Gassenküche Luzern | © Archiv Gassenarbeit
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Gassenküche Luzern | © Archiv Gassenarbeit

«Peace» auf Erden: Pädi und der Gott der Gassenküche

Luzern, 7.12.15 (kath.ch) Schicksalsschläge, Schuldgefühle, Hoffnungsschimmer: Für Drogenabhängige sind religiöse Fragen allgegenwärtig. Auch in der Luzerner Gassenküche ist Gott ein – beinahe unauffälliger – Stammgast. Auf vorweihnächtlicher Spurensuche nach dem Glauben der Gasse, wo sogar der morgige Feiertag Maria Empfängnis zu Ehren kommt.

Remo Wiegand

Die Gassenküche, das Aushängeschild der kirchlichen Gassenarbeit von Luzern, ist das Wohnzimmer von rund 800 drogenabhängigen Frauen und Männern. Ein geschützter Raum, in dem sie sich tagsüber aufhalten können – ohne Beschaffungsstress, ohne Kriminalisierung, nicht als Randständige, sondern als Menschen. In der Gassenküche wird gegessen, getratscht und geklagt, gelesen und gejasst. «Ich schätze alles hier! Das Essen, dass ich hier Kollegen treffen kann, einfach alles. Es ist mein zweites Zuhause.» Der dies sagt, heisst Pädi. Nicht in Wirklichkeit, aber in diesem Artikel. Seinen wahren Namen mag Pädi nicht in der Zeitung lesen.

Verstörende Gretchenfrage

Das einzige, was Pädi in der Gassenküche manchmal nervt, sind die dauerbesetzten WCs. Dort würden eben Leute konsumieren, raunt der 45-jährige. Im dritten Stock der Gassenküche, der so genannten Kontakt- und Anlaufstelle, können selbst mitgebrachte, harte Drogen kontrolliert eingenommen werden. Pädi gehört nicht dazu. Nicht mehr. In den 1980-er Jahren glitt auch der der gelernte Bäcker aus der Stadt Luzern in die harten Drogen ab. Seit 15 Jahren indes ist er ein «trockener Drögeler». Das heisst: Er hat Kokain und Heroin abgeschworen, er kifft nur noch. Während wir miteinander reden, brennt meist ein Joint, zwischen zwei Fragen wird en passant auch mit «Peace» gehandelt.

In aller Hektik, die der Gassenküche eigen ist, wirkt Pädi bedächtig, gleichmütig, friedlich. Neugierig und schwer haften seine Augen am Gegenüber. Mit Pädi am Tisch auf der Terrasse der Gassenküche sitzt Seelsorger Franz Zemp. Die beiden führen regelmässig Gespräche über «Gott und die Welt», für Zemp drängte sich Pädi dadurch als Gesprächspartner zum Thema Glauben auf. Die Gretchenfrage allerdings führt zunächst zu einer unerwarteten Antwort: «Nein, an Gott glaube ich nicht», wehrt Pädi enerviert ab, als ob er sich einen aufdringlichen Staubsaugervertreter vom Hals halten müsste. Die Gretchenfrage führt zu einer kleinen Rudelbildung in der Gassenküche, andere mischen sich in das Gespräch ein: «Für mich ist Gott mein Vater», lässt ein Mann mit Älpler-Vollbart verlauten, «von ihm habe ich alles fürs Leben gelernt». «Dann war mein Vater wohl der Teufel», antwortet Pädi spitz. «Wenn, dann war meine Mutter für mich wie Gott. Sie hat für mich gekämpft, als ich im Heim war.»

Im Bann von Marias Empfängnis

Die Szene beruhigt sich wieder. «Die katholischen Feiertage feiere ich schon», bekennt Pädi, wie als Kompromissangebot. Allerheiligen hat er auf dem Friedhof verbracht, gedachte am Grab verstorbener Kollegen, betete das Vaterunser. Auch kaum mehr beachtete Feiertage kennt Pädi – und möchte jeweils ganz genau wissen, was sie bedeuten. Warum? «Weil ich im Verein kirchliche Gassenarbeit involviert bin.» Theologe Zemp nimmt die Steilpässe gerne an: «Der nächste Feiertag ist ja…» «… Maria Empfängnis», ergänzt Pädi stolz, «dann hat mein Schwager Geburtstag!» «Weisst Du, wer da empfangen wird?» «Jesus.» «Nein, eben nicht», klärt Zemp auf. «Weil Marias Sohn, wie man sagt, ohne Sünde auf die Welt kam, musste sie selber frei von Sünde sein, um ihn zu empfangen. Deshalb ist Maria Empfängnis am 8. Dezember, neun Monate vor Marias Geburt, der am 8. September gedacht wird.» Pädi fixiert Zemp nickend. Wieder etwas gelernt.

Im Sinne einer kleinen Privatkatechse arbeiten die beiden weitere Feiertage durch. Pädi lässt sich Pfingsten erklären (»Warum ist eigentlich auch dieser Montag frei?»), von Weihnachten weiss er selber genug: Vorfreudig berichtet er von der bevorstehenden Feier in der Gassenküche, der Andacht, die er sehr schätze (»wenn ich nicht ganz vorne sitze, macht es auch nichts»), der Bescherung, dem feinen Nachtessen. «Weihnachten bedeutet mir alles. Es ist das Fest der Liebe», schwärmt Pädi, um nachdenklich zu ergänzen: «Auch wenn es nicht so ist.»

Rhythmus des Kirchenjahrs

Pädis Brücken in eine Welt jenseits des Sichtbaren sind die Feste, die Tradition, der Rhythmus des Kirchenjahrs. In seinen persönlichen Kirchenkalender gehören notgedrungen noch weitere Highlights, so der Gedenkgottesdienst für die Drogentoten immer am ersten Donnerstag im Februar oder eben der Friedhofsbesuch an Allerheiligen. Dort spürt der Ex-Junkie jeweils auch deutlich, dass seine verstorbenen Kollegen nicht weg sind: «Ich trage meine Freunde mit mir. Hier», Pädi zeigt auf sein Herz, «tief drinnen». Das Bild zeigt zugleich: Der Tod bleibt in einem Leben, das von der Drogensucht geprägt wurde, stets präsent. Umso wichtiger sind die einfachen, haltgebenden Bausteine des Lebens. Dazu gehört der strukturierte Alltag in der Gassenküche. Bei Pädi kommt die Struktur des Kirchenjahrs hinzu.

Wie war das jetzt nochmals mit Pädi: Glaubt er wirklich nicht an Gott, trotz all den Festen, die ihm etwas bedeuten und den vielen neugierigen Fragen, die er dazu stellt? «Nein», bekräftigt der grossgewachsene Mann mit dem Rossschwanz. Das Wort «Gott» klingt für ihn weiter zu eng und zu abstrakt. Alle anderen am Tisch glauben in diesem Moment – an Pädi. (rew)

Jassen in der Gassenküche Luzern | © Archiv Gassenarbeit
Jassen in der Gassenküche Luzern | © Archiv Gassenarbeit
Franz Zemp, Luzerner Gassenseelsorger | © 2015 Remo Wiegand
Franz Zemp, Luzerner Gassenseelsorger | © 2015 Remo Wiegand
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