Schwester Tobia Rüttimann leitet die Schweizer Provinz der Ingenbohler Schwestern.
Schweiz

Schwester Tobia aus Ingenbohl: «Im Advent versuche ich, unnötige Termine zu vermeiden»

Tobia Rüttimann (55) lebt seit über 30 Jahren im Kloster. Im Interview sagt die Oberin der Schweizer Ingenbohler Schwestern, wie ihre Gemeinschaft den Advent begeht, ob sie ihre Familie an Weihnachten vermisst und ob es an Heiligabend auch im Kloster Geschenke gibt.

Barbara Ludwig

Schwester Tobia, worum geht es eigentlich im Advent?

Schwester Tobia Rüttimann*: Der Advent ist eine Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten, das heisst auf die Geburt Christi, unseres Erlösers. Eine Zeit der Erwartung. Obwohl die biblische Weihnachtsgeschichte uns allen vertraut ist, ist es wichtig, sich jedes Jahr wieder neu und bewusst auf Weihnachten vorzubereiten.

Wie geben Sie dieser Erwartung in Ihrer Klostergemeinschaft Ausdruck?

Rüttimann: Vieles ist mit Symbolik verbunden. Zentral ist das Licht. Zum Beispiel bei den 25 Adventsfenstern, die einige Schwestern vor Jahren mit Motiven wie Engeln, Hirten oder Kerzen gestaltet haben. So beleuchten wir im Advent jeden Abend ein zusätzliches Fenster. Wir stellen in verschiedenen Räumen Adventskränze auf, die am ersten Adventswochenende von einem Priester gesegnet werden.

Adventskranz im Eingangsbereich des Klosters Ingenbohl. An der Wand Porträts der Gründer: Pater Theodosius Florentini und Mutter Maria Theresia Scherer.
Adventskranz im Eingangsbereich des Klosters Ingenbohl. An der Wand Porträts der Gründer: Pater Theodosius Florentini und Mutter Maria Theresia Scherer.

Viel Kerzenlicht gibt es bei den Rorate-Gottesdiensten. Bei der Eucharistiefeier am Freitagabend in der Krypta setzen wir Akzente mit Kerzen und adventlichen Texten. In der Adventszeit gestalten wir zudem die Vesper vom Sonntagabend anders als sonst: Mit Dunkelheit, Kerzenlicht und einem Weihrauchritual wollen wir die emotionale Seite des Menschen ansprechen. Zu all unseren liturgischen Feiern sind auch Externe herzlich willkommen.

Wie geht das Weihrauchritual?

Rüttimann: Vor dem Altar steht eine grosse Schale mit heisser Kohle. Jede und jeder kann mit einem Anliegen – einer Bitte oder einem Dank zum Beispiel – nach vorne gehen und in dieser Intention einige Weihrauchkörner auf die Kohle legen. Es gibt ja den Psalmvers: «Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, mein Gott.» Daran orientiert sich das Weihrauchritual. Es ist bei den Schwestern und den Leuten von aussen sehr beliebt.

«Dunkel ist nicht nur die Nacht, sondern es gibt auch Dunkelheiten der anderen Art.»

Welches der erwähnten Rituale ist Ihnen persönlich besonders wichtig?

Rüttimann: Grundsätzlich ist für mich das Lichtsymbol etwas sehr Starkes. Dunkel ist nicht nur die Nacht, sondern es gibt auch Dunkelheiten der anderen Art, in die man Licht bringen kann. Zum Beispiel:  Wenn es einem Menschen nicht gut geht, kann ich ihm zuhören, mich um ihn kümmern. Das ist für ihn vielleicht auch Licht.

Kloster Ingenbohl: Adventsfenster leuchten in der einbrechenden Dämmerung.
Kloster Ingenbohl: Adventsfenster leuchten in der einbrechenden Dämmerung.

Wo ist es denn heute ganz dunkel?  

Rüttimann: Ganz dunkel ist es an den vielen Orten, wo heute Krieg herrscht. Und dort, wo Menschen Macht auf Kosten anderer ausüben – weil es da immer Unterdrückte gibt. Genau hier setzt die Weihnachtsbotschaft an: Gott kommt als Kind auf die Welt – machtlos, verletzlich, klein. Das ist ein Appell an unsere Mitmenschlichkeit.

Für mich enthält die Weihnachtsbotschaft eine Antwort auf die Dunkelheit: Wir Menschen sollen einander Licht bringen, füreinander da sein, Gemeinschaft stiften. Das sollte an Weihnachten zum Ausdruck kommen. Das Weihnachtsfest ist ein Fest der Gemeinschaft – ein Gegenpol zur Vereinsamung der Menschen.

Advent im Kloster Ingenbohl: Eine Wurzel erinnert an den Baumstumpf Isais.
Advent im Kloster Ingenbohl: Eine Wurzel erinnert an den Baumstumpf Isais.

Noch erwähnen möchte ich den grossen Stern an der Westseite des Klosters, den wir selber praktisch nicht sehen. Aber vom Dorf her sieht man ihn in der Advents- und Weihnachtszeit in die Nacht hinaus leuchten. Im vorletzten Winter haben wir ihn nicht angezündet, um Strom zu sparen. Die Leute im Dorf sagten uns dann, sie hätten den Stern vermisst.

