Professorin Regina Frey: «Ich bete für alle meine Studierenden»
Regina Frey hält demnächst ihre Antrittsvorlesung an der Universität Freiburg. Die Professorin für Pastoraltheologie und geweihte Jungfrau sagt im Interview mit kath.ch, was ihr in der Lehre wichtig ist, welche Forschungsfragen sie interessieren und inwiefern ihre Lebensform ihrer beruflichen Tätigkeit entgegenkommt.
Barbara Ludwig
Erklären Sie neuen Theologiestudenten jeweils, warum Pastoraltheologie wichtig ist? Und können Sie kurz umreissen, was Sie den Studierenden sagen?
Regina Frey*: Natürlich. Für die Studierenden ist es meistens das Fach, an das sie mit ihrem eigenen Bezug zu Kirche und Glauben oder zur Religion am besten andocken können, weil sich die Pastoraltheologie mit allen Bereichen beschäftigt, in denen die Kirche wirklich handelt. Das sind die Seelsorge, die Verkündigung des Glaubens, die Begleitung von Menschen. Es geht aber auch um Gemeindestrukturen und damit um die Frage, wie die Weitergabe des Glaubens funktionieren kann. Kurz gesagt: Die Pastoraltheologie schaut auf alle Bereiche, in denen der Glaube im Leben und in der Gesellschaft wirksam wird und versucht, das wissenschaftlich zu reflektieren.
«Wir merken verstärkt, dass es positive Ausblicke braucht.»
Glauben Sie also, dass es für die Studierenden einfach zu verstehen ist, warum es das Fach braucht?
Frey: Da hatten wir bislang nie Probleme. Wir merken verstärkt – auch wegen all der Fragen im Zusammenhang mit Machtmissbrauch und nicht mehr funktionierenden Gemeinden –, dass es positive Ausblicke braucht. Jemanden, der sagen kann, was die Kirche jetzt tun soll. Das ist oft die Pastoraltheologie. Denn wir kennen die Situation vor Ort und wissen, wie bestimmte Dinge funktionieren. So können wir vielleicht Hinweise geben, wie es weitergehen kann.
Haben Sie selbst als Studentin das Fach geliebt?
Frey: Ja. Ich war sehr aktiv bei den Pfadfinderinnen und als Ministrantin. Ich war in meine Gemeinde eingebettet und da auch im Glauben zuhause. An der Uni stellte ich dann fest: Endlich habe ich die Möglichkeit, theoretisch zu reflektieren, was ich zuvor in der Praxis nur beobachtet habe. Wie begleite ich junge Pfadfinderinnen, damit sie auch im Glauben wachsen können? Wie funktioniert eigentlich Gemeinde? Das fand ich faszinierend. In meinem zweiten oder dritten Semester besuchte ich alle Veranstaltungen am Lehrstuhl für Pastoraltheologie. Das ist dem Professor natürlich nicht entgangen.
Sie haben sich dann auch in dem Fach spezialisiert.
Frey: Genau. Am Anfang war schon mein Ziel, in die Gemeindearbeit zu gehen und als Pastoralreferentin zu arbeiten. Gleichzeitig hatte ich eine grosse Leidenschaft für den Journalismus. Darum habe ich studienbegleitend eine Journalistenausbildung absolviert und für verschiedene kirchliche Medien gearbeitet. Am Ende des Studiums spürte ich jedoch den Wunsch, in Pastoraltheologie zu promovieren. Ich stellte auch fest, dass es mir grosse Freude bereitet, mein Wissen den Studierenden weiterzugeben. Ich bin gerne in der Diskussion mit anderen, sitze aber auch gerne am Schreibtisch und forsche. Und so war mein Weg quasi vorgespurt.
«Meine Grundhaltung ist: Die Pastoraltheologie schaut auch dort genau hin, wo es weh tut.»
Welche Schwerpunkte werden Sie als Professorin in der Lehre setzen?
Frey: Wie in jedem Fach gibt es auch in der Pastoraltheologie bestimmte Bereiche, die man abdecken sollte: die Gemeindepastoral, Kasualien wie Taufe, Firmung, Erstkommunion, Hochzeit und Beerdigung und die Homiletik, also die Verkündigung. Wie ich inhaltlich in diesen Bereichen die Schwerpunkte setze, kann ich selbst entscheiden. Wichtig ist mir jedoch, dass die Studierenden einen guten Überblick bekommen über die verschiedenen Felder, in denen die Kirche handelt. Ich bin noch jung und habe noch Zeit, um herauszufinden, welche Bereiche in der Lehre ich vertieft behandeln möchte. Aber unabhängig vom Inhaltlichen möchte ich den Studierenden eine Haltung des grundsätzlichen Wohlwollens vermitteln.
Was meinen Sie damit?
