Paul M. Zulehner: Was die Pastoraltheologie mit dem Ukrainekrieg zu tun hat
Religion verliert an Relevanz und an ihrer politischen Kraft, sagt der Theologe und Religionsforscher Paul M. Zulehner. Dabei sollten Kirchen «Sparringspartnerinnen für Sinnsuchende und Hoffnungshebammen» sein. Und: Theologie hat eine gesellschaftliche Verantwortung.
Jacqueline Straub
Warum ist heutzutage eine Pastoraltheologie für Europa notwendig? Reicht nicht etwa eine nur für die Schweiz oder den deutschsprachigen Raum?
Paul M. Zulehner*: Zweitausend Jahre lang hat das Christentum den europäischen Kontinent geprägt. Allerdings mehr auf nationaler und regionaler Ebene. Das hat zur Entwicklung von Regionen geführt, in denen sich die Pastoraltheologie kritisch-ermutigend mit dem Handeln der Kirche und der Bedeutung der Religionen befasste. Es gibt heute katholischerseits eine frankophone, italienische, spanische, irisch-angelsächsische, deutschsprachige und neuestens auch eine osteuropäische Pastoraltheologie. Auch die Konfessionen gingen eigene Wege. Was fehlt ist eine Pastoraltheologie für Europa, obwohl die Kirchen auf Europaebene durchaus anerkannte Lobbyarbeit leisten.
«Das zwingt die christlichen Kirchen zu einem tiefgreifenden Umbau ihres Handelns.»
Welche Themen waren noch vor 30 Jahren in der Pastoraltheologie von grösster Bedeutung und wie sieht es heute aus?
Zulehner: Die letzten Jahrhunderte waren durch eine enge Verwebung von Staat und Kirche, Staat und Kaiser, Staat und Fürsten geprägt. Damit war die Wirkmächtigkeit der Kirchen weithin staatlich garantiert. Als vor 250 Jahren die Pastoraltheologie als universitäre Disziplin in Wien gegründet wurde, waren die Priester staatliche Religionsdiener. Diese sogenannte Konstantinische Ära, die im Römischen Reich ihren Anfang hatte, ist definitiv vorbei. Das zwingt die christlichen Kirchen zu einem tiefgreifenden Umbau ihres Handelns und ihrer Organisationsform. Die Folge ist eine Selbstbeschäftigung der Kirchen mit sich selbst. Gottes Leidenschaft für seine Welt geriet in den Hintergrund. Diese gilt es heute wiederzuentdecken.
In Ihrem Buch «Hoffnung für eine taumelnde Welt. Eine Pastoraltheologie für Europa» schreiben sie von einem «didaktischen Schisma». Was meinen Sie damit?
Zulehner: Diese Formel verwende ich, um meine Arbeit kritisch zu hinterfragen. Universitäre Wissenschaft, daher auch Theologie, haben eine gesellschaftliche Verantwortung. Von Public Policy ist in den Satzungen der Universitäten die Rede. Das gilt auch für die universitäre Theologie. Die Frage ist, ob die Universitäten der Gesellschaft und die Theologie den Kirchen hinreichend dienen. Oder gibt es zwischen ihnen eine gefährliche Spaltung: also ein «didaktisches Schisma», so meine durchaus begründete Frage.
Die klassische Religion verliert weiter an Stellenwert. Kann die katholische Kirche hierzulande überhaupt wieder an Relevanz gewinnen und zu einem wichtigen gesellschaftlichen Player – bis hinein ins Private der Menschen – werden?
Zulehner: Vielleicht verliert die Religion nicht so sehr an Stellenwert, sondern es ändert sich zunächst ihre Gestalt und wo sie sich im Leben der Menschen und der Gesellschaften ansiedelt. Religion scheint in die private Innerlichkeit abzusinken und ihre politische Kraft zu verlieren.
«Die Diakonie ist eine der glaubwürdigsten Formen des Dialogs.»
Das schadet den Kirchen…
Zulehner: …aber vielleicht noch mehr den Menschen wie der Gesellschaft. Ich bin überzeugt, dass die Kirchen so etwas wie Sparringspartnerinnen für Sinnsuchende sein können. Oder Hoffnungshebammen in einer angstgetriebenen Welt.