«Wir haben zurzeit in der Klosterkirche eine Wurzel mit vier Kerzen – und keinen Adventskranz.»

Wie gestalten Sie die Liturgie, das Stundengebet im Advent? Was ist anders als sonst?

Rüttimann: Wir verwenden das Stundenbuch, das eigens für die Advents- und Weihnachtszeit gedacht ist. Es enthält adventliche Texte, sehr viele vom alttestamentlichen Propheten Jesaja. Zum Beispiel: «Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.» Deshalb haben wir zurzeit in der Klosterkirche eine Wurzel mit vier Kerzen – und keinen Adventskranz. Sie bezieht sich auf diese Stelle im Buch Jesaja. In der Adventszeit gestalten wir die Liturgie zudem mit Musik.

Das Kloster Ingenbohl ist ein grosser Gebäudekomplex. Wie schmücken Sie das Klosterareal in der Adventszeit?

Rüttimann: An verschiedenen Orten platzieren wir Weihnachtsgestecke. Wir stellen einzelne Krippenfiguren wie die Hirten auf dem Feld auf – noch nicht die ganze Krippe. Dann haben wir immer auch Weihnachtsbäume – grosse und kleine, bis zu 20 sind es, die wir alle aus dem eigenen Klosterwald beziehen. Unsere 230 Schwestern leben in fünf Gemeinschaften, jede hat einen eigenen Weihnachtsbaum. Auch vor der Krypta steht immer eine grosse Tanne.

«Ich kann mich noch sehr gut an meine erste Weihnacht im Kloster erinnern. Es war ganz anders als zuhause.»

Weihnachten ist auch ein Familienfest. Vermissen Sie Ihre eigene Familie an Weihnachten?

Rüttimann: Nein, ich habe meine Eltern und Geschwister nie vermisst. Sehr schnell wurde die Klostergemeinschaft meine neue Familie. Ich kann mich noch sehr gut an meine erste Weihnacht im Kloster erinnern: die gemeinsame Liturgie, das Lesen der Weihnachtsgeschichte aus der Bibel. Es war ganz anders als zuhause. Im Kloster legt man den Schwerpunkt auf die biblische Grundlage: Warum feiern wir überhaupt Weihnachten? Das entspricht mir.

Schwester Tobia Rüttimann entzündet ein Kerzenlicht.
Schwester Tobia Rüttimann entzündet ein Kerzenlicht.

Viele Menschen sagen, sie seien in der Adventszeit besonders gestresst. Das ist schade. Auch meine Agenda ist sehr voll, viele Management-Aufgaben, viele Sitzungen. Aber im Dezember versuche ich, unnötige Termine zu vermeiden. Diese Woche ist noch ziemlich viel los, aber nächste Woche wird es ruhiger. Darüber bin ich froh.

Können Sie oder Ihre Mitschwestern an Heiligabend oder am Weihnachtstag Verwandte empfangen oder besuchen?

Rüttimann: Nein. Der 24. und der 25. Dezember sind Gemeinschaftstage. Als meine Eltern noch lebten, habe ich sie jeweils nach dem 26. Dezember besucht.

Wie feiern Sie und Ihre Mitschwestern im Kloster Heiligabend?

Rüttimann: In jeder Gemeinschaft gibt es zunächst ein sehr einfaches Abendessen. Wie dann der Einstieg ins Weihnachtsfest gestaltet wird, ist der einzelnen Gemeinschaft überlassen: Eine kleine Besinnung, eine Andacht mit Lektüre aus der Bibel, das Anzünden der Kerzen am Weihnachtsbaum. Höhepunkt ist um halb neun der feierliche Festgottesdienst in der Klosterkirche, bei dem ein Schwesternchor singt und dabei von Instrumenten begleitet wird. Das eigentliche Festessen findet erst am 25. Dezember, am Weihnachtstag, statt. Und davor gibt es natürlich noch mal eine sehr feierliche Liturgie.

«Auch die Tradition des Schenkens kann jede Gemeinschaft für sich gestalten.»

Gibt es eine Bescherung unterm Weihnachtsbaum?

Rüttimann: Grosszügige Geschenke gibt es keine. Aber auch die Tradition des Schenkens kann jede Gemeinschaft für sich gestalten. Ich selber lebe als Provinzoberin in meiner eigenen kleinen Gemeinschaft. Wir sind zu viert und haben alle eine Leitungsfunktion. Als Oberin mache ich den anderen jeweils ein kleines Geschenk. Zudem senden wir von der Provinzleitung jeder der 296 Ingenbohler Schwestern eine Weihnachtskarte.

*Schwester Tobia Rüttimann (55) leitet die Schweizer Provinz der Ingenbohler Schwestern seit sieben Jahren. Der Provinz gehören zurzeit 296 Schwestern an. 230 davon leben in Ingenbohl SZ, 35 in Freiburg und die übrigen in den Kantonen Solothurn, Zürich, Zug, St. Gallen und Tessin. Rüttimann ist diplomierte Pflegefachfrau. Vor 31 Jahren hat sie ihre Profess abgelegt. Offiziell heissen die Ingenbohler Schwestern «Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz».

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Schwester Tobia Rüttimann leitet die Schweizer Provinz der Ingenbohler Schwestern. | © Barbara Ludwig
11. Dezember 2024 | 17:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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