Religion anders

Sind Studentenverbindungen immer noch stockkatholisch?

Von Trinkzwang bis Chauvinismus: Über Studentenverbindungen gibt es viele Vorurteile. Manche stimmen, andere nicht. Fakt ist, dass viele Verbindungen eine konfessionelle Prägung haben. Doch es lohnt sich, genau hinzuschauen. Es gibt etwa reformierte Verbindungen, die Frauen ablehnen – und katholische, die Frauen zulassen.

Sophie Zimmermann*

Studierende, die in Verbindungen sind, werden oft mit neugierigen Fragen zugedeckt: «Nehmt ihr auch Frauen auf?», «Fechtet ihr?» oder «Wie schnell kannst du ein Bier stürzen?»

Oft reagieren die Leute aber auch mit verhaltener Vorsicht: «Welche Partei wählst du denn?» Das Vorurteil, Mitglieder von Studentenverbindungen seien alle rechtsradikal, scheint sich hartnäckig zu halten. Im Folgenden ein Versuch, Vorurteile mit der Realität abzugleichen.

1-In Studentenverbindungen wird gesoffen bis zum Kotzen

Natürlich wird bei Verbindungsfesten Bier und Wein getrunken. Und ja, manchmal wird ein «Bierduell» ausgetragen, die weiche und eher spassige Alternative zum Fechten. Bei einem Bierduell geht es darum, wer der beiden Duellierenden schneller ein Bier stürzen kann.

Es gibt Verbindungen mit einem «Trinkzwang», andere lehnen einen solchen strikt ab. Wohl kann man sagen: Ja, es wird eher viel Bier getrunken. Aber schliesslich ist es wohl wie in jedem Turn- oder Gesangsverein oder wie in jeder Studi-WG: es gibt die, die gerne über die Stränge schlagen – und es gibt die, die wenig oder gar nichts trinken.

2-Studentenverbindungsleute sind alle rechtsradikal, frauenfeindlich und elitär

Leider hört man immer wieder von rechtsradikalen Verbindungen in Deutschland und Österreich, die sogar vom Verfassungsschutz überwacht werden. Tatsächlich kann eine Verbindung Menschen anziehen, die rechtsradikales, rassistisches und frauenfeindlichen Gedankengut teilen. Jedoch lehnen die allermeisten Verbindungen in unseren Nachbarsländern solche Ansichten strikt ab und sind politisch neutral.

In der Schweiz gibt es keine rechtsradikalen Verbindungen. Meist haben die Verbindungsmitglieder politisch sehr verschiedene Einstellungen, was anregende Diskussionen hervorruft und einem Verein auch Leben verleiht.

Die weitaus grösste Mehrheit der Verbindungsleute leidet darunter, dass Freude und Geselligkeit der Verbindungen für rechtsradikales Gedankengut missbraucht werden. Das ist wohl vergleichbar mit Christinnen und Christen, die darunter leiden, wie Fundamentalisten die Bibel missbrauchen. Rechtsradikalität und Frauenfeindlichkeit haben in Studentenverbindungen nichts zu suchen.

3-Studentenverbindungen sind geheimnistuerisch

Es sieht schon geheimnisvoll aus: Die Uniform aus Mutz und Band, die Gruppendynamiken und Rituale, die von aussen nicht auf Anhieb gelesen werden können, die Lieder, die man vielleicht noch nicht kennt. Zudem haben die meisten Verbindungsmitglieder einen «Vulgo», vergleichbar mit einem Pfadinamen, der innerhalb der Verbindung gebraucht wird. Die Welt der Studentenverbindungen vermag so einen geheimnisvollen Touch haben.

Doch eigentlich stimmt das Vorurteil nicht. Fast jede Studentenverbindung hat eine öffentliche Internetseite mit Ansprechpersonen, die gerne Auskunft geben. Stämme – also Treffen – und Anlässe sind fast immer öffentlich. Und es gibt keinerlei Geheimwissen oder versteckte Codes.

Hans Küng (links) mit Bischof Felix Gmür. Sie feierten 2011 das 165-jährige Bestehen des Schweizerischen Studentenvereins in Sursee.

4-In Studentenverbindungen herrschen ungesunde hierarchische Strukturen

Die allermeisten Studentenverbindungen haben verschiedene Mitgliederarten: Die «Füchse» oder «Füxe» sind die neuen Mitglieder, die die Uni und das Verbindungsleben erst kennenlernen. Sie übernehmen meist die kleinen «Ämtli» und sind beispielsweise für die Organisation der Getränke zuständig, müssen dafür aber nie das Portemonnaie zücken.

Die «Füxse» werden später zu «Burschen». Diese planen und organisieren die Anlässe und führen die Jüngeren ins Verbindungsleben ein. Mit der Verantwortung übernehmen die Burschen dann auch die Finanzierung der jüngeren Semester – ein Umlagerungsprinzip also. Nach dem Studium werden aus den Burschen «Altherren» – so heissen übrigens auch die weiblichen Ehemaligen. Die «Altherren» nehmen meist sporadisch an Anlässen teil und halten den Kontakt zu ihren Mitsemestern und der jungen Generation.

