Putin: Nach Expo in Mailand Besuch bei Papst Franziskus

Rom, 9.6.15 (kath.ch) Der russische Präsident Wladimir Putin trifft am Mittwochnachmittag, 10. Juni , erstmals seit Ausbruch des Ukraine-Konflikts im Vatikan mit Papst Franziskus zusammen. Die trotz des Waffenstillstands andauernden Kämpfe in der Ostukraine dürften wichtigstes Gesprächsthema des zweiten Treffens der beiden sein. Papst Franziskus hat mehrfach an die Konfliktparteien appelliert, die Waffen niederzulegen und das Völkerrecht einzuhalten.

Offizieller Anlass des Besuchs des Kremlchefs ist der «Russland-Tag» auf der Expo 2015 in Mailand. Putin wird den Event eröffnen und mit Ministerpräsident Matteo Renzi zu einem Vieraugengespräch zusammenkommen. Dabei dürfte es ebenfalls um die Ukraine gehen. Von Mailand fliegt Putin nach Rom weiter. Hier trifft er zuerst mit Staatspräsident Sergio Mattarella zusammen. Das Gespräch mit Papst Franziskus im Vatikan ist für 17 Uhr anberaumt.

Umstrittenes Papstwort «Brudermord»

Der Ukraine-Konflikt ist für Franziskus ein besonders heikles Terrain. Von ukrainischer Seite wurde dem Papst vorgeworfen, er verharmlose die russische Aggression und – mehr noch – er ergreife zugunsten Russlands Partei. Sogar die griechisch-katholischen Bischöfe des Landes kritisierten Franziskus. Stein des Anstosses war der Begriff «Brudermord». So bezeichnete Franziskus im Februar die Kämpfe in der Ukraine. Damit mache er sich eine Vokabel der russischen Propaganda zu eigen, lautete der Vorwurf von ukrainischer Seite. Der Vatikan sah sich daraufhin zu einer Klarstellung genötigt. Der Papst bleibe stets neutral. Seine Appelle richteten sich immer an alle Konfliktparteien, erinnerte Sprecher P. Federico Lombardi.

Pragmatische Zusammenarbeit

Die päpstliche Diplomatie verfolgt gegenüber Russland weiterhin einen pragmatischen Kurs. Wo gemeinsame Interessen bestehen, arbeitet man zusammen. So brachten der Vatikan und Russland im März zusammen mit dem Libanon eine gemeinsame Erklärung in den UN-Menschenrechtsrat ein, in der ein besserer Schutz der Christen im Nahen Osten vor Verfolgung gefordert wird.

Lob aus dem Vatikan für Putins Eintreten für christliche Werte

Putins öffentliches Eintreten für christliche Werte wie Ehe und Familie hat ihm auch im Vatikan manche Sympathien eingebracht. Der australische Kardinal George Pell, der Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, stellte Putin in dieser Hinsicht im vergangenen Herbst als Vorbild für den Westen dar. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie, Erzbischof Vincenzo Paglia, richtete sich im September in einer Videobotschaft an die Teilnehmer einer internationalen Konferenz über die Familie, die im Kreml tagte. Der oberste vatikanische Diplomat, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, schwieg jedoch zu diesem Thema.

Russisch-Orthodoxe wünschen Christenverfolgung zum Gesprächsthema

Wenn es nach der russisch-orthodoxen Kirche geht, sollte die Christenverfolgung im Nahen Osten im Mittelpunkt des Treffens am Mittwoch stehen. Darüber hatten Putin und Franziskus schon während ihrer ersten Begegnung im November 2013 gesprochen. In diesem Sinne äusserte sich am Freitag der Sekretär des Aussenamtes der russisch-orthodoxen Kirche für den Dialog mit anderen Kirchen, Stefan Igumnow, gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax. Den Ukraine-Konflikt, in dem seine Kirche offiziell eine neutrale Haltung einnimmt, erwähnte Igumnow nicht.

Eine etwaige diplomatische Vermittlung des Papstes im Ukraine-Konflikt, wie jüngst zwischen den USA und Kuba, erscheint schwierig. Der griechisch-katholische Grosserzbischof von Kiew, Swjatoslaw Schewtschtuk sagte zwar nach seiner Begegnung mit dem Papst, es sei «sehr zu wünschen», dass Franziskus Briefe an die Staatsoberhäupter der Ukraine und Russlands schreibe. Doch zum einen bilden die Katholiken in der Ukraine und in Russland jeweils nur eine Minderheit. Zum anderen ist die Auseinandersetzung für den Vatikan auch kirchenpolitisch ein äusserst schwieriges Pflaster, weil die Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee auch die Gräben zwischen griechisch-katholischer Kirche und russisch-orthodoxer Kirche noch weiter vertieft haben. Die eine Kirche, zu der die meisten Katholiken in der Ukraine zählen, ist mit Rom verbunden und erkennt den Papst als Oberhaupt an, die andere ist ein wichtiger Gesprächspartner des Vatikan im ökumenischen Dialog.

Für eine Vermittlerrolle des Vatikans hinter den Kulissen könnte allerdings sprechen, dass Franziskus Ende Mai den ukrainischen Aussenminister Pawlo Klimkin empfangen hatte. Klimkin forderte anschliessend ein stärkeres Engagement des Vatikan.

Nach seinem ersten Treffen mit dem Papst hatte Putin gesagt, man habe eine «Steigerung der moralischen Komponente in den internationalen Beziehungen» vereinbart. Was das für den Ukraine-Konflikt bedeutet, wird sich am Mittwoch zeigen. (kap)

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