Kommentar

Penis-Affäre im Bistum Chur: Warum kath.ch über Sexting berichtet

Recherchen von kath.ch brachten die Sexting-Affäre im Bistum Chur ins Rollen. Ist das unsere Aufgabe? Ja, findet kath.ch-Redaktionsleiter Raphael Rauch. Denn es geht um mehr als nur um ein Nacktfoto. Es geht um ein Strafverfahren – und um Good Governance.

Als Redaktionsleiter treffe ich jeden Tag zig Entscheidungen: Machen wir dieses Thema – oder nicht? Ist das Bild angemessen – oder nicht? Vieles ist courant normal. Doch es gibt Themen, die einen hadern lassen.

Leichte Recherche, schwieriges Abwägen

Ein solches Thema ist die Sexting-Affäre im Bistum Chur. Die Recherche ist uns leichtgefallen. Die Veröffentlichung des Artikels hingegen nicht. Nach langer, sorgfältiger Prüfung haben wir uns dazu entschieden. Warum?

David von Michelangelo, Galleria dell’Academia, Florenz (Ausschnitt)

Skandalös ist für uns nicht, dass ein Mann einer Frau ein Foto mit erigiertem Penis schickt. Schon länger ist bekannt: Sexting, das Verschicken von Nacktfotos, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Seit der Einführung des iPhones gilt das männliche Geschlechtsteil als das meistfotografierte Objekt der Welt.

«Am Anfang stand das Bistum Chur.»

Skandalös ist für uns etwas anderes. Am Anfang stand nicht kath.ch, sondern das Bistum Chur. An einem Freitagabend, kurz vor Redaktionsschluss der meisten Zeitungen, veröffentlichte das Ordinariat den vollen Namen eines Priesters, der Knall auf Fall zurücktritt:

«Nachdem gegen ihn eine Anzeige eingegangen ist, hat Pfarradministrator D.B., tätig in Stansstad, Obbürgen und Kehrsiten (Dekanat Nidwalden), per sofort seine Demission eingereicht. Der Apostolische Administrator des Bistums Chur, Bischof Peter Bürcher, hat diese angenommen. Für D.B. gilt die Unschuldsvermutung.»

Geld oder Sex?

Wenn so eine Personalmitteilung eintrifft, braucht es kein langes Überlegen. Es ist eine journalistische Pflicht, den Hintergründen nachzugehen. Mein Bauchgefühl sagte mir: Hier muss Geld oder Sex im Spiel sein. Denn sonst würde die Bistumsleitung ihren Schritt nicht so offensiv kommunizieren.

Am Anfang stand also kein ethisches, sondern ein handwerkliches Gebot: der Spur nachzugehen, Informationen zu sammeln, sie zu prüfen, sie nochmals zu prüfen, sie zu gewichten, sie einzuordnen und darüber gegebenenfalls zu berichten.

«Zu viele Kinder und Jugendliche werden Opfer von sexueller Gewalt.»

Bereits am nächsten Tag erreichte kath.ch eine gute Nachricht: Bei den Anschuldigungen gegen den Priester handle es sich nicht um sexuellen Missbrauch. Eine gute Nachricht ist das deshalb, weil zu viele Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt wurden und werden.

Erst nennt das Bistum Chur den Namen des Priesters - und dann hüllt es sich in Schweigen.

Das Generalvikariat schickte nach, es handle sich um etwas «sehr Unangenehmes«. Von da an war mir klar: Es muss irgendetwas mit Sex zu tun haben. Eine Veruntreuung von Geldern würde man anders chiffrieren.

Es geht um Aufklärung – nicht um Sensationsgier

kath.ch blieb dran. Unser Interesse war nicht, im Privatleben eines Priesters herumzuschnüffeln, auch wenn Biographie und Privatleben Ansatzpunkte für Recherche-Hypothesen geben: Ein Mann verlässt sein Heimatbistum Freiburg, um dem Churer Bischof Vitus Huonder Gehorsam und Keuschheit zu versprechen. Hinzu kommen Gerüchte aus dem Dorf.

«Der Priester predigt Wasser, trinkt selbst offenbar Wein.»

