Peter Zürn: Erhalten, was uns erhält
Zu den Krippen an Weihnachten gehören die Tiere wie selbstverständlich dazu. Auch die Hirten und Könige und natürlich Maria, Josef und das Kind haben ihren Platz. Aber wie ist es mit den Pflanzen? Radioprediger Peter Zürn stellt fest, «Wir identifizieren uns mit Figuren, die uns etwas bedeuten. Pflanzen gehören kaum dazu. Dabei ist ihre Bedeutung für uns kaum zu überschätzen.» Der etwas andere Blick auf Weihnachten.
Peter Zürn*
Liebe Hörerin, lieber Hörer, haben Sie eine Weihnachtskrippe zuhause? Welche Figuren haben sie darin? Maria und Josef und das Jesuskind nehme ich an. Ochs und Esel. Hirten und Schafe. Und vielleicht noch die drei Könige. Das sind wohl die Figuren, die für die meisten Menschen zu einer Weihnachtskrippe gehören.
Tiere sind Teil der Geschichte
An manchen Orten gibt es die Tradition von Krippenlandschaften. Da gibt es Wege und Bäche mit Brücken und vielleicht einer Mühle, ein Dorf mit einem Schmid, der mit dem Hammer auf ein Eisen schlägt und einer Bäckerin, die Brot aus dem Ofen holt. Nicht nur ein Hirte mit Schaf, sondern eine ganze Herde und vieles mehr. Dazwischen Wiesen und Bäume, vielleicht sogar ein kleiner Wald. Pflanzen mehr so als Hintergrund und Dekoration. Denn seien wir ehrlich:
Im Zentrum der Weihnachtsgeschichte stehen Menschen. Sie erzählt, wie ein Menschenkind geboren wird. Tiere sind auch Teil der Geschichte. Der Esel trägt die werdende Mutter. Der Ochse wärmt den Stall, die Schafe folgen den Hirten. In vielen Weihnachtsgeschichten spielen Tiere eine wichtige Rolle.
Der pflanzliche Beitrag zu Weihnachten
Aber Pflanzen? Einzig das Stroh in der Krippe ist ein pflanzlicher Beitrag zu unseren Weihnachtsgeschichten. Wir erzählen Geschichten von dem, was uns wichtig ist. Wir identifizieren uns mit Figuren, die uns etwas bedeuten. Pflanzen gehören kaum dazu.
Dabei ist ihre Bedeutung für uns kaum zu überschätzen. Das neugeborene Kind könnte seinen ersten Atemzug nicht machen, wenn es keine Pflanzen gäbe. Pflanzen, die gemeinsam mit Bakterien die Luft zum Atmen erst herstellen, die Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln. Pflanzen gestalten die Atmosphäre, die uns atmen lässt. Noch grundlegender: Pflanzen verwandeln Materie in Energie. Sie machen aus Sonnenlicht das, was es braucht, damit wir leben können. Pflanzen sind Leben schaffende, kreative Kräfte auf dieser Erde.
Pflanzen verbinden uns mit dem Universum.
Religiöse Traditionen, falsche Weltbilder
Der US-Amerikanische Dichter Walt Whitman hat das wahrgenommen, er schreibt: «Ich glaube, ein Grasblatt ist nicht geringer als das Tagwerk der Sterne.» Ich glaube, ich überhöhe den Wert der Pflanzen nicht, wenn ich als Theologe sage: Pflanzen verbinden Himmel und Erde. Sie sind Stellvertreterinnen Gottes auf Erden. Die Weihnachtsbotschaft ist, dass Gott zur Welt kommt. Bevor Gott Mensch wird, ist er vielleicht schon längst Pflanze gewesen.
Wenn für uns diese Welt, in die Gott kommt, vor allem eine Welt von Menschen und Tieren ist, dann ist unser Weltbild falsch. So falsch, wie wenn wir uns die Erde als Scheibe vorstellen. Religiöse Traditionen fördern leider manchmal falsche Weltbilder. In unserem Bild von Weihnachten fehlen Pflanzen.
Wasser und Dattelpalme im Koran
Es gibt religiöse Traditionen, in denen das anders ist. Im Koran zum Beispiel, wo die Geburt Jesu ja auch erzählt wird. In der Sure 19, die den Titel Maryam, also Maria, trägt, heisst es von Maria und dem Kind, das sie in sich trägt: «Und so empfing sie ihn und zog sich mit ihm an einen entlegenen Ort zurück. Und die Wehen trieben sie zum Stamm einer Palme… Da rief unter ihr jemand: Sorge dich nicht! Dein Herr lässt unter dir Wasser fliessen. Und schüttle nur den Stamm der Palme, dann werden frische, reife Datteln auf dich herunterfallen. So iss und trink und sei guten Mutes.»
