Lotti lag auf dem Teppich in der Kirche während des Pfingstgottesdiensts.
Schweiz

«Sie sind unsere Mitgeschöpfe, für die wir Verantwortung tragen»: Tiersegnung in Zürich

Einen speziellen Pfingstgottesdienst feierte die Citykirche St. Jakob in Zürich: Gläubige konnten zur Feier in der reformierten Kirche ihre grossen und kleinen Lieblinge mitbringen. Pfarrer Patrick Schwarzenbach (39) segnete die Haustiere. Bei dem Gottesdienst wurde aber auch an all die geschundenen Kreaturen erinnert – Nutztiere etwa, die von Menschen gegessen werden.

Wolfgang Holz

Wuff-wuff! Jaaaaauuul! Spätestens als die Orgel den Pfingstgottesdienstes in der reformierten St. Jakobskirche in Zürich erschallte – war zu erkennen, dass an diesem kirchlichen Hochfest etwas anders war als sonst.

Kräftiges Gebell

Denn ein kräftiges Gebell und Gekläffe durchzog den sakralen Raum. Was kein Wunder war angesichts der rund 40 Gläubigen, die erschienen waren – einige mit Hunden an der Leine. Ja, sogar zwei kleine süsse Ratten im Körbchen feierten den Gottesdienst mit. Alle mitgebrachten Tiere samt ihren Herrchen und Frauchen wurden am Ende der Messe gesegnet. Genauer gesagt: die Beziehung zwischen Menschen und Tieren.

Auch diese kleine, süsse Ratte wurde gesegnet.
Auch diese kleine, süsse Ratte wurde gesegnet.

«Unsere Lotti ist eine mühsame Hündin», bekennt Ulrike Balke (80), die zusammen mit Ehemann Martin (90) zur Tiersegnung gekommen ist. Der wuschelige Lagotto Romagnolo – ein römischer Wasserhund – darf während der Messe auf einem Teppich liegen. Zwischendurch muss die Zürcherin aufstehen und mit ihr ein bisschen herumgehen in der Kirche.

Auch an andere Tiere denken

«Lotti will sehr viel wissen und ist neugierig», erzählt die Zürcherin. Sie würde es aber nicht mögen, wenn man nach ihr greife: «Bei Kindern schnappt sie oft zu», verrät Ulrike Balke. Lotti sei auch schon 16 Jahre alt – «also im gleichen Alter wie wir beide, das ist schön», sagt sie und lächelt.

Von Pfarrer Patrick Schwarzenbach gibt's ein Leckerli zur Segnung.
Von Pfarrer Patrick Schwarzenbach gibt's ein Leckerli zur Segnung.

Sie findet es wertvoll, dass bei der Tiersegnung auch all der anderen Tiere gedacht wird – Nutztieren etwa, die eingesperrt seien und schlecht behandelt würden wie Hühner. «Oder all den anderen Kreaturen, die wir Menschen essen.»

Inzwischen nimmt der Gottesdienst seinen Lauf. Die anwesenden Tiere haben sich beruhigt. Nur hin und wieder brandet kurz ein Gekläffe auf. Pfarrerin Verena Mühlethaler und Pfarrer Patrick Schwarzenbach, die den Pfingstgottesdienst leiten, lassen sich dadurch nichts stören. Sie lächeln eher.

Plakate mit biblischen Tieren

Patrick Schwarzenbach weist auf die Plakate hin, die hinter dem Altar hängen und einige Porträts von Tieren zeigen, die in der Bibel vorkommen.

Die Citykirche St. Jakob in Zürich.
Die Citykirche St. Jakob in Zürich.

Da ist zum Beispiel ein Wolf zu sehen, unter dem das Bibelzitat steht: «Und der Wolf wird beim Lamm weilen, und ein junger Knabe leitet sie.» Oder ein Löwe: «Und Jesus war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.» Er erwähnt auch Marias Esel. Und den Wal mit Jonas im Bauch.

«Mir geht das Herz auf bei so viel Leben.»

Pfarrer Patrick Schwarzenbach, Citykirche St. Jakob

Pfarrer Schwarzenbach hat selbst ein grosses Herz für Tiere. In seiner Predigt erzählt von seiner Jugend und dem Berner Sennenhund seiner Grosseltern. «Dieses Tier war nicht nur ein Hund für mich, sondern ein Mitgeschöpf, an das ich mich anlehnen oder das ich kraulen konnte, wenn es mir nicht gutging. Auch seine lieben Augen gaben mir Halt», erinnert sich der 39-jährige Seelsorger.

Es ist schon seine siebte Tiersegnung: Pfarrer Patrick Schwarzenbach.
Es ist schon seine siebte Tiersegnung: Pfarrer Patrick Schwarzenbach.

«Mir geht das Herz auf bei so viel Leben, und ich finde es sehr berührend, wenn Tiere in der Kirche sind.» Für den reformierten Pfarrer ist es bereits die siebte Tiersegnung in acht Jahren, die er in St. Jakob feiert. «Tiere sind einfach mehr als nur Tiere, und an Pfingsten, dem Fest der Umgestaltung der Welt, sollte die gedankliche Grenze zwischen Haustieren und Nutztieren durchlässig sein.»

Essgewohnheiten umdenken

Seine Kollegin, Pfarrerin Verena Mühlethaler, nimmt diesen Gedanken auf und betont in einem Gebet, dass es nicht nur um die anwesenden Tiere gehe. Man müsse auch all der Tiere gedenken, die bereits ausgestorben seien. Oder die der Menschheit nur als Fleischlieferant dienten. «Tiere sind unsere Mitgeschöpfe, für die wir Verantwortung tragen», mahnt sie. Deshalb sei es auch dringend geboten, dass die Menschen ihre Essgewohnheiten reflektierten.

Auch der Mops und sein Herrchen werden gesegnet.
Auch der Mops und sein Herrchen werden gesegnet.

Dann ist es so weit. Alle anwesenden Gläubigen, die ihre Tiere segnen lassen wollen, dürfen zum Altar vortreten. Dort stehen zwei Näpfe auf dem Boden, aus denen Pfarrer Schwarzenbach das eine oder andere Leckerli fischt, um die Tiere zu beruhigen und zu belohnen.

«Tiere gehören zur Schöpfung wie wir»

Auch die zwei kleinen, süssen Ratten erhalten Gottes Segen. Nach dem Gottesdienst gesellt sich eine junge Frau zu den anderen Gläubigen am Getränketisch in der Kirche und bekennt: «Ich finde so einen Gottesdienst mit Tieren schön – denn Tiere gehören ja genauso zur Schöpfung wie wir.» Sie selbst habe eine Katze zuhause. «Es wäre allerdings zu viel Stress gewesen, sie hierher mitzubringen.»


Lotti lag auf dem Teppich in der Kirche während des Pfingstgottesdiensts. | © Wolfgang Holz
28. Mai 2023 | 17:30
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