus Hoffnung machen: Hoffnung auf Fortschritt, auf eine Öffnung auch bezüglich der Rolle der Frau oder gegenüber Homosexualität», schreibt der 26-jährige Jonas Feldmann nach der Lektüre des Dokuments.

Hoffnung auf Dialog

Der Medizinstudent aus Zug hofft aber vor allem auf Dialog. «Diesen gewinnbringenden, inter- und innerreligiösen Dialog durften wir auch an der Vorsynode in Rom und seither in der Schweiz erleben.» Er hat die katholische Kirche in der Schweiz, besonders Jugendbischof Alain De Raemy, als sehr offen für die Stimme der Jugend und für Veränderung erlebt. Sein Fazit: «Diese Offenheit wird die Kirche auch in Zukunft weiterbringen.»

«Diese Offenheit wird die Kirche auch in Zukunft weiterbringen.»

Genau angeschaut hat sich das Dokument auch Sandro Bucher, bekennender Atheist und wie Jonas Feldmann einer von drei Teilnehmenden an der Vorsynode im März 2018. «Im Dokument wird nicht viel lamentiert. Im Gegenteil: Es beginnt mit der klaren Aufforderung, jungen Menschen zuzuhören», stellt er fest. Hier sieht er aber auch noch Klärungsbedarf, besonders «wie stark damit auch Anders- und Ungläubige gemeint sind».

Inkonsequente katholische Kirche?

Erstaunt zeigte sich Bucher über den im Dokument enthaltenen Appell der Kirche, sich von Ausgrenzung, Herrschaft und Diskriminierung von Frauen zu befreien, weil dies sonst die Menschenwürde verletzen würde. «Konsequenterweise bedeutet dies also die Zulassung von Frauen zum Priesteramt. Falls nicht, ist es das klare Zugeständnis, dass die katholische Kirche gegen die Menschenwürde verstösst», hält der junge Journalist aus Olten fest.

Der Vatikan wagt sich aus dem «System der Prämoderne».

Sandro Bucher, Mitglied der Freidenker-Vereinigung Schweiz, fällt positiv auf, dass im Schlussdokument auf Gefahren wie Fake News und digitale Filterblasen hingewiesen werde und dass es sich auf «die Pluralität, den Facettenreichtum und die Vielfalt der heutigen Gesellschaft» einlasse. Der Vatikan wage sich also – vorsichtig – aus seinem «System der Prämoderne». Er erwartet allerdings mehr: «Bis sich aber wirklich etwas bewegt, sind die Worte im Abschlussdokument für mich vor allem eines: Worte.»

Die Synodalen beim Wort nehmen

In einem ausführlichen Beitrag hat Claude Bachmann, Jugendarbeiter bei der katholischen Landeskirche Graubünden, Stellung genommen. Er stellt fest, dass «die Jugend» im Rahmen der Synode sehr differenziert wahrgenommen wird. So werde im Schlussdokument von einer «Vielzahl von Jugendwelten» gesprochen. Dies zu erkennen und festzuhalten sei notwendig, wenn die Kirche überhaupt auf junge Menschen zugehen wolle.

Bachmann weist darauf hin, dass die Jugend im Synodenpapier als ein «theologischer Ort» bezeichnet werde. Ein Ort, wo die «Bedeutung von jungen Menschen für die Kirche und das Erkennen der Zeichen der Zeit» hervorgehoben würden. Hier gelte es, so der Jugendseelsorger, die Verfasser des Dokuments beim Wort zu nehmen. – Der «inflationär verwendete» Satz, die Jugend sei die Zukunft der Kirche, müsse konkretisiert werden.

Erst der Anfang

Für Claude Bachmann ist mit der Synode denn auch erst ein Anfang gemacht, wie junge Menschen mit ihrem Glaubens- und Gedankengut in der Kirche zu Akteuren gemacht werden können. Denn das ist für den Jugendarbeiter klar: Eine zukunftsfähige Kirche muss eine Kirche mit und nicht für die Jugend sein: «Es gilt, junge Menschen nicht nur als Nehmende zu betrachten, sondern auch bereits als Gebende.Bei einer Partnerschaft auf Augenhöhe geht es darum, jegliches ‹ich weiss …› zu einem ‹was meinst Du zu …› zu machen.»

«Junge Menschen kommen nicht einfach ‘zu uns’.»

Zudem sieht Bachmann in der Haltung der Seelsorgenden einen wichtigen Aspekt für eine zukunftsgerechte Jugendpastoral: «Für viele Verantwortliche in Seelsorge und Pastoral ist es immer noch schwierig zu glauben, aber junge Menschen kommen nicht einfach ‹zu uns›. Die Lebensrealitäten und Glaubenswelten junger Menschen passen nicht zu einer statischen Kirche, die wartet und fordert.»

Als Wecker fungieren

Bachmann attestiert der Synode als Ganzes eine hohe Authentizität. Das sei auch nötig, denn «junge Menschen fordern eine authentische Kirche, eine bis in die feinsten und letzten Fasern ehrliche und aufrichtige Kirche». Doch mit dem Abschlussdokument dürfe die «Sache» nicht wieder abgelegt werden.

An der Jugendsynode sei die Dynamik der Synodalität wieder spürbar geworden. Diese gelte es wachzuhalten. Und hierfür verwendet der Jugendarbeiter ein ganz einprägsames Bild: «Gerade Verantwortliche in der Jugendpastoral müssen dabei als Wecker mit dauerhafter Snooze-Funktion fungieren. Lassen wir uns alle auf die Dynamik der Jugendsynode ein und sorgen mit jungen Menschen dafür, dass die katholische Kirche nicht wieder einschläft!»


Abschlussdokument der Jugendsynode gibt es jetzt auch auf Deutsch

Jonas Feldmann an der Vorsynode | © Bernard Hallet
Jonas Feldmann an der Vorsynode | © Bernard Hallet
Sandro Bucher, Teilnehmer an der Vorsynode | © Vera Rüttimann
Sandro Bucher, Teilnehmer an der Vorsynode | © Vera Rüttimann
Teilnehmende der Jugendsynode am 25. Oktober auf dem Petersplatz im Vatikan | © KNA
Teilnehmende der Jugendsynode am 25. Oktober auf dem Petersplatz im Vatikan | © KNA
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