Der Koran gibt den Wehenschmerzen Marias Raum. Und erzählt, dass sie von Wasser und einer Dattelpalme gestärkt wird, die ihre Früchte auf sie herabfallen lässt. Das öffnet den Blick auf das, was Leben auf diesem Planeten wirklich möglich macht.
Der Feigenbaum
Auch von der Geburt Siddhartha Gautamas, des späteren Buddhas, gibt es Geschichten. Und in einigen spielen Pflanzen eine wichtige Rolle.
So bringt etwa Königin Maya ihr Kind in einem Wald oder einem Garten zur Welt. Sie steht bei der Geburt und stützt sich an einen Feigenbaum. Ja, der Baum neigt seine Äste herab, damit sich die werdende Mutter daran festhalten kann.
Dankbarkeit gegenüber Pflanzen
In der christlichen Weihnachtstradition gibt es immerhin ein Lied, das einen Teil der Weihnachtsgeschichte pflanzlich erzählt: Es ist ein Ros’ entsprungen, aus einer Wurzel zart, singen wir über Maria. Pflanzen machen Leben möglich. Pflanzen sind Geburtshelferinnen für Tiere und Menschen. Sie verbinden Himmel und Erde.
Was wir von den Pflanzen bekommen, ist ein grosses Geschenk. Die entsprechende Haltung dazu wäre – Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber Pflanzen ist nicht sehr verbreitet. Auch nicht an Weihnachten, wo Geschenke und Dankbarkeit doch eine zentrale Rolle spielen.
Wie Bäume umarmen
Indigene Kulturen und Traditionen sind uns da voraus. Ein Beispiel: Robin Wall Kimmerer: Sie gehört zum Volk der Potawatomi in Nordamerika und ist Professorin für Umweltwissenschaften und Pflanzenökologie. Robin Wall Kimmerer stellt die Beziehung zu Pflanzen ins Zentrum. Sie spricht von der «ehrenhaften Ernte» mit der wir Pflanzen begegnen können und nennt einige Grundegeln dafür. Sie sind für die meisten von uns wohl eher ungewöhnlich.
Stell dich der Pflanze vor, sagt sie. Sag ihr, wer du bist. Mach dir klar, dass du es bist, der um Leben bittet. Bitte um Erlaubnis, bevor du nimmst. Hör auf die Antwort. Nimm nie das Erste und nie das Letzte. Nimm nur, was dir geschenkt wird. Nimm nur, was du brauchst. Ernte so, dass du möglichst wenig Schaden anrichtest. Verschwende nicht, was du genommen hast. Teile. Danke für das, was dir geschenkt wurde. Hinterlasse ein Gegengeschenk. Erhalte die, die dich erhalten. Wie klingt das für Sie? Seltsam und ein wenig peinlich? Wie Bäume umarmen.
Unsere Beziehung zu Welt
Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Geschichten von Maya und Maria, die beide mit Hilfe von Bäumen ein Kind zur Welt bringen, so weitererzählt werden, dass die Frauen den Bäumen dankbar sind und ihnen ein Gegengeschenk machen. Sich gegenseitig etwas schenken. An Weihnachten tun wird das.
Einem Grossteil der Welt, in der wir leben, gegenüber tun wir das aber nicht. Mir scheint, dass unsere Beziehung zur Welt, in der wir leben, ziemlich gestört ist. Eigentlich ist das seltsam und mehr als peinlich.
Erhalten, was uns erhält
Erhalte die, die dich erhalten, ist doch einleuchtend. Ich finde: Wir sollten an unserer gestörten Beziehung zur Welt etwas ändern. Warum nicht an Weihnachten, dem Fest der Anfänge, damit anfangen. Wie? Mehr Pflanzen in die Krippe, okay. Randfiguren in die Mitte, ja! Das ist gute biblische Tradition.
Geschichten erzählen, die unseren Blick für die wirklichen Lebenskräfte auf diesem Planeten schärfen. Damit Religion und Naturwissenschaft verbinden. Bäume umarmen. Immer gut. Vor allem: Erhalten, was uns erhält. Ehrenhafter ernten. Gott wohlgefallen.
Ehre bei Gott in der Höhe und bei den Menschen, die Gott wohlgefallen.
Friede auf Erden. Amen.
*Peter Zürn ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in Klingnau.
Bibelstelle: Lk 2,1-20
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