Pfarrer Landwehr über Kirchen und Tourismus: «Es braucht Influencing, aber auch Tiefe»
Michael Landwehr engagiert sich mit seinem Verein für eine verstärkte Zusammenarbeit von Tourismus und Kirchen. «Wie wir Kirchen und Tourismus aufeinander beziehen, ist meines Wissens in der Welt einzigartig», sagt er. Derzeit liegen sinnstiftendes Reisen und spiritueller Tourismus im Trend.
Regula Pfeifer
Was macht Ihr Verein?
Michael Landwehr: Unser Verein Kirchen und Tourismus Schweiz behandelt Fragen und Themen zur Entwicklung im Freizeit- und Tourismusbereich. Und zwar in Stadt und Land. Und er reflektiert ihre Bedeutung für den schweizerischen Tourismus und für die Kirchen der Schweiz. Dabei blickt er auch über das Land hinaus in die anderen Länder des Alpenbogens und weitere Länder.
«Wir wollen kirchlichen Kreisen touristische Erfahrungen und Denkweisen nahebringen.»
Was sind die Zielsetzungen?
Landwehr: Es geht uns darum, die Entwicklung gemeinsamer Projekte und Produkte zu fördern. Wir wollen kirchlichen Kreisen touristische Erfahrungen und Denkweisen nahebringen. Und umgekehrt christliche und ethische Werte in die Welt des Tourismus integrieren. Zudem fördern wir die Vernetzungsarbeit und den Austausch zwischen Kirchen und Tourismus.
Wo konkret haben Sie sich vernetzt?
Landwehr: Im April waren wir am Ferientag von Schweiz Tourismus in Genf präsent. Auch zum Verband Schweizer Tourismusmanager (VSTM) haben wir Kontakte, er ist Mitglied unseres Vereins. Oder zur Sakrallandschaft Innerschweiz oder zum Kirchenkreis eins der Reformierten Kirche Zürich.
Die sind alle Mitglieder?
Landwehr: Ja, das sind sie. Wir sind ein noch kleiner Verein mit Einzelmitgliedern und institutionellen Mitgliedern und möchten gern wachsen.
«Die Schweiz ist als Heiratsland beliebt.»
Warum braucht es den Verein?
Landwehr: Sinnstiftendes Reisen und spiritueller Tourismus liegen im Trend. Dazu gehören Gottesdienste im Grünen, Pilgerwege oder Velowege. Ausserdem ist die Schweiz als Heiratsland beliebt. Da kümmern wir uns darum, weil Menschen danach fragen. Sowieso: Die Schweiz ist ein Tourismusland par excellence. Wie wir Kirchen und Tourismus aufeinander beziehen, ist meines Wissens in der Welt einzigartig.
Haben Sie neue Projekte lanciert seit Vereinsgründung 2020?
Landwehr: Vorletztes Jahr haben wir eine Tagung in Visp veranstaltet. Das war laut Aussage von Bildungkirche die bestbesuchte Veranstaltung ihres gesamten Fortbildungsangebots. Bildungkirche ist die Aus- und Weiterbildungsplattform der reformierten Kirche. Ein vergleichbares Weiterbildungsangebot planen wir für 2025 im Berner Oberland.
«Beim Projekt Swiss Religious Heritage sammeln wir Daten zum religiösen Erbe.»
Und weitere?
Landwehr: Unser grösstes Projekt ist ein Innotour-Projekt im Rahmen des SECO, es heisst Swiss Religious Heritage. Da sammeln wir Daten zum religiösen Erbe. Sodann soll eine Bedarfsanalyse gemacht werden zum hiesigen Kultur- und Religionstourismus. Beides soll dann in konkrete Projekte einfliessen. Da sind wir vom Verein zusammen mit EBP, einem sozioökonomischen Forschungsinstitut, gemeinsam dran. Wenn wir das umsetzen können, werden wir erstmals in der Schweiz datenbasiertes Material dazu haben und eine Plattform mit interessanten Angeboten.
Haben Sie weitere Ideen?
Landwehr: Es entstehen immer wieder neue Ideen, mehr als wir mit unserem kleinen Verein umsetzen können. Beispielsweise die Grand Tour: Diese Schweiz-Reise mit Auto, Zug oder E-Mobility ist von Schweiz Tourismus stark gepusht worden. Die Grand Tour-Verantwortlichen sind seit langem bereit, mit uns eine Veranstaltung durchzuführen, wozu wir noch nicht gekommen sind. Dabei ginge es darum, den Kirchgemeinden, die an dieser Grand Tour liegen, schmackhaft zu machen, sich auf ihre eigene Art einzubringen. Etwa mit einem Segen für unterwegs oder sonst einer Aktion, die zum Nachdenken anregt.