Unser Ziel war es auch nicht, auf die Widersprüche einer Figur einzugehen, die im konservativen «Radio Gloria» Wasser predigt, offenbar selbst aber Wein trinkt. Unser Ziel war es, im Rahmen journalistischer Relevanzkriterien Aufklärung zu betreiben.

Entscheidendes Kriterium: das laufende Strafverfahren

Nach Gesprächen mit einem Dutzend Personen hatte kath.ch genügend Stoff zusammen, um den uns so manche Redaktion im Medienhaus von Ringier beneiden würde. Und trotzdem war für uns noch nicht klar, ob wir die Geschichte bringen sollen – und wie.

Die Erschaffung Adams, Sixtinische Kapelle (1508–12), Michelangelo Buonarroti

Wir haben uns schliesslich entschieden, sie zu bringen. Freilich nur mit den Informationen, die aus unserer Sicht «katholisch, aktuell und relevant» sind. Entscheidendes Kriterium für die journalistische Relevanz war das laufende Strafverfahren.

«Auch bei weniger schlimmen Formen von Belästigung müssen wir hinschauen.»

Nochmals: Warum haben wir über die Sexting-Affäre berichtet? Erstens gibt es das ethische Gebot: nicht wegzuschauen, auch nicht bei weniger schlimmen Formen von sexueller Belästigung.

Zu oft hat die katholische Kirche Missbrauch und Übergriffe vertuscht und bagatellisiert. Die Kirche beteuert immer, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Dazu gehört auch, zu akzeptieren, dass unliebsame Berichterstattung über die Gegenwart zwingend erforderlich ist.

Warum anderen Medienhäusern die Geschichte überlassen?

Zweitens: Früher oder später wäre die Geschichte ohnehin ans Licht gekommen. Warum soll kath.ch aber heikle Geschichten anderen Medienhäusern überlassen? Wer Hofberichterstattung will, hat hierfür gute Argumente. Wer professionellen Journalismus will, wird uns zustimmen: So eine Geschichte muss man bringen. Lieber macht kath.ch den Aufschlag mit gesicherten Fakten, als Spekulationen Tür und Tor zu öffnen.

«Wir haben keine naive Vorstellung über unsere institutionelle Unabhängigkeit.»

So leistet kath.ch einen Beitrag für eine transparente Kirche. Die Geschichte zu bringen, ist auch eine Frage des journalistischen Berufs-Ethos. Der journalistischen Professionalität. Und auch eine Frage der Unabhängigkeit.

Wir haben keine naive Vorstellung über unsere institutionelle Unabhängigkeit. So wie die NZZ von FDP-Aktionären abhängt, so ist kath.ch der katholischen Kirche in kritischer Loyalität verpflichtet. Es geht vielmehr um die journalistische Unabhängigkeit, um die Pressefreiheit.

Offene Fragen: Wie glaubwürdig ist der Priester?

So viel zur Genese der Berichterstattung. Was kath.ch noch nicht gemacht hat, ist den Fall einzuordnen. Dafür ist es zu früh, dafür sind noch zu viele Fragen offen. Doch es ist an der Zeit, weitere Fragen zu stellen:

«War es ein Versehen? Oder war nur der Empfänger falsch?»

Erstens: Wie glaubwürdig ist die Darstellung des Priesters? Wenn ein Priester ungewollt ein Phallus-Bild erhält – warum erstattet er dann nicht Anzeige wegen sexueller Belästigung? Warum speichert er das Bild, will es irgendwann löschen – und leitet es dabei aus Versehen an seine Sekretärin weiter?

Jeder, der ein Smartphone besitzt, weiss: Zum Löschen eines Bildes braucht es nur ein bis zwei Klicks, fürs Weiterleiten mehrere. War es wirklich ein Versehen, das Bild weiterzuleiten? Oder war das Weiterleiten gewollt – und nur der Empfänger falsch?

Ein Priester darf nicht Klartext reden

Zweitens: Wie frei ist ein Priester in seiner eigenen Verteidigung? Der Fall aus Nidwalden erinnert an den Fall des ehemaligen Generalvikars von Freiburg. Er sollte Kathedralpfarrer von Freiburg werden, konnte das Amt aber nicht antreten, weil er ein schwules Doppelleben führte.

