Schweiz

Schweizer Freund in Tübingen: Hans Küng war der Stachel im Fleisch der katholischen Kirche

Hans Küng und Herbert Haag waren Professoren, die Schweizer Studenten nach Tübingen lockten. So auch Urs Baumann. Küng und Baumann wurden enge Freunde. Zuletzt sahen sie sich im Dezember. «Ich möchte einmal wie Hans Küng sterben: mit Gelassenheit», sagt Urs Baumann (79).

Raphael Rauch

Wann haben Sie zuletzt Hans Küng gesehen?

Urs Baumann: Es war Anfang Dezember 2020. Er hat mir zu meinem Geburtstag gratuliert und wollte mir den letzten Band der Gesamtausgabe seiner Werke persönlich überreichen. Heute weiss ich: Es war unser Abschiedsgespräch.

Der Schweizer Theologe Urs Baumann ist ein Schüler von Hans Küng.

Wie haben Sie ihn erlebt?

Baumann: Gezeichnet durch seine Parkinson-Erkrankung. Er konnte nicht mehr gut hören, hat schlecht gesehen, hatte Mühe beim Sprechen. Es war schwierig, mit ihm zu telefonieren. Im persönlichen Gespräch ging es besser. Er war gesprächsoffen und interessiert. Ich brachte ihm mein eben erschienenes neues Buch mit.

«Hans Küng war ein sehr energischer Mensch, ein Freund klarer Worte.»

Was ist Ihnen aufgefallen?

Baumann: Meine Frau und mich hat seine innere Ruhe zutiefst beeindruckt. Er erschien uns gelöst, fast heiter – trotz all seiner Leiden. Er war ja ein sehr energischer Mensch, ein Freund klarer Worte. Diese innere Gelassenheit hätte ich ihm so gar nicht zugetraut. So wie Hans Küng sterben zu können, bewegt mich: mit Gelassenheit und einer grossen inneren Bereitschaft zu gehen.

Hans Küng (rechts) mit seinem Schüler Urs Baumann.

Hans Küng wollte, zusammen mit seinem Kollegen Walter Jens, selbstbestimmt aus dem Leben scheiden. Sowohl Jens als auch Küng begingen aber keinen Alterssuizid. Warum der Sinneswandel?

Baumann: Sinneswandel? Wir haben darüber nie gesprochen, aber er hat uns vorgelebt, was es heisst, trotz aller Beschwernisse aus seinen alten Tagen das Beste zu machen. Er blieb bis zum Schluss dem Leben zugewandt. Soweit seine Kräfte es zuliessen, arbeitete er engagiert an der Gesamtausgabe seiner Werke mit. Auch das ist sein Vermächtnis: das Leben zu leben, wie es gegeben ist. Und: Man darf sich auch weiterentwickeln im Alter.

«Küng hat seine Meinung über ein selbstbestimmtes Sterben nicht plötzlich geändert.»

Das heisst?

Baumann: Für viele Alte und Kranke ist das eine wichtige Botschaft. Das bedeutet keineswegs, dass Küng seine Meinung über ein selbstbestimmtes Sterben plötzlich geändert hätte. Es war seine selbstbestimmte Entscheidung, seinen Weg zu gehen.

Hans Küng (zweiter von rechts) und seine Jünger: Urs Baumann (links), Bernd Jochen Hilberath (dritter von links) und Karl-Josef Kuschel (rechts).

Hat Hans Küng bis zuletzt auf eine Rehabilitierung durch Rom gehofft?

Baumann: Gehofft wahrscheinlich schon. Aber andere Themen standen im Vordergrund. 2005, als er Papst Benedikt in Rom getroffen hat, war das kein Thema. Mit Papst Franziskus hat sich 2013 atmosphärisch zwar Vieles geändert. So gibt es einen Briefwechsel, in dem der Papst seine persönliche Wertschätzung Küng gegenüber zum Ausdruck bringt. Aber in der Frage der Rehabilitation hat es trotzdem keine Fortschritte gegeben.

«Er wollte nie als Kirchenrebell etikettiert werden.»

Wie ist Hans Küng damit umgegangen?

Baumann: Die Verletzung, die seine Kirche Hans Küng angetan hat, bleibt bestehen. Gewiss war sich Hans Küng seiner Rolle als Stachel im Fleisch der katholischen Kirche bewusst, aber er wollte nie als Kirchenrebell etikettiert werden. Ihm ging es einfach darum, echte Reformen anzustossen. Aber dafür bräuchte es mehr Ehrlichkeit in der katholischen Kirche. Der kirchliche Machtapparat müsste endlich bereit sein, zuzuhören und in einen echten Dialog einzutreten.

Hans Küng auf seinem Grundstück in Sursee.

Wie kam Ihre Freundschaft zu Hans Küng zustande?

Baumann: Ursprünglich wollte ich gar nicht promovieren, sondern als Priester im sozialen Bereich tätig sein. Am Ende kam es anders: Ich habe geheiratet und wurde Professor in Tübingen. Dafür ist Hans Küng mitverantwortlich. Ich habe ihn auf einer Tagung des Schweizerischen Studentenvereins kennengelernt. Er hat mich dann so lange bekniet, bis ich zugesagt habe, nach Tübingen zu kommen, um bei ihm zu promovieren.