«Von der Touristik haben wir gelernt, worauf man beim Marketing achten sollte.»
Was haben die Kirchen inzwischen von Touristik gelernt?
Landwehr: Wir haben gelernt, wie man Konzepte wirkmächtig erstellt. Und worauf man beim Marketing achten sollte. Dass man Entscheidungsprozesse verschlanken und beschleunigen kann. Und auch, dass man über Influencing mehr Weite generiert und wie man das umsetzen kann.
Was hat die Touristik von den Kirchen gelernt?
Landwehr: Dass es nicht nur um Reichweite geht, sondern auch um Creating. Wenn ich erst Reichweite habe, kann ich auch Tiefe gewinnen. Und nach Tiefe sehnen sich die Menschen, das ist meine Beobachtung. Wenn etwa ein kirchenferner Mensch einen interessanten Berggottesdienst erlebt, in dem alles rundherum stimmt, macht ihm das Eindruck. So gewinnt er etwas fürs eigene Leben, das er gern auch anderen erzählt. So entstehen Stories, also Inhalte.
«Die Touristiker haben gemerkt, dass es nicht nur um Influencing geht, sondern auch um Tiefe.»
Und das möchten Sie seitens Kirche den Touristikern beibringen…?
Landwehr: Die Touristiker haben bereits gemerkt, dass es nicht nur um Influencing geht, sondern auch um Tiefe. Sie gehen schon in diese Richtung. Und das deckt sich mit dem, was Kirchen bieten. Da begegnen wir uns bei sinnstiftendem Reisen. Sinnstiftende Erlebnisse erreichen alle. An meinen Berggottesdiensten beteiligen sich dort wohnhafte Einheimische, Schweizer Feriengäste und Leute, die von fern dahin gereist sind. Die Menschen sind gemeinsam unterwegs.
Wo hapert es zwischen den Kirchen und dem Tourismus?
Landwehr: Es hapert noch am Bewusstsein, dass kirchliche Initiativen auch touristischen Mehrwert generieren können. Wenn ich als Pfarrer etwas Besonderes anbiete in einer Kirchgemeinde, dann ist nicht klar, ob die Menschen deswegen hinreisen und ein Hotel buchen oder essen gehen. Und wenn ich den Reformationsweg am Zürichseeufer neu bespiele, wird das möglicherweise auf touristischer Seite nicht wahrgenommen.
Was tun Sie dagegen?
Landwehr: Ich setze mich für ein Zusammenwirken von Kirchen und Tourismus ein. Man bezeichnet mich deswegen oft als Mister Tourismus der Schweizer Kirchen. Allerdings gibt es viel zu tun. In Bayern etwa sind die katholische und die protestantische Kirche Mitglied des Tourismusverbandes geworden. Das wäre in der Schweiz, als ob die Bischofskonferenz und die Evangelisch-Reformierte Kirche Mitglieder von Schweiz Tourismus wären. So weit sind wir noch nicht. Das wäre aber Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung. Es würde bewusst machen, dass wir Leistungsträger miteinander aktiv sind für Menschen, die unterwegs sind – wörtlich und symbolisch gemeint.
«… wenn wir ein schweizweites ökumenisches Tourismuspfarramt einrichteten …»
Dem würde auch dienen, wenn wir ein schweizweites ökumenisches Tourismuspfarramt einrichteten, das von den Kirchen und vom Tourismus finanziert wird. Und das nach und nach immer mehr Personen umfasst.
Kirchen und Tourismus
Michael Landwehr ist Präsident des Vereins Kirchen + Tourismus Schweiz. In der Geschäftsleitung sind ebenso dabei Christian Cebulj, Professor für Religionspädagogik an der Theologische Hochschule Chur, Elvira Merz Krapf von den Altstadtkirchen Zürich sowie der Tourismusexperte Vendelin Coray, Geschäftsführer Schwyz Tourismus AG.
Heute findet in der Paulus-Akademie Zürich eine Netzwerktagung des Forschungsprojekts «Religion-Kultur-Tourismus» in Kooperation mit dem Verein KTCH statt. Das Thema lautet: «Zwischen Kultur und Spiritualität. Religion als Phänomen im Tourismus». Anschliessend hält der Verein KTCH seine Mitgliederversammlung ab. (rp)
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