«Der organisierte Tod»: Pro und Contra mit scharfer Kritik an der katholischen Kirche

Zürich, 26.8.15 (kath.ch) Zum Duell um den «organisierten Tod» waren sie geladen, die deutsche Bundestagsabgeordnete Renate Künast (Grüne) und der Sterbehelfer Roger Kusch, Ständerat Felix Gutzwiller (FDP) und Alt-Oberstaatsanwalt Andreas Brunner. Doch gab es kein hartes Pro und Contra auf dem Podium vom 24. August in Zürich. Ort der Diskussion war die Helferei des reformierten Grossmünsters und das Umfeld für die Diskussion ein liberaler Geist, der seit Jahrzehnten durch die Zwinglistadt weht, wenn es um Sterbehilfe geht. Grosse Abwesende waren die CDU-CSU-Fraktion des deutschen Bundestages, die im November gemeinsam mit der SPD ein neues Strafgesetz zur organisierten Suizid-Hilfe durchbringen will sowie die katholische Kirche, die in dieser Frage eine klare Contra-Position vertritt und dafür hart kritisiert wurde.

Charles Martig

«Die Politikerinnen und Politiker sind nicht für das Sterben und den Tod geschaffen. Sie ziehen es vor, die Zukunft zu gestalten.» Auf diesen Punkt brachte der Jurist Andreas Brunner die Debatte, nachdem Renate Künast ihren Gesetzesvorschag für den deutschen Bundestag zur organisierten Suizid-Hilfe präsentiert und der FDP-Politiker Felix Gutzwiller aufgezeigt hatte, warum in der Schweiz – trotz mehrerer Anläufe – keine Änderung des Strafgesetzes gelungen ist. Brisant ist der politische Kontext dieser Debatte.

Verbot geschäftsmässiger Suizid-Hilfe in Deutschland …

Im November 2015 berät der Bundestag über die Einführung einer Strafgesetznorm zur organisierten Suizid-Hilfe. Nach der ersten Lesung und den bisherigen Unterstützungsanträgen in Berlin ist klar, dass nur der Gesetzesentwurf von Michael Brand (CDU) und Kerstin Griese (SPD) eine Chance hat, angenommen zu werden. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Verbotsgesetz, sondern um ein Förderverbotsgesetz.  Das Gesetzesvorhaben verhindert damit Suizid-Hilfe nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland, weil sich sonst der Helfer im Ausland – selbst wenn er nur eine E-Mail mit Infos zu einem Patienten in Deutschland sendet – dort strafbar macht und bei der nächsten Durchreise in Deutschland festgenommen werden könnte.

Darum zeigt sich Sterbehelfer und Rechtsanwalt Roger Kusch am Podium überzeugt: «Wenn dieses Gesetz angenommen wird, müssen wir unseren Verein in Deutschland schliessen.» Er könne seine Mitarbeiter nicht der Androhung einer strafbaren Tat aussetzen.

Wie verschieden es um die Akzeptanz der Suizid-Hilfe in Deutschland und der Schweiz steht, belegen die Zahlen: In der Schweiz hat der Verein «Exit» eine Mitgliederzahl von 90’000 erreicht, im Verein «SterbeHilfeDeutschland e.V.» sind es gerade mal 700. Offen ist nun, wie sich die Verschärfung des Strafrechts in Berlin auf den sogenannten «Sterbetourismus» in Richtung Schweiz auswirken wird.

… und kaum Auswirkungen auf die Schweiz

Andreas Brunner meinte, dass es sich bei den beiden Ländern um «zwei verschiedene Planeten» handelt und gab bei der Frage nach den Auswirkungen auf die Schweiz eine Entwarnung. Felix Gutzwiler pflichtete ihm bei, weil es in der Schweiz bereits seit Jahrzehnten eine offene Debatte gebe, in der ehrlich diskutiert werde. «Ich hoffe, dass das Schweizer Modell auch in anderen europäischen Ländern Schule machen wird», so Gutzwiller.

Eingeladen zur Debatte hatte der Orell-Füssli-Verlag und «Palliacura», eine Stiftung der Organisation «Exit», zum Anlass der Neuerscheinung des Buches «Der organisierte Tod. Sterbehilfe und Selbstbestimmung am Lebensende.» In einer klaren Gegenüberstellung wird in dieser Publikation jeweils Pro und Contra verhandelt: von der Ethik, über die Politik zu Recht und Medizin. Der Mitherausgeber Bernhard Sutter sieht die Auswirkungen der deutschen Debatte auf die Schweiz deutlich hervortreten: «Die Debatte vor dem Entscheid am 2. November wird aber wohl kaum Einfluss in der Schweiz haben, weil bei uns eine ganze andere Selbstbestimmungskultur vorherrscht, weil wir hier über 30 Jahre Sterbehilfe-Erfahrung haben und weil es derzeit auch gar keine politische Debatte gibt in der Schweiz.»