Also ja, es gibt Hierarchien, aber ob sie ungesund sind? Das kommt wohl auf den «Usus» der Verbindung drauf an, ob die Hierarchie als krasses Machtgefälle ausgelebt wird oder nicht. Das wichtigste dabei ist wohl, dass jedes Mitglied freiwillig dabei ist, und dass ein Austritt oder eine Umorganisation der Struktur grundsätzlich möglich ist – wie bei jedem Verein eben.

5-Studentenverbindungsleute betreiben untereinander Vetternwirtschaft

In einer Verbindung zu sein, bringt einen grossen Bekanntenkreis mit sich. Diese Bekanntschaften haben bestimmt einigen Verbindungsmitgliedern zu Jobs und Positionen verholfen – wie Bekanntschaften woanders auch. Studentenverbindungen sind aber nicht per se ein Vetternwirtschaftsnetzwerk, sondern ein Freundschaftsnetz

6-Studentenverbindungen sind stockkatholisch

Zum Schluss noch das Vorurteil, dass Studentenverbindungen stockkatholisch seien. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die Schweizer Studentenverbindungslandschaft ist bis heute hauptsächlich von drei Verbänden geprägt, die im Kulturkampf entstanden sind. Das heisst: Ja, es gibt einen konfessionellen Hintergrund. Aber der kann nicht nur katholisch sein, sondern auch reformiert.

Heute ist es eher so: Die Studentenverbindungen kennen ihre Geschichte, auch wenn Konfession oder politische Stossrichtung nur noch eine kleine Rolle spielt.

Das Katholischsein einer Verbindung zeigt sich vielmehr im gelebten Glauben. Zu einer katholischen Studentenverbindung gehört ein Semestereröffnungsgottesdienst und eine Hauptmesse beim Zentralfest. Oft steht ein Priester, der zu den «Altherren» gehört, der Messe vor.

In Freiburg nehmen die katholischen Verbindungsleute an der Fronleichnamsprozession teil und machen eine Wallfahrt nach Ziteil. Fazit: katholisch ja, stockkatholisch nein.

Katholische Promis beim Schweizerischen Studentenverein

Bischof Markus Büchel von St. Gallen, AV Leonina
Bischof Charles Morerod von Lausanne, Genf und Freiburg, SA Sarinia
Bischof Felix Gmür von Basel, AV Semper Fidelis
Abt Urban Federer von Einsiedeln, AV Fryburgia
Kardinal Kurt Koch, AV Waldstättia
Matthias Hüppi, Präsident des FC St. Gallen, GV Corvina, AKV Kyburger, AKV Bodania
Viola Amherd, Bundesrätin, Sectio Brigensis
Doris Leuthard, alt Bundesrätin, Ehrenmitglied
Karin Keller-Sutter, Bundesrätin, Ehrenmitglied
Hans Küng (verstorben), Theologe, Helvetia Romana

* Sophie Zimmermann gehört dem Schweizerischen Studentenverein an, kurz dem Schw.StV. Der Verein nimmt seit 1968 auch Frauen auf.

Männer der Studentenverbindung Rotacher Appenzell an der Stosswallfahrt, 2019 | © Vera Rüttimann
28. August 2021 | 05:00
Teilen Sie diesen Artikel!

Schlagend oder nicht schlagend, katholisch oder reformiert: Die Vielfalt der Schweizer Studentenverbindungen

Es gibt verschiedene Arten von Studentenverbindungen. Einige sind «schlagend», also duellieren sich im Fechten. Bei anderen Verbindungen sind solche Duelle verboten und ein sofortiges Ausschlusskriterium.

Einige nehmen nach wie vor nur Männer auf, andere sind gemischt, andere haben nur weibliche Mitglieder. Es gibt aber auch Singstudenten oder studentische Turnerschaften.

Der Zofingerverein, auch Zofingia genannt, wurde 1819 als Zusammenschluss liberal-protestantischer Studenten gegründet. Die Zofingia hat mehrere Untersektionen an verschiedenen Universitäten der Schweiz und ist an ihren weissen Studentenmützen erkennbar. Ihr können nur Männer beitreten, fechten ist nicht erlaubt.

1832 entstand die Helvetia aus unzufriedenen Mitgliedern der Zofinger. Sie lehnten sich gegen die gemässigt-liberale Haltung ihrer ehemaligen Verbindungsmitglieder auf. In der Helvetia gibt es schlagende und nichtschlagende Sektionen – und es können nur Männer Mitglieder sein.

1841 schliesslich entstand der Schweizerische Studentenverein, kurz Schw.StV, als katholisch-konservatives Sammelbecken für Studenten und Akademiker in Seewen SZ. Der Schw.StV nimmt seit 1968 auch Studentinnen auf. Heute gibt es rund 70 Sektionen, die zum Schw.StV zählen. Einige sind gemischt, andere nehmen nur Mitglieder eines Geschlechts auf. Fechten ist streng verboten und ein unbedingtes Ausschlusskriterium. Die Schw.StV-Mitglieder sind an ihren roten Mützen zu erkennen.

Natürlich gibt es noch andere Verbindungen, die nicht zu einem der drei grossen Verbänden gehören. Weiterhin gibt es auch Sektionen an Gymnasien oder Hochschulen, die zu den Studentenverbindungen zählen.

Die allermeisten Verbindungen pflegen untereinander eine herzliche Freundschaft: Es werden gemeinsame Anlässe, Podiumsdiskussionen oder Feste organisiert – auch über Sektions- und Verbandsgrenzen hinweg. (sz)