Frey: Die Studierenden sollen merken: Man kann und darf das Handeln der Kirche kritisch hinterfragen, aber immer mit einem grundsätzlichen Wohlwollen und dem Ziel, dass sich die Dinge verbessern. Meine Grundhaltung ist: Die Pastoraltheologie schaut auch dort genau hin, wo es weh tut. Damit will ich aber nichts zerstören, sondern dazu beitragen, dass die Mitarbeitenden der Kirche besser wissen, wie sie in schwierigen Situationen handeln können, oder die Gemeinden, wie sie mit schmerzhaften Veränderungen umgehen können.
Wo zum Beispiel tut es denn weh? Und wie kann man dem wohlwollend begegnen?
Frey: Momentan machen leider viele Gemeinden die Erfahrung: Wir waren früher eine aktive Gemeinde, und jetzt werden wir immer kleiner, es kommen keine jungen Leute zu uns. Sie fragen sich: «Was machen wir falsch? Wie können wir uns verbessern?» Diese Erfahrung tut richtig weh, weil für viele Menschen die Gemeinde auch Heimat bedeutet. Das ist ein schmerzhafter Prozess, den man nicht mit vorschnellen Lösungen stoppen kann. In der Predigt können Seelsorgende zum Beispiel sagen: «Das tut auch mir weh. Wir müssen das erst einmal aushalten, diese Unsicherheit. Wir alle wissen zunächst einmal nicht, wie es weitergeht.» Für viele Menschen wäre es schon kostbar zu spüren, dass ihr Schmerz auch gesehen und ernst genommen wird.
«Woran orientieren sich Seelsorgende in Krisensituationen? Das interessiert mich, weil es immer wieder Krisen geben wird.»
Bislang haben wir über die Lehre gesprochen. Welche Schwerpunkte wollen Sie in der Forschung setzen?
Frey: Mich interessiert etwa, wie Hörerinnen und Hörer auf Predigten reagieren. Bislang gibt es dazu, zumindest im katholischen Bereich und im deutschsprachigen Raum, keine aktuellen Untersuchungen. Das ist ein Projekt, das mir für die Zukunft vorschwebt. Aktuell bin ich noch an meiner Habilitationsarbeit. Da befasse ich mich mit der Frage, wie einzelne Seelsorgende auf die Covid-Pandemie reagiert haben. Woran orientieren sich Seelsorgende in Krisensituationen? Auch das interessiert mich, weil es immer wieder Krisen geben wird. Oder die Gemeindeentwicklung. Das alles ist aber noch sehr offen, weil ich erst am Anfang meiner Laufbahn stehe.
Sie sind geweihte Jungfrau. Ist das eine Lebensform, die Ihrer beruflichen Tätigkeit entgegenkommt?
Frey: Ja. Sie gibt mir die nötige Freiheit, auch mal spontan verfügbar zu sein. Ich kann meinen Tagesablauf selbst gestalten. Wäre ich eingebunden in einen Orden, wäre dies nicht der Fall. Wenn zum Beispiel um 18.15 Uhr ein Gottesdienst in der Kathedrale stattfindet, an dem ich teilnehmen möchte, aber um 18 Uhr noch ein Student in mein Büro kommt, kann ich entscheiden, ob jetzt das Gespräch mit ihm mein Gottesdienst ist. Diese Freiheit hätte ich allerdings auch, wenn ich Single geblieben wäre.
«Als geweihte Jungfrau bin ich kein freischwebendes Subjekt.»
Sind Sie das denn nicht?
Frey: In offiziellen Dokumenten gebe ich als Zivilstand natürlich «ledig» an. Aber als geweihte Jungfrau bin ich kein freischwebendes Subjekt, sondern lebe meinen Glauben und meine Zugehörigkeit zu Gott ganz bewusst. Bei der Jungfrauenweihe habe ich als Braut Christi auch einen Ehering bekommen, den ich zum Zeichen der Zugehörigkeit zu Christus trage.
Das bringt wohl auch Verpflichtungen mit sich.
Rey: Ja. Bei der Jungfrauenweihe habe ich versprochen, täglich an der Eucharistiefeier teilzunehmen und im Stundengebet für die Kirche und die Gläubigen zu beten. Das ist für mich schön, weil ich weiss: Ich bete jetzt ganz konkret auch für meine Studierenden, für alle, seien sie nun katholisch oder nicht.
*Regina Frey (38) ist seit 1. Februar 2025 Professorin für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik an der Universität Freiburg (Schweiz). Sie studierte Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Frey ist geweihte Jungfrau im Bistum Fulda. Ihre Antrittsvorlesung hält sie am Donnerstag, 1. Oktober 2026, um 17.15 Uhr zum Thema «Neuer Wein in alten Schläuchen? Pastoraltheologische Skizzen zur Glaubensvermittlung zwischen Säkularisierung und Professionalisierung.»
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




