Profil zeigen wie Wiborada: Philippa Rath spricht in St. Gallen über die Heilige
Die deutsche Benediktinerin Philippa Rath hat in der Stiftsbibliothek St. Gallen über die Bedeutung der heiligen Wiborada gesprochen – und forderte das Frauenpriestertum. Dem Publikum habe der Vortrag gefallen, sagt Stiftsbibliothekar Cornel Dora.
Die Stiftsbibliothek St. Gallen organisiert alle zwei Jahre eine sogenannte Wiborada-Rede. Die heilige Wiborada lebte im 10. Jahrhundert im Gebiet der heutigen Schweiz. Ihre letzten zehn Lebensjahre verbrachte sie als sogenannte Inklusin – als Eingemauerte – in einer Zelle an der Kirche St. Mangen in St. Gallen.
Erstmals wurde vor zwei Jahren die Theologin Jacqueline Straub eingeladen, um die Wiborada-Rede zu halten. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Philippa Rath. Die deutsche Benediktinerin ist Politikwissenschaftlerin, Historikerin und Theologin. Am Dienstagabend hielt sie in der Stiftsbibliothek St. Gallen einen Vortrag über die heilige Wiborada.
Kantige Persönlichkeit als Vorbild
Knapp 100 Personen haben die Veranstaltung besucht, sagt Stiftsbibliothekar Cornel Dora auf Anfrage. «Ihr Vortrag drehte sich um die Frage, inwiefern Wiborada mit ihrer Persönlichkeit, die ja auch etwas kantig war, ein Vorbild sein kann für unsere Welt heute.» Die Ordensfrau habe zirka eine halbe Stunde lang gesprochen. Aus ihren Ausführungen sei klar geworden, dass man wie Wiborada «aus einer christlichen Haltung heraus auch Profil zeigen darf», so Dora.
Einen zweiten inhaltlichen Schwerpunkt setzte Philippa Rath mit dem Thema Frauendiakonat und Frauenpriestertum. «Sie hat gesagt, dass sie den Zugang der Frauen zur Weihe als überfällig erachtet.»
Cornel Dora zeigt sich von der Benediktinerin beeindruckt. «Sie ist eine eindrückliche Gestalt, eine ruhige, offensichtlich auch spirituell geerdete und gescheite Frau.» Dem Publikum habe die Rede von Philippa Rath gefallen, freut sich der Stiftsbibliothekar. «Es gab einen langen Applaus.»
Vorschlag kam aus St. Galler Wiborada-Bewegung
Fragen an die Rednerin und Diskussionen sind im Setting der Wiborada-Rede nicht vorgesehen, erklärt Dora. «Es ist eine Rede, die für sich selber wirken soll. Danach geht man auseinander.»
Philippa Rath sei eine profilierte Persönlichkeit, im vergangenen Jahr habe sie den Edith-Stein-Preis erhalten. Den Vorschlag, sie für die diesjährige Wiborada-Rede anzufragen, habe man von der St. Galler Wiborada-Bewegung erhalten, so Dora.
Eine Kalligraphin wird die Wiborada-Rede von Philippa Rath auf Pergament schreiben. Das geschah bereits mit der Rede von Jacqueline Straub. Zum kalligraphierten Text gehört auch eine Buchmalerei. Zu einem späteren Zeitpunkt würden die Reden zu einer Handschrift gebunden, sagt der Stiftsbibliothekar.
Freies Denken
Die Vorträge sollen auch zeigen, dass man frei denken dürfe in einer Bibliothek. «Die Stiftsbibliothek St. Gallen soll ein Ort der geistigen Auseinandersetzung sein, die auch pointiert sein darf. Das ist primär die Botschaft, die wir mit den Wiborada-Reden aussenden wollen.»
Die Wiborada-Reden wechseln sich ab mit den Notker-Reden, die ebenfalls alle zwei Jahre organsiert werden. Notker der Stammler (um 840-912), 1513 seliggesprochen, ist Nebenpatron der Diözese St. Gallen. Die Gedenktage der beiden für St. Gallen wichtigen Gestalten liegen im Mai. (sas/bal)
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