Die Frage ist auch, welche neuen Formen des Austausches die Kirchen dazu entwickeln.
Zulehner: Die üblichen Gottesdienstversammlungen in überalterten Pfarrgemeinden werden dazu nicht ausreichen. Religions-, Ethik- und Sinnunterricht sind gut, die mediale Präsenz auch im Internet ist unverzichtbar. Die Diakonie ist eine der glaubwürdigsten Formen des Dialogs. Gut wären überzeugte Christinnen und Christen, die in die Gemeinderäte, in die Kantonsparlamente, in das Bundeshaus, in den Europarat oder in die UNO gehen und dort das Evangelium in die konkrete Politik einspielen. Kirchen sind nicht parteipolitisch, aber politisch parteilich.
«Es gibt auch atheisierende Kulturen wie Estland, Tschechien oder Ostdeutschland.»
Zu welchen Entwicklungen führte der Imageverlust der Konfessionen in Europa?
Zulehner: Die Glaubwürdigkeit des Christentums ist seit dem Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) tief erschüttert worden. Statt sich unbeugsam für den ersehnten Landfrieden einzubringen, bekamen die Kirchen selbst blutige Hände. Gott wurde – wie auch heute in Russland oder im Kalifat – zur Rechtfertigung inhumaner Gewalt missbraucht.
Das brachte Gott in Misskredit.
Zulehner: Die Auswirkungen der toxischen Mischung von Gott und Gewalt reichen von Gottesmisstrauen bis hin zur Gottvergessenheit. Es sind im einst durchgängig christianisierten Kontinent inzwischen viele privat-religiös, andere skeptisch. Es gibt auch atheisierende Kulturen wie Estland, Tschechien oder Ostdeutschland. Andere Bürgerinnen und Bürger in Europa sind Etwasisten – der Begriff stammt von Tomas Halik.
«Künftig wird nicht die Quantität, sondern die Qualität zählen.»
Was bedeutet dieser Begriff?
Zulehner: Sie glauben an irgendetwas Höheres. Und manch andere haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Auffällt, dass etwa in Ostdeutschland die Gottesleere der Menschen erfolgreich mit rechtsradikalen Fantasien gefüllt wird.
Die Weltanschauungslandschaft wird immer bunter und pluralistischer. Welche Chancen sehen Sie darin für die Kirche?
Zulehner: Aus einem monokoloren weltanschaulichen Sportrasen ist eine weltanschauliche Blumenwiese geworden. Das ist der Preis, den Europa für die Freiheit bezahlt. Damit verändert sich das Verhältnis der Menschen zu Kirchen und Religionen. Waren diese lange Zeit Schicksal, sind sie heute Gegenstand einer Wahl. Die Kirchen können damit nicht mehr Massen gewinnen, sondern nur Persönlichkeiten, die in ihre kleine familiale Lebenswelt eingebunden sind. Gelingt es, diese für das Evangelium Gewonnenen in Gemeinschaften des Evangeliums zu vernetzen, kann die Kirche qualitativ an Kraft gewinnen. Künftig wird nicht die Quantität, sondern die Qualität zählen. Derzeit haben die schrumpfenden Grosskirchen ein enormes Qualitätsdefizit hinsichtlich der Glaubensstärke ihrer Mitglieder.
Wir leben in einer «Zeit der Gotteskrise». Was bedeutet das – vor allem auch für das Handeln der Kirche?
Zulehner: Gott in Erinnerung, den Himmel über der Welt offenzuhalten, macht zweifelsfrei das Kerngeschäft der Kirchen aus. Es gibt eine tiefe Einheit des Seins; alle haben die gleiche Würde. Die Umwelt ist unsere Mitwelt; wenn alle eins sind, ist jede und jeder einer von uns, was die Grundlage für universelle Solidarität ist, welche eine humane Migrationspolitik mit Augenmass inspirieren könnte. Es ist auch nicht angebracht, wenn die Kirchen jammern und die Hoffnungslosigkeit der Welt auf dem eigenen Boden verdoppeln. Kirchen sind Anwältinnen der Hoffnung inmitten entsolidarisierender Kulturen der Angst.
«Dort zeigte sich eine tiefe Kluft.»
Was ist die Hauptherausforderung für die Kirche in Europa?
