Franz von Assisi und seine Gefährten, Lateran in Rom.
Schweiz

«San Francesco poeta»: Pietro Gibellini deutet den Sonnengesang des Franz von Assisi neu

«San Francesco poeta» ist keine blosse Neuinterpretation des Sonnengesangs des heiligen Franziskus anlässlich seines 800. Todestages, sondern ein innovativer Zugang, den Professor Pietro Gibellini anbietet. Wir haben ihn anlässlich der Veröffentlichung des Bandes interviewt.

Laura Quadri, catt.ch

Professor Gibellini, welche neuen Aspekte des Sonnengesangs wollten Sie in «San Francesco poeta» hervorheben?

Pietro Gibellini*: Gerade wurde eine lange vergriffene Abhandlung des Priesters Primo Mazzolari über den Sonnengesang neu aufgelegt. Sie beginnt mit dem fulminanten Satz: «Nicht alle grossen Dichter sind Heilige, aber alle grossen Heiligen sind Dichter.» Als ich dies las, sagte ich mir: Das ist der Grund, warum ich mich in den Sonnengesang verliebte!

«Der Sonnengesang regt Geist und Herz an und erscheint bei jeder Lektüre neu.»

Meine These, auf den Punkt gebracht, lautet: Poesie und Gebet bewohnen nicht verschiedene Orte, wie namhafte Literaturkritiker von De Sanctis bis Croce dachten und wie es, aus entgegengesetzten Lagern, radikale Laizisten und strenge Klerikale glauben. Jener so alte Text begründet die italienische Dichtung. In seiner scheinbaren Einfachheit, die jener sogenannt primitiver Künstler gleicht, regt er Geist und Herz an und erscheint bei jeder Lektüre neu.

Warum haben Sie gerade jetzt das Bedürfnis verspürt, diesen Fragen nachzugehen?

Gibellini: Anlass dafür war nicht das Gedenkjahr. Dem Sonnengesang widmete ich bereits 2010 einen Text über den Bilderzyklus von Renato Laffranchi – dem Priester und Maler aus Brescia, der mein Leben tief geprägt hat. 2015 folgte dann ein Kommentar zur Enzyklika «Laudato si’», danach einige Studien in Fachzeitschriften.

Als mir der Verleger Ronzani vorschlug, ein Buch für ihn zu schreiben, ging auf, was lange gekeimt hatte. Und ich wollte etwas schreiben, das alle anspricht, Fachleute ebenso wie interessierte Laien. Ich würde sagen: Nicht ich habe Franziskus gefunden, sondern er mich, durch Vermittler, die sich ihrer Rolle aber nicht bewusst waren.

Sie legen eine Übersetzung des Sonnengesangs vor, die der ursprünglichen Aussprache noch näherkommen soll. Und Sie grenzen diese von jener Version ab, die der Kopist überliefert hat. Wenn wir Franziskus hören könnten, was würde uns im Vergleich zu dem Text überraschen, den wir in der Schule gelernt haben?

Gibellini: Shakespeare lehrt uns, denen zu misstrauen, die für Musik unempfänglich sind. Francesco liebte die Musik, er war ein Liedermacher, ein Troubadour, der anstelle der weltlichen Liebe die heilige Liebe besang, die nicht deren Gegenteil, sondern eine Vertiefung derselben ist. Die gängigen Ausgaben geben die Schreibweise des ältesten Manuskripts wieder, in dem der ursprüngliche Klang durch Schreibungen nach lateinischem Vorbild verzerrt ist.

Sie haben den Text davon befreit…

Gibellini: …Ja, wie ein Gemälderestaurator, der Staub und Schmutz entfernt, um die ursprünglichen Farbtöne zum Vorschein zu bringen. Das Ergebnis: Der Text ist viel klarer und moderner. Die Noten sind leider verloren gegangen. Aber vielleicht will es das Schicksal, dass jeder diese Lücke selbst füllt. Musiker tun dies, aber jeder von uns kann es auch tun, zumindest in Gedanken, während er die Verse liest.

Franziskus feiert nicht nur die Existenz der geschaffenen Dinge, sondern auch ihre Schönheit und Güte. Welches Gewicht hat diese Entscheidung für Franziskus als Dichter, und woher rührt sie?

Gibellini: Ein sehr grosses! Der Psalm, von dem er sich inspirieren lässt und dem Franziskus Tribut zollt, ruft zahlreiche Geschöpfe dazu auf, Gott zu preisen, und verherrlicht auf diese Weise dessen Allmacht. Franziskus nennt zwar nur die wichtigen Geschöpfe, aber er schmückt sie mit Adjektiven, besingt ihre Schönheit und zeigt dadurch einen gütigen Gott und einen Gott, der Künstler ist. Der Psalm ist ein Schwarzweissfilm, der Sonnengesang ist ein Kurzfilm in Farbe. Auf diese Weise öffnet er all jenen die Augen, die im Mittelalter – ob Ketzer oder nicht – in der materiellen Welt das Reich des Bösen sahen.

«Es ist berührend, sich vorzustellen, dass Franziskus das Leiden pries, während er selbst litt.»

In ihrer Studie sind auch die Verse über Vergebung, Leiden und Tod entscheidend: Sie markieren den Übergang vom Lobgesang zu den Seligpreisungen. Was entgeht uns am «Sonnengesang», wenn wir uns auf die Verherrlichung der Natur beschränken und diesen letzten Teil ausblenden?

Gibellini: Wenn wir das ignorieren, reduzieren wir Franziskus auf einen Umweltschützer, der eine Schöpfung ohne Schöpfer betrachtet. Während die ersten Verse des Gesangs das Alte Testament nachbilden, verweisen die letzten beiden auf das Neue Testament, auf die Bergpredigt. Es ist berührend, sich vorzustellen, dass der Dichter das Leiden pries, während er selbst litt, und die Schönheit der Schöpfung besang, als er blind war, mit den Augen der Erinnerung und des Herzens.

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Sie lesen den Franziskus aus dem 11. Gesang des «Paradieses» neu, und zwar aus der Perspektive Thomas von Aquins, der seine Lobeshymne verfasst hat. Könnten Sie näher auf diesen Aspekt eingehen?

Gibellini: Dante, der lange vom Stolz geblendet war, erkannte die Grösse des Franziskus erst nach und nach: In der «Hölle» lässt er ihn als Unwissenden dastehen, im elften Gesang des «Paradieses» preist er dessen Armut, lässt dabei jedoch die Demut ausser Acht. Erst im vorletzten Gesang begreift er dessen Grösse und setzt ihn an die Spitze der Rose der Seligen, nach Johannes dem Täufer und vor Augustinus.

Worin liegt die Aktualität des Sonnengesangs?

Gibellini: In vielem: In der wunderbaren Einfachheit der Form und der Dichte der Gedanken, in der Verteidigung der Reife, in der Würde der Frau, in der Notwendigkeit von Frieden und Nächstenliebe. Und in vielem mehr.

*Pietro Gibellini ist emeritierter ordentlicher Professor für Italienische Literatur an der Universität Ca’ Foscari von Venedig.

Das Buch (auf Italienisch): Pietro Gibellini, San Francesco poeta, Verlag Ronzani Editore.


Franz von Assisi und seine Gefährten, Lateran in Rom. | © Georges Scherrer
6. Oktober 2026 | 16:00
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