Domenico Giani (r.), Leiter der Vatikan-Gendarmerie, war der wichtigste Leibwächter des Papstes.
Vatikan

Polizeichef des Papstes muss seinen Posten räumen

Zwei Jahrzehnte sorgte Domenico Giani für Gefahrenabwehr im Vatikan. Jetzt stolpert er selbst über eine dienstliche Panne. Dabei ist nicht klar, ob jemand mit ihm Räuber und Gendarm spielt.

Burkhard Jürgens

Der Polizeichef des Vatikan, Domenico Giani, räumt seinen Posten. Die Personalie wäre kaum der Erwähnung wert, wären da nicht die Umstände und die besondere Rolle der päpstlichen Gendarmerie.

Polizeipanne

Der 57-jährige Giani trägt die Konsequenzen einer Polizei-Panne. Hintergrund ist eine vermasselte Immobilieninvestition des Heiligen Stuhls in dreistelliger Millionenhöhe. Im Zuge von Ermittlungen suspendierte die vatikanische Staatsanwaltschaft vier Mitarbeiter des Staatssekretariats und den Direktor der Finanzaufsicht und verhängte ein Zutrittsverbot. Die betreffende interne Dienstanweisung der Gendarmerie mit Namen und Fotos der Verdächtigten erschien prompt im italienischen Magazin «L’Espresso» als Faksimile.

Es war nicht das erste Mal, dass sensible Informationen nach aussen drangen. Das nährte den Eindruck, Giani habe seine kleine Truppe nicht im Griff. Kardinal Angelo Becciu, zur Zeit des Immobiliendeals Leiter der betreffenden Abteilung im Staatssekretariat, beklagte am Sonntag mit Blick auf den veröffentlichten Steckbrief, im Vatikan schwinde der Sinn für Loyalität und Treue.

Er reichte dem Papst Kleinkinder zum Segnen

Abgesehen davon verschafft sich ein Polizeichef auch in treuer Pflichterfüllung nicht nur Sympathien. Der Vatikan betonte am Montag, Giani treffe «keinerlei persönliche Verantwortung». Vielleicht soll der Rücktritt im Eklat auch von den eigentlichen Akteuren des aktuellen Finanzskandals ablenken.

Seine freundlichste Rolle spielte Giani, wenn er bei Fahrten des Papstes im Papamobil dem Kirchenoberhaupt Kleinkinder aus der Menge anreichte, damit er sie herze und segne. Der blankköpfige, imposante Sicherheitschef erfüllte diesen Dienst mit zartfühlender Geduld und Umsicht, unter Franziskus wie schon unter Benedikt XVI.

Schnell und hart zupacken

Dass der zweifache Familienvater auch schnell und hart zupacken kann, zeigte er an Weihnachten 2009, als eine Schweizerin beim Einzug des Papstes zum Gottesdienst an Heiligabend die Absperrung übersprang. Giani brachte die Frau mit einem Tackling zu Boden, im Dominoeffekt fiel ein 87-jähriger Kardinal und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu.

Promovierter Sozialpsychologe

Dottor Giani, wie er wegen seiner Promotion im Fach Sozialpsychologie respektvoll genannt wird, kann liebenswürdig mit Bekannten sein, arrogant gegenüber No-Names, bullig in Vernehmungen. Libero Milone, bis Juni 2017 oberster Wirtschaftsprüfer im Vatikan und seinerzeit mit 69 Jahren ein gestandener Finanzexperte, berichtete nach seinem Rücktritt, den er im Nachhinein als erzwungen darstellt, Giani habe ihn «angebrüllt» und ihn einzuschüchtern versucht.

Zum Vatikan kam Giani 1999 nach beruflichen Stationen bei der italienischen Finanz- und Justizpolizei sowie beim Inlandsgeheimdienst – kein schlechtes Rüstzeug für einen Mann, der später auch für Sicherheitskonzepte und Gefahrenabwehr im Vatikan zuständig sein sollte. 2006 übernahm Giani die Leitung der vatikanischen Sicherheitsdienste und der Gendarmerie von Camillo Cibin, der nach 58 Dienstjahren in Ruhestand trat.

«Sicurezza Vaticana»

Unter dem neuen Generalinspekteur setzte sich die Entwicklung des Gendarmeriekorps fort. 2008 trat der Vatikan Interpol bei, seit 2014 besteht ein internationales Netzwerk von Polizei, Kirche und Sozialarbeitern gegen Menschenhandel, das sich nach seinem Treffpunkt in der päpstlichen Residenz «Santa Marta Group» nennt; ein ähnliches Strategiebündnis wurde 2017 gegen organisierte Kriminalität und Korruption angekündigt.

Mit der globalen Sicherheitslage änderten sich seit 2001 auch einige Dinge im Vatikan. Inzwischen gibt es eine Antiterroreinheit und eine Schnelle Eingreiftruppe. Galten Gendarmerie und Schweizergarde lange als rivalisierend, so treten beide Einheiten mittlerweile ausserhalb des Vatikanstaats gemeinsam als «Sicurezza Vaticana» auf.

Rücktritt durch Indiskretionen vorab verbreitet

Nichtsdestoweniger blieb und wuchs der Einfluss Gianis als Direktor der Sicherheitsdienste; doch hier und da, so während des Vatileaks-Skandals um vertrauliche Dokumente, schien aufzublitzen, dass auch bei den Ordnungshütern nicht alles makellos läuft. Selbst der Rücktritt Gianis wurde durch Indiskretionen vorab verbreitet. Am Sonntag holte der Polizeichef seine Mannschaft zusammen und bat sie, bis zur offiziellen Mitteilung Schweigen zu bewahren. Italienische Zeitungen druckten seinen Appell am nächsten Morgen. (cic)

Domenico Giani (r.), Leiter der Vatikan-Gendarmerie, war der wichtigste Leibwächter des Papstes. | © KNA
14. Oktober 2019 | 16:36
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