Zudem sei klar, dass in den nächsten 25 Jahren die Anzahl Hochaltriger stark ansteigen werde und damit auch die gesundheitlichen Probleme am Lebensende. Sutter: «Die Schweizer Patienten haben sich daran gewöhnt, am Lebensende die freie Wahl zu haben zwischen Schulmedizin, Palliative Care und Sterbehilfe. Diese Wahlfreiheit wieder zu verbieten, wird in der direkten Demokratie nicht einfach sein. Im Gegensatz zu Deutschland.»

Angriffe auf die Position von Kardinal Woelki

Mehrfach wurde im Zürcher Podium die Position der katholischen Kirche in der Suizid-Hilfe angesprochen. Kardinal Woelki (Vorsitzender der Caritas-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz) wurde von Sterbehelfer Kusch scharf kritisiert. Die Aussage des Kardinals zur Suizid-Hilfe sei verfassungswidrig, begründete Kusch seine Attacke auf die katholische Kirche und skandierte kämpferisch: «Willkommen im christlichen Gottesstaat!» Dies ging selbst der Grünen Bundestagsabgeordneten Künast zu weit, die Kardinal Woelki in Schutz nahm: «Diese scharfe Kritik an Kardinal Woelki ist falsch. Er kann seine Meinung in der Öffentlichkeit sagen, wie alle anderen auch. Man darf diese Position jedoch nicht in das Strafgesetz hineinschreiben.»

Felix Gutzwiler situierte diese Auseinandersetzung mit der Kirche in einem staatspolitischen Rahmen: «Der Regulierungswunsch kommt aus dem konservativen, religiösen Lager. Es kann nicht sein, dass die persönliche Entscheidungsfreiheit dadurch eingeschränkt wird.» Explizit konnte in Zürich kein katholischer Vertreter in die Debatte eingreifen, weil hier Politiker und Rechtsanwälte unter sich waren.

Bischofsvikar Casetti vertritt die katholische Position

Interessant an dem preisgekrönten, vollständig überarbeiteten Band «Der organisierte Tod» ist das Faktum, dass die Haltung der römisch-katholischen Kirche eingefügt wurde. Die Contra-Position vertritt der Churer Bischofsvikar Christoph Casetti. Er argumentiert pointiert, gibt die lehramtliche Position deutlich wieder und begründet sie mit Passagen aus dem Katechismus der katholischen Kirche.

Casetti versteht die zunehmende Akzeptanz gegenüber der Sterbehilfe als gesellschaftliches Phänomen: «Die Entwicklung hin zu einer zunehmenden Akzeptanz der Suizidbeihilfe scheint mir die direkte Folge einer Entchristlichung unserer Gesellschaft zu sein. Der christliche Glaube hat im Laufe der Geschichte wesentlich dazu beigetragen, dass das menschliche Leben grundsätzlich zu respektieren sei. Es ist eine Gabe Gottes, über die dem Menschen kein Verfügungsrecht zusteht. Der Glaube vermag, im Blick auf das Leiden Christi, dem Leiden einen tiefen Sinn zu geben. So ist es auch klar, dass die Kirche sowohl die Selbsttötung als auch die Beihilfe dazu niemals gutheissen kann.» Er fordert in der Folge eine Stärkung der Palliativmedizin, die auch von der Bioethikkommission der Schweizer Bischofskonferenz gefordert wird.

Warum die Herausgeber Christoph Casetti angefragt haben, um in ihrer Publikation Stellung zu beziehen, begründet Hermann Sutter: «Wir haben – angefangen beim Papst – bei allen nachgefragt für die erste Auflage. Niemand war jedoch bereit, etwas zu schreiben. Bischofsvikar Casetti hatte sich aber in anderem Zusammenhang sehr verständlich, präzis und mit starken Argumenten zur Frage geäussert. Deshalb haben wir ihn für die zweite Auflage direkt angefragt. Es ist ein hervorragender Beitrag.» Die evangelischen Kirchen seien nicht interessant für das Pro-Contra-Buch, weil sie nicht klar Stellung beziehen würden, so Sutter weiter.

Die einzige Pro-Position aus «kirchlicher» Sicht gebührt in dieser Publikation Thomas Morus, der in seiner «Utopia» für eine Suizid-Hilfe einsteht. – Bezeichnenderweise handelt es sich hier um eine historische Figur aus dem 16. Jahrhundert, die 1935 heiliggesprochen wurde.

«Der organisierte Tod. Sterbehilfe und Selbstbestimmung am Lebensende. Pro und Contra». Herausgegeben von Hans Wehrli, Bernhard Sutter und Peter Kaufmann. 2. Auflage 2015, Orell Füssli Verlag.

Renate Künast| © 2015 David Thayer
26. August 2015 | 07:00
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