«Ich habe ihn früher öfters am Sempacher See besucht.»

Wie wurde aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis eine Freundschaft?

Baumann: Ein Berührungspunkt war natürlich, dass ich Schweizer war. Viele Schweizer Studierende gingen damals wegen Hans Küng und Herbert Haag nach Tübingen. Küng war es aber wichtig, dass wir Schweizer keine Sondergruppe bildeten, sondern uns integrierten, auch sprachlich. So war es selbstverständlich, dass wir mit unseren Schweizer Professoren Hochdeutsch sprachen. Im Sommer war Hans Küng bei seiner Familie in Sursee und ich bei meinen Eltern in Hochdorf im Kanton Luzern. So hatte ich Gelegenheit, ihn vor allem während meiner Promotionszeit öfters am Sempacher See zu besuchen. Das hat die persönliche Ebene vertieft – daraus ist im Laufe der Jahre eine Freundschaft entstanden.

Hans Küng

Was haben Sie von Hans Küng gelernt?

Baumann: Freiheit im Denken – auch im theologischen Denken. In erster Linie war er mein Lehrer. Er hat mir beigebracht, wie man wissenschaftlich arbeitet. Er war, was die Sprache betrifft, gnadenlos. Hans Küng vertrat die Ansicht: Wissenschaft muss verständlich sein. Er mochte kein Geschwurbel. Er war gnadenlos, auch in der Wissenschaft eine Sprache zu fordern, die man verstehen kann. Und eine Denkweise zu üben, die klar und nicht dogmatisch festgelegt ist.

«Es war ein Privileg, mit ihm zusammen zu arbeiten.»

Hans Küng war sehr eitel, manche sagen auch: Er war ein Narzisst. Also ein schwieriger Chef?

Baumann: So kann man das nicht stehen lassen. Ich war 13 Jahre lang sein Assistent. Natürlich hat er viel verlangt. Aber das haben andere Professoren auch. Ich fühlte mich nicht ausgebeutet. Im Gegenteil. Es war ein Privileg, mit ihm zusammen zu arbeiten. Er hat mich auch mein Ding machen lassen und konnte andere Meinungen akzeptieren. Wobei wir uns meistens einig waren. Väterlicherseits stamme ich aus einer christkatholischen Familie. Von daher kann ich mit der Unfehlbarkeit des Papstes genauso wenig anfangen wie Hans Küng.

Hans Küng im Jahr 1964

Im «Tagesanzeiger» war zu lesen, Hans Küngs Kirchenkritik sei wichtiger gewesen als sein Projekt Weltethos. Stimmt das?

Baumann: Beides war sehr wichtig – jedes Ding hat seine Zeit. In der Konzilszeit und danach war es die Kirchenkritik. Aber auch grosse dogmatische Fragen: Was ist Kirche? Wer ist Jesus? Existiert Gott? Später traten der interreligiöse Dialog und das Projekt Weltethos in den Vordergrund. Aber schon in den 1960er- und 1970er-Jahren hat Hans Küng für die Freundschaft unter den Religionen geworben.

«Dank Hans Küng haben Menschen zum Glauben gefunden.»

Woher hatte Hans Küng die Gewissheit, dass sein Weg richtig ist?

Baumann: In seiner theologischen Arbeit und all seinen Bemühungen war und ist Küng stets Seelsorger. Seine Theologie wollte Wege aufzeigen, wie man als kritischer moderner Mensch heute verantwortet glauben kann. Wie Christinnen und Christen trotz aller Spaltungen ökumenische Gemeinschaft leben können. Wie die Religionen weltweit in gegenseitigem Respekt eine friedliche Welt gestalten können. Unzählige Zuschriften aus aller Welt zeigen, dass Menschen durch ihn und seine Schriften wieder oder überhaupt zum Glauben gefunden haben.

Mit einer Friedenstaube gedenkt Papst Franziskus der Kriegsopfer in Mossul.

War Hans Küng ein Franziskus-Fan?

Baumann: Seine Wahl war für ihn ein Hoffnungsschimmer. Anders als mit Johannes Paul II., der jedes Gespräch ablehnte und Benedikt XVI., der über alles, nur nicht über den theologischen Konflikt reden wollte, schien mit  Franziskus ein offenes Gespräch möglich. Aber die Frage blieb: Wird sich grundsätzlich etwas ändern?

«Seht nicht gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange auf die römische Kirche.»

Welcher Satz von Hans Küng bleibt Ihnen in Erinnerung?

Baumann: Kurz zusammengefasst: Seht nicht gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange auf die römische Kirche, sondern auf das Evangelium! Seht auf Jesus. Das Evangelium ist wichtiger als die Kirche!

* Urs Baumann (79) ist emeritierter Professor für Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen. Von 1970–1977 war er als Gemeindeseelsorger und Jugendseelsorger für das Bistum Basel tätig. Dann ging er zu Hans Küng nach Tübingen – und blieb dort.


Von links Urs Baumann, Hans Küng, Anne Jensen, Bernd Jochen Hilberath und Karl-Josef Kuschel. Jensen wurde Professorin in Graz, die anderen blieben in Tübingen. | © zVg
8. April 2021 | 08:12
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