Pfingstblitter – wenn junge Frauen in Dorfbrunnen geworfen werden
Im Baselbieter Dorf Ettingen werfen am Pfingstsonntag riesige Baumwesen junge Frauen in die Brunnen. Die Tradition des Pfingstblitter war einst eine Fruchtbarkeitssegnung heiratsfähiger Mädchen auf dem Heimweg vom Kirchgang. Heute dürfen es mangels junger Kirchgängerinnen auch die Schwester oder Vereinskolleginnen sein.
Boris Burkhardt
Die erste, die es richtig erwischt, ist gegen halb elf Uhr die 29-jährige Jessica. Sie wird von vier Wesen, die deutlich über zwei Meter gross sind und komplett aus Buchenzweigen und -blättern bestehen, gepackt und mit den Füssen voraus zum nächsten Brunnen getragen und mehrfach komplett im Trog eingetaucht.
Jessica lässt es über sich ergehen und lacht dabei. Als sie triefend aus dem Wasser aufsteht, spritzt sie die Baumwesen in einer eher hilflosen Geste selbst etwas nass. Eines der vier ist ihr Bruder Robin.
Pfingstblitter treiben ihr Unwesen
Der Pfingstsonntagmorgen verläuft im Baselbieter Dorf Ettingen südlich von Basel sehr speziell: Pfingstblitter heissen die baumartigen Figuren, die dann ihr Unwesen treiben und junge Frauen in die Brunnen entlang der Hauptstrasse tauchen. In den Kostümen – wenn man die grossen Bündel aus Buchenzweigen, die an einem Klettergurt befestigt sind, so nennen will – stecken mit Robin (22), Rafi (21), Simon (21) und Linus (24) junge Ettinger Burschen.
Der Brauch der Pfingstblitter war im 19. Jahrhundert im Leimental südlich von Basel verbreitet, hat sich dort aber nur in Ettingen erhalten. Ähnliche Traditionen gibt es noch im Fricktal in den Ortschaften Sulz und Gansingen sowie im grenznahen Elsass.
Fruchtbarkeitsbrauch
Wie der Kulturhistorische Verein Ettingen auf seiner Homepage schreibt, erlebte der Brauch im Dorf bereits eine zweifache Renaissance: Zuerst sei er in den Dreissigern auf Initiative einer Ettingerin wieder aufgenommen und bis in die Fünfziger intensiv durchgeführt worden. Seit 1976 organisiert der Kulturhistorische Verein den Pfingstblitter.
Offensichtlich handelt es sich um einen Fruchtbarkeitsbrauch. Die christliche Symbolkraft des Wassers für Taufe und Segenspendung bindet ihn an das Pfingstfest. Ursprünglich wurden die heiratsfähigen jungen Frauen wie bei einer Segnung mit Weihwasser nur mit den nassen Zweigen besprengt, und zwar auf dem Heimweg von der Kirche. Erreichen sollte diese «Segnung» aber ganz heidnisch die Fruchtbarkeit der Frauen.
Brauch wandelte sich
Die Ettingerinnen Frieda (85) und Rosi (74) erinnern sich noch an diese Form des Brauches. Vor fünf bis sechs Jahrzehnten waren sie die jungen Frauen, die von den Pfingstblittern bei der Kirche erwartet wurden. «Aber heute gibt es ja keine jungen Frauen mehr, die vom Gottesdienst nach Hause gehen», konstatieren sie.
Der Brauch musste sich anpassen. Nicht zufällig trägt Jessica eine Leggins und ein einfaches T-Shirt, ebenso wie Noemi, Chiara, Bianca und Anna, die kurz darauf im Brunnen landen. Jessica hat sich darunter sogar einen Bikini angezogen. Die Freundinnen trafen sich nämlich ihrer eigenen Tradition zufolge zum Frühstück bei einer von ihnen und warteten dort darauf, dass die Pfingstblitter sie «abholten». Jessica landete bereits das fünfte Jahr in Folge im Brunnen. «Sonst haben sie ja niemanden», bringt es Bianca auf den Punkt.
«Da wurden Autos angehalten und Frauen rausgezerrt»
Obwohl Linus zum ersten Mal als Pfingstblitter unterwegs ist, weiss er doch zu berichten, dass es früher deutlich rabiater zuging: «Da wurden Autos angehalten und Frauen rausgezerrt», erzählt er. Heute fragen die wandelnden Laubbäume die Passantinnen an der Tramhaltestelle und entlang der Hauptstrasse höflich an, ob sie denn mitmachen wollten.
Einige werden wie früher auch nur besprengt; wer aber partout nicht will, muss nicht. Einzig die Ukrainerin Tetiana, die gerade mit dem Velo vorbeifährt, erklärt sich ganz spontan zu einem Bad bereit. Schuhe, Handy und Geldbeutel darf sie zuvor zur Seite legen.
Kritik an Zeitungsbericht
Chiara findet es deswegen auch eine «Katastrophe», dass sich vor wenigen Jahren nach einem Bericht in der Pendlerzeitung «20 Minuten» im Internet schweizweiter Protest regte und dem Pfingstblitter Frauenverachtung und Sexismus vorgeworfen wurde. «Wer in Ettingen wohnt, versteht den Brauch sehr schnell», sagt Chiara; und alle Freundinnen stimmen ihr zu.
Tatsächlich ist das Interesse auch am «gezähmten» Brauch noch gross: Nicht nur die Ettinger Buben und Mädchen begleiten die Pfingstblitter durch das Dorf, auch eine Seniorin ist eigens aus dem Züribiet angereist, um den Brauch mit Fotos zu dokumentieren. Sie ist nicht zum ersten Mal in Ettingen. Hobbyphotograph Enrique kommt sogar aus Genf: Am Nachmittag wird er nach Sulz weiterreisen.
Einkleidung vor dem Dorfmuseum
Eingekleidet wurden die Pfingstblitter ab acht Uhr morgens vor dem Dorfmuseum, das vom Kulturhistorischen Verein Ettingen betrieben wird. Hier gibt es für das Dorf auch eine Festwirtschaft bis in den Nachmittag. Neben dem Pfingstblitter organisiert der Verein das Fasnachtsfeuer am ersten Sonntag der Fastenzeit und bindet für den Palmsonntag mit den Kindern die Stechpalmen aus dem Wald.
Paul Thüring ist im Verein für das Brauchtum zuständig: Er fragt die jungen Männer an, die Pfingstblitter zu spielen. Ursprünglich waren es immer drei, aber auch das wird mittlerweile flexibler gehandhabt. Idealerweise sei es eine Gruppe aus Erfahrenen und Neuen, erklärt Thüring, damit das Wissen und die Erfahrung weitergegeben werden könnten: «Wer es drei bis vier Jahre gemacht hat, hilft danach beim Binden.»
«Ich wurde von Kollegen gewarnt, heute Badekleider drunter anzuziehen.»
Gegen zwölf Uhr taucht Nora prustend aus dem Brunnen auf. Sie hat ein kurzes schwarzes Kleid an. Sie habe «eigentlich nur mit einer Freundin abgemacht» gehabt, bevor sie die Pfingstblitter gepackt hätten. Aber auch sie hat Ersatzkleider dabei. «Ich wurde von Kollegen gewarnt, heute Badekleider drunter anzuziehen», lacht sie. Der diesjährige Auftritt der Pfingstblitter neigt sich seinem Ende zu: Als letztes nehmen alle vier selbst im Brunnen ein Bad.
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