Schweiz

Religion in der Kunst und Kunst als Religion in Basel

Basel, 17.6.17 (kath.ch) Sie gilt als weltweit wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst. In diesen Tagen versetzt die «Art Basel» Kunstinteressierte wieder in einen Ausnahmezustand. Auch diese Ausgabe zeigt: Kunst und Religion gehen mancherorts eine enge Symbiose ein.

Vera Rüttimann

2017 ist ein Kunstsuperjahr. Alle zehn Jahre fallen «Documenta» in Kassel, die «Biennale» in Venedig und die «Skulptur-Projekte» in Münster zusammen. Und im Mitte Juni kommt auch noch die «Art Basel» hinzu. Die Kunstmesse in Basel ist das pulsierende Epizentrum für Kunstliebhaber, Sammler, Galeristen und Kuratoren. Wenn sich die Granden der Kunst-Szene begegnen, ist das ein Schaulaufen der besonderen Art, ein Fest für die Sinne.

Auch ein Kunst-Kirchentag

Dieser rituelle kunstsinnige Ausnahmezustand hat allein schon äusserlich etwas von einem «Kunst-Kirchentag». Allein der silberglänzende und Ufo-förmige Neubau der Basler Messe hat etwas Kathedralenartiges. Selbst der Architekt Pierre de Meuron sprach bei der Errichtung von einem «Fenster zum Himmel». Das Auftreten von Kuratoren und Kuratorinnen hat etwas Priesterliches. Die «Kunst-Gläubigen» bewegen sich in den weitläufigen Hallen wie in einer Kirche. Es wird nicht gerannt, nicht geschrien und oft auch nur geflüstert.

Blick in die Ausstellung. | © Vera Rüttimann

Was Gemeinsamkeiten von Kunst-Events und Christen-Treffen wie zum Beispiel einem Kirchentag betrifft, sagt die Kulturwissenschaftlerin Silvia Henke von der Hochschule Luzern, Design & Kunst, gegenüber kath.ch: «Wir sprechen bei beiden Grossanlässen von Spektakeln, die Leute ‹pilgern› nach Basel.» die Besucherinnen und  Besucher glaubten an die Kraft der Kunst und sie würden darüber staunen, wie viele sie sind. «Sie erfüllen bestimmte Rituale und arbeiten sich am Tag durch ihr Pflichtprogramm – sehen, kaufen, knipsen – und treffen sich am Abend für Partys», erklärt Henke weiter. Aber sie stellt auch klar: «Was ich aber sicher als Unterschied festhalten möchte: Es gibt keine gemeinsamen Bekenntnisse und es gibt keinen gemeinsamen Gott.»

«Spirituality Art»

Still stehen die Kunstkenner jedenfalls vor Installationen und Malereien. Für nicht wenige haben Bilder eine geradezu spirituelle Ausstrahlung, wie etwa das Bild von Mark Rothko, das die Fondation Beyeler an der «Art» präsentiert. Dafür scheint der Gattung «Spirituality Art» erfunden worden zu sein. Auch dieses in den Farben Anthrazit und Dunkelblau unterteilte Werk zieht die Menschen wie die Bienen der Honig an. Es kündet von tosendem Leben und zugleich vom nahenden Tod. Dennoch verströmt es selbst in seiner Düsternis eine tiefe Spiritualität, einen meditativen Sog.

Einladung zum Dialog zwischen Glaube und Kunst.

Es gab in den letzten zehn Jahren eine Reihe von grossen Ausstellungen, die Religion gleich zum Hauptthema machten. So etwa «Gott sehen» in Wilhelmshaven (2005/6), «Choosing My Religion» in Berlin (2006) oder jüngst die Ausstellung «Kunst und Religion» im westfälischen Kranenburg (2017). Die diesjährige Veranstaltungsreihe «Kunst und Religion im Dialog» im Kunstmuseum Bern und im Zentrum Paul Klee lädt zudem ein zum Dialog zwischen Glaube und Kunst. Die Reihe wird von der evangelisch-reformierten, römisch-katholischen und christkatholischen Kirche Bern mitorganisiert.

Provokation und Oberflächenreiz

Religion ist seit je her ein beliebtes Motiv bei bildenden Künstlern. Manches ist nur ästhetische Oberflächenreizung und sinnentleert. Meist aber setzen Künstler mit provokanten und komplexen Werken persönliches Statement. Nicht die Religion als solche kritisieren sie, sondern hinterfragen die Art, wie Religion ausgeübt wird. Man denke nur an das Werk von Maurizio Cattelans, der Johannes Paul II. als Puppe nachformen liess und von einem Meteoriten niedergestreckt auf dem Boden liegen zeigt.

