«Sie verlieren nie die Hoffnung»: Pfarrer Anthony Chukwu zu Besuch in seiner Heimat Nigeria
In Nigeria leben Priester gefährlich. Immer wieder werden Geistliche von Kidnapper-Banden entführt, um Lösegeld zu erpressen. Baars Pfarrer Anthony Chukwu, der kürzlich zwei Wochen in seiner afrikanischen Heimat verbrachte, liess sich trotzdem nicht davon abschrecken, Verwandte, Bekannte und Hilfesuchende zu besuchen.
Wolfgang Holz
Priester haben keine bis an die Zähne bewaffneten Bodyguards. «Das ist vor allem der Grund, warum in Nigeria Priester und keine Politiker entführt werden», erklärt Anthony Chukwu. Seit 12 Jahren ist der 61-Jährige Pfarrer in Baar, seit 30 Jahren lebt er in der Schweiz. Jüngst stattete er seiner Heimat einen Besuch ab.
Geschwister hatten grosse Angst um ihn
«Als ich dieses Mal in meinem Heimatdorf Arondizuogu im Südosten Nigerias ankam, wollten mich meine Geschwister, die grosse Angst hegten, zur Vorsicht möglichst von der Öffentlichkeit fernhalten, damit ich mich als Priester nicht in Gefahr begebe», erzählt Chukwu – aus der rund 4500 Kilometer entfernten Behaglichkeit des Baarer Pfarrbüros.
Für entführte Priester würden Lösegelder von umgerechnet 5000 bis 10’000 Franken gezahlt. So mancher gekidnappte Priester wurde in den vergangenen Jahren auch einfach umgebracht. Für die meisten Nigerianer sei der Alltag dagegen nicht so gefährlich: «Probleme bekommen Menschen, die Geld haben.»
«Es ist mir nichts passiert»
Doch zurück zur Reise in seine Heimat. «Ich bin ja nicht nach Nigeria geflogen, um mich vor Ort einsperren zu lassen», sagt Chukwu mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Früher habe man Priester nicht einmal berühren dürfen, geschweige denn entführt. Er habe, wohl informiert über die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage, dann trotzdem auch dieses Mal seine Besuche gemacht – allerdings ohne diese lange im Voraus anzukündigen. «Es ist mir nichts passiert.»
Sagts und erinnert sich, dass er vor zehn Jahren zusammen mit einer Schweizer Delegation im heutigen, von den radikal islamistischen Boko Haram-Terroristen beherrschten Norden Nigerias «mit katholischem Priesterkragen» noch ganz friedlich eine Koranschule besichtigen konnte. Tempi passati.
«Fast wie ein Gottgesandter empfangen worden»
Die Menschen in seiner Heimat freuten sich jedenfalls sehr auf seine Besuche. Er sei «fast wie ein Gottgesandter empfangen worden, um ihre Not zu lindern», so Chukwu. Kein Wunder. Seine neun Geschwister unterstützt er seit Jahren materiell von der Schweiz aus von seinem Gehalt und mittels Kollekten in der Baarer Pfarrei – ebenso wie zwei Gruppen von insgesamt 45 Hilfsbedürftigen: Witwen, Waisen, Kranke. «Die erhalten sonst keinerlei finanzielle Hilfe.»
«Die Armut ist sehr verbreitet in Nigeria, die wirtschaftliche Not ist grösser geworden, obwohl das Land zu den bedeutenden Erdölproduzenten der Welt gehört.»
Per Geldüberweisung aus der Schweiz und dann vor Ort durch Vertrauenspersonen verteilt, erhalten diese Armen konkret je rund 30 Franken. «Mit diesem Geld können sie einen Monat leben», sagt der Baarer Pfarrer. Sie seien überaus dankbar für die Hilfe.