«Der Sexualtrieb eines Mannes ist in Genf nicht anders als in Freiburg.»

Statt zuzugeben, dass die Sexualmoral der Kirche nicht im Einklang steht mit den Bedürfnissen eines Priesters, konstruierte der Mann ein aufwändiges Narrativ, an das er wohl nicht einmal selbst glaubt: Der Genfer Kontext habe ihn in Versuchung geführt. Als ob der Sexualtrieb eines Mannes in Freiburg anders wäre als in Genf!

Laxer Umgang mit Persönlichkeitsrechten

Drittens: Wie geht das Bistum Chur mit Persönlichkeitsrechten um? Die Penis-Affäre dürfte ein weiteres Beispiel für die problematische Kommunikationsstrategie des Bistums Chur sein. Ohne Not nennt das Bistum den Priester beim Namen, informiert über ein laufendes Verfahren und nimmt in Kauf, dass möglicherweise Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

«Der Priester sagt, er habe der Veröffentlichung seines Namens nicht zugestimmt.»

Die Penis-Affäre zeigt: Bistum und Generalvikariat ziehen nicht an einem Strang. Das Generalvikariat war nach eigenen Angaben gegen die Nennung des Namens. Der Priester sagt, er habe der Veröffentlichung seines Namens nicht zugestimmt. Aus Sicht eines Juristen wäre dies aber notwendig.

Und warum interessiert sich das Bistum Chur nicht für die Klausel «Diskretion und Kommunikation», die im Aufhebungsvertrag mit dem Priester getroffen wurde?

Auf Rückfragen reagiert die Churer Bistumsleitung nicht, öffnet dafür Spekulationen Tür und Tor. Transparentes, glaubwürdiges und faires Regieren, neudeutsch Good Governance, sieht anders aus.

Zölibat, Hypermoral und spiritueller Missbrauch

Und viertens: Wie verlogen ist der Zölibat? Und geht er mit spirituellem Missbrauch Hand in Hand? Guter Journalismus steht über der katholischen Hyperventilationsmoral. Uns geht es um etwas anderes: Menschen werden mit Leichtigkeit erpressbar in einem System, das mit einer Hypermoral operiert. Die Sexualmoral der Kirche, inklusive Keuschheitsideal und Zölibat, gehören reformiert.

Der Barberinische Faun zeigt einen lasziven jungen Mann.

Welchen Sinn haben Regeln, an die sich selbst manche Schweizer Bischöfe und Kardinäle in Rom nicht halten? Das jetzige System koppelt Lust mit Angst – und liefert so Möglichkeiten zur Denunziation und Erpressung.

Wofür kath.ch steht

Ich bin überzeugt: Es war richtig, über die Sexting-Affäre im Bistum Chur zu berichten und verschiedene Aspekte zu beleuchten. Dass wir handwerklich sauber arbeiten, mit allen Seiten gesprochen haben und uns auch vergewissert haben, dass sowohl der mutmassliche Täter als auch das mutmassliche Opfer von Menschen umgeben sind, die sie begleiten, versteht sich von selbst.

«Es gibt keinen katholischen oder unkatholischen Journalismus. Nur guten und schlechten.»

Auch bin ich davon überzeugt: Es gibt keinen katholischen oder unkatholischen Journalismus. Sondern es gibt guten oder schlechten Journalismus. kath.ch steht für guten Journalismus.

Prüderie ist nichts für Katholiken

Und noch was: Manche haben die Bildauswahl von kath.ch beanstandet. Unter anderem ein pensionierter Pfarrer, der uns schrieb, seine ehemalige Sekretärin habe grosse Mühe mit dem nackten Penis. Bei allem Respekt gegenüber religiösen Gefühlen: Dafür habe ich wenig Verständnis. Prüderie, so finde ich, ist etwas für Puritaner und Pietisten – aber nichts für Katholiken.


Raphael Rauch ist Redaktionsleiter von kath.ch | © zVg
28. September 2020 | 16:16
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