Christusdarstellung von Nathalie Obadia. | © Vera Rüttimann

An der diesjährigen «Art» entdeckt der Besucher geübten Auge vielerorts religiöse Motive. Es werden Künstler und Künstlerinnen gezeigt, die sich in der Behandlung von Glaubensfragen einen Namen gemacht haben: Da die Berliner Künstlerin Isa Genzken, die bereits verschiedene Varianten von «Madonna mit Kind» ausgestellt hat. Zu sehen ist die Christus-Darstellung der belgischen Künstlerin Nathalie Obadia, dass farblich an das umstrittene Kunstwerk «Piss Christ» von Andres Serrano aus dem Jahr 1987 erinnert. Das Werk, eingelegt in seinen eigenen Urin, hat damals seitens der katholischen Kirche zu heftigen Protesten geführt. Die Galerie Isabella Bortolozzi (Berlin) zeigt ein Mixed-Media-Werk, in dem ein umgedrehtes Kruzifix eingearbeitet ist.

Kunst muss zu Reibung mit religiösen Narrativen führen.

Für Silvia Henke muss zeitgenössische Kunst muss auch zu Reibung mit religiösen Narrativen führen. Sie führt nennt die Arbeit von Philippe Parrone, der das Brauchtum des Christbaums themaisiert. Die Arbeit besteht aus einem zimmerhohen Christbaum, voll geschmückt, der in allen Teilen aus Stahldraht und Stahlabgüssen gefertigt ist. Der Titel lautet «Angespannte Zeiten – Elf Monate im Jahr ist es Kunst, im Dezember wird es Weihnachten» (Fraught times: For Eleven Months oft the Year it’s an Artwork and in December it’s Christmas).

Mona-Lisa von Lea Lublin. | © Vera Rüttimann

Grosse Aufmerksamkeit erregt auch die Performance «Voir clair: La Gioconda aux essuie-glaces» der argentinisch-französische Künstlerin Lea Lublin (1929-1999). Besucher stehen vor einer Darstellung der Mona Lisa, über der keck ein Scheibenwischer angebracht ist. Das Werk mit der Engelgruppe, das den Betrachter dazu auffordert, neue Sichtweisen zu erlangen, ist sinnlich, ironisch, aber auch irritierend. Die Vertreterin der Galerie «Deborah Schamoni», die Lea Lublin präsentiert, sagt: «Sie hat sich intensiv mit klassischen Madonnen-Darstellungen beschäftigt und hinterfragt in ihrem Werk oft kritisch das Verhältnis der Jungfrau zum Kind.»

Gottgleich verehrt

Immer wieder ist an Kunst-Messen wie der «Art» zu beobachten: Nicht nur grosser Kunst, die Menschen tief berührt, wird gehuldigt. Der Künstler wird manchmal selber zum Gott. Oder erfährt zumindest gottgleiche Verehrung. Man denke nur an die Lichtkünstler James Turrell und Olafur Eliasson, Performance-Künstler Matthew Barney oder an Marina Abramovic.

Nicht nur in seinem Heimatland China ist der Künstler Song Dong ein Star. Seine Installation «Through the Wall» steht bei der Sektion «Art Unlimited» am Ende der Halle. Die Besucher, die es sehen wollen, passieren Werke wie die blaue aufblasbare Skulptur von Otto Piene, den unendlich kreisende High-Tech-Zeppelin von Chris Burden oder laufen über Eier.

«Through the Wall» von Song Dong. | © Vera Rüttimann

Die meisten in der Menschentraube wissen: Die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 markierte einen Wendepunkt im Werk des heute führenden chinesischen Konzeptkünstlers. Seine neun Meter hohe und vier Meter lange Skulptur, die aus hunderten bunten Fenstern besteht, lädt die Besucher ein, in sie hineinzutreten.

Eine Installation mit der Kraft einer Kirche.

Befindet man sich im Innern, das nur aus Spiegeln und hunderten von Lampen besteht, ist da nur bodenlose Tiefe, ein unendlicher Raum und keine Trennlinien mehr. Manche Besucher stehen mit geschlossenen Augen da. Silvia Henke sagt: «Diese Installation hat die Kraft einer Kirche: sie verspricht Erlösung, sie ist von tiefer Schönheit. Gleichzeitig nimmt sie dieses Versprechen zurück: Es ist alles Illusion.»

Eine soziale Skulptur

Das gemeinsame Essen hat bei der «Art Basel» einen festen Platz im Programm. Unter dem Begriff «EAT-Art» werden an zahlreichen Orten in der Stadt Kunst und Kochen miteinander verbunden. Es entsteht eine Art soziale Skulptur. Der Schweizer Künstler Daniel Spoerri machte diese Kunstgattung hierzulande bekannt.

Installation «Cooking the World» | © Vera Rüttimann

Die «Art» präsentiert mit «Cooking  the World» ein Werk, das ebenso staunen lässt. Eine grosse Menschentraube steht vor dem Eingang einer Hütte, die aus Tausenden von Haushaltsgeräten errichtet ist. Es ist das Werk des indischen Künstlers Subodh Gupta, der Kochgeschirr aus Aluminium zusammen getragen hat, die er auf der Strasse fand. Besucher werden im Innern mit einer Kunst-Koch-Performance beschenkt. Ein wildes Palaver entsteht. – Die anwesenden Gäste bilden in ihrer Verschiedenartigkeit das ganze faszinierende Panoptikum der «Art Basel» ab.

Eingang zur «Art Basel». | © Vera Rüttimann
17. Juni 2017 | 11:45
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