Kleine Händler auf den Märkten
«Die Armut ist sehr verbreitet in Nigeria, die wirtschaftliche Not ist grösser geworden, obwohl das Land zu den bedeutenden Erdölproduzenten der Welt gehört. Doch von diesem natürlichen Reichtum profitieren angesichts der gewaltigen Korruption eben die wenigsten», erklärt Anthony Chukwu. Seine Verwandten und Bekannten leben weitgehend vom Kleinhandel auf lokalen Märkten. Mit Palmöl und Kosmetikprodukten beispielsweise.
«Vor allem verlieren sie nie die Hoffnung, denn: solange man lebt, sagen sie, gibt es Hoffnung.»
Und doch würden die Menschen eine grosse Lebensfreude ausstrahlen, seien dankbar für Kleinigkeiten, versichert der Baarer Pfarrer. «Vor allem verlieren sie nie die Hoffnung, denn: solange man lebt, sagen sie, gibt es Hoffnung», bringt er das Lebensmotto der Menschen auf den Punkt.
Rund 19 Millionen Katholiken in Nigeria
Eine bewundernswerte Lebensfreude, die sich aus seiner Sicht auch im Alltag der katholischen Kirche in Nigeria widerspiegelt. 40 bis 45 Prozent der Bevölkerung seien Christen, durchschnittlich also 80 Millionen Menschen. 19 Millionen Menschen davon gehören der römisch-katholischen Kirche an.
«Die Kirche ist für die Menschen hier sehr, sehr wichtig.»
«Die Gläubigen identifizieren sich mit ihrer Kirche, sie sprechen von ‹unserer Kirche› und versuchen sich in das Miteinander der Kirche mit einzubringen. Auch die Jugend ist voll engagiert», sagt Chukwu. «Die Kirche ist für die Menschen hier sehr, sehr wichtig.» Deshalb schrumpfe die Kirche in Afrika und Nigeria auch nicht wie in Europa, «sondern sie wächst und wächst und wächst».
Dieses Miteinander in der katholischen Kirche, in der die Messen am Sonntag teils in Flughafen-Hangar grossen Kirchen gefeiert werden, und in der Gläubige ihren materiellen Beitrag zu leisten versuchten, sei auch wichtig für die Finanzierung der Kirche.
Erste Kollekte für den Pfarrer, zweite für die Pfarrei
«Denn in Nigeria gibt es keine staatlich obligatorische Kirchensteuer wie in der Schweiz – die Kirche lebt von Kollekten und Spenden», schildert Chukwu. Nicht selten gebe es dabei zwei Kollekten im Gottesdienst: «Die erste ist meist für den Priester, die zweite für den Bau und Unterhalt der Kirche.» Selbst der Bischof sei unterm Strich von Kollekten und Spenden abhängig.
Pro Messe am Sonntag kommen in seinem Dorf rund 400 bis 500 Gläubige – in Baar seien es in der Regel zwischen 70 und 120 Gottesdienstbesucher. Die Gottesdienste in Nigeria seien meist Feste der Freude und des Singens. Sagts und spielt auf seinem Smartphone ein Video ab, auf dem Frauen in bunten Kleidern zu sehen sind, die tanzend kirchliche Gesänge intonieren.
«Ich kann das Beste aus beiden Kulturen mitnehmen.»
«Ich fühle mich noch immer zwischen zwei Welten beheimatet.» Chukwu gesteht, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen. Zwar habe er die meiste Zeit seines Lebens bisher in Europa verbracht. Doch ein Teil seiner Identität und seiner Mentalität sei nach wie vor noch durch Heimatgefühle geprägt. «Ich kann das Beste aus beiden Kulturen mitnehmen», bringt er seine Gefühlslage auf den Punkt.
In der Schweiz geniesse er die Strukturiertheit und Pünktlichkeit – und natürlich seine materielle Sicherheit, die ihm erst seine Hilfe in Nigeria ermögliche. «Von meiner afrikanischen Heimat geniesse ich die Lebensfreude und die Hoffnung.»
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