Zulehner: Es sind jene Herausforderungen, welche die taumelnde Welt derzeit meistern muss: Kriege, Klimanotstand, Migration, Roboterisierung. Die Kirchen sind aufgefordert, sich bei der Meisterung dieser Challenges aus der Sicht des Evangeliums politisch einzumischen. Es hat mich beunruhigt, als sich die europäischen Kirchen zur kontinentalen Versammlung 2023 in Prag getroffen haben. Dort zeigte sich, dass zwischen ihren Themen und jenen Themen, die zur selben Zeit im Europaparlament verhandelt wurden, eine tiefe Kluft herrschte.
Im Europaparlament ging es um die Migrationspolitik, den Ukrainekrieg, den europäischen Grünen Deal…
Zulehner: … und in der Kirchenverssammlung besprach man ergebnislos die Segnung von gleichgeschlechtlich Liebenden, das Diakonat der Frau oder die Lebensform der Priester. Weltfremder geht es kaum.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sich unsere Kultur mit Gott schwertut und damit auch mit dem Leiden anderer. Was für Folgen hat das?
Zulehner: Johann B. Metz, der grosse deutsche Theologe, war überzeugt, dass Gottvergessenheit zu Leidunempfindlichkeit führen kann. Wahrer christlicher Glaube macht den Menschen gottförmig. Dadurch erbt dieser glaubende Mensch die innerste Grundeigenschaft Gottes, nämlich sein Erbarmen. Von diesem künden übrigens alle Religionen: für das Judentum ist Gott wie eine Mutter, die einen Schoss hat, der wortgleich ist mit dem Erbarmen. Muslime rufen in jeder Sure, mit Ausnahme einer einzigen, Allah den Allerbarmer an. Die Buddhisten kennen einen eigenen Buddha des Erbarmens, der mit tausend Augen und tausend hilfsbereiten Händen dargestellt und zur Nachahmung verehrt wird. Allerdings hat sich der Pastorensohn Nietzsche mit seiner narzisstischen Fantasie vom Übermenschen mit dem Mitleid Gottes schwergetan.
Was haben der Ukrainekrieg und weitere Krisenherde in der Welt mit der Pastoraltheologie zu tun?
Zulehner: Ich bin in diesen Krieg stark involviert, weil ich Studierende sowohl aus Moskau, als aus der Ukraine im gleichen Online-Forschungsseminar sitzen habe. Alle leiden unter diesem Krieg, wenngleich auf unterschiedliche Weise. Mich irritiert die starke Unterstützung des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges durch den Moskauer Patriarchen Kyrill I., der über 40 Millionen Kirchenmitglieder durch eine Auslöschung der Eigenstaatlichkeit der Ukraine und dazu den Zugriff auf das Höhlenkloster in Kiew erhofft.
Glauben Sie an einen Frieden in der Ukraine?
Zulehner: Ich halte jeden Krieg für eine Niederlage der Menschlichkeit. Der Friede kommt zwar immer zu spät. Aber er wird kommen. Daher mache ich mir mit meinen Studierenden schon jetzt Gedanken über die Versöhnungsarbeit danach. All das sind Themen meiner Pastoraltheologie für Europa – und seit der Orangenen Revolution im Jahr 2004 orientieren sich die jungen Menschen der Ukraine in Richtung Europa. Mich überrascht das nicht, wenn ich an das Schicksal von Aleksej Nawalny denke. Und es nimmt mich Wunder, dass manche in Europa dem russischen Autokraten den Hof machen, obgleich seine Berater Dimitri Medwedew oder Alexandr Dugin unverhohlen von einer «russkij mir», einer Russischen Welt schwärmen, die von Lissabon mit Wladiwostok reicht. Ich möchte künftig in einem freien und gerechten Europa leben und verstehe, dass die Länder Osteuropas nach so langer Zeit der Unterdrückung das auch wollen und deswegen sich notgedrungen unter den Schutz der Nato gestellt haben. Der Angriff auf die Ukraine gibt ihnen nachträglich recht.
* Paul M. Zulehner ist Theologe, Religions- und Werteforscher. Der Priester war bis zu seiner Pensionierung Professor für Pastoraltheologie an der Universität Wien. Er war bis 2020 Mitglied des Universitätsrats an der Universität Luzern.
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