Papst Franziskus, der Unverstandene
Papstbücher gibt es fast wie Sand am Meer. Einige sagen mehr über den Autor als über den Gegenstand aus, andere bieten eine solide Chronik der Ereignisse. Niemand hat sich aber die Mühe gemacht, die Quellen von Franziskus´ Denken zu erschliessen. Niemand ausser einem.
Francesco Papagni
Seit seiner Wahl zum Papst versucht die Welt, Franziskus zu verstehen. Das ist aus verschiedenen Gründen schwierig. Seine Vorgänger waren Europäer, ihr kultureller Hintergrund war nicht schwer nachzuvollziehen. Bei Jorge Maria Bergoglio glaubten viele, kulturell einen Europäer vor sich zu haben. Das war ein Missverständnis.
«Kapitalismus tötet»
Von Anfang an irritierte Papst Franziskus mit Aussagen wie «Kapitalismus tötet». Diese waren selbst für Linksliberale befremdlich. Nichtsdestotrotz löste der argentinische Papst zu Beginn Enthusiasmus aus. Seine Gesten, seine Wortmeldungen, seine Bescheidenheit schien ein Papsttum einzuleiten, das Wandel, Reform, ja Revolution bringen würde. Jetzt, in der Spätphase seines Pontifikats, wird Bilanz gezogen. Zwei Zugangsweisen stehen beispielhaft für den Versuch zu verstehen, was dieser Papst erreicht bzw. nicht erreicht hat.
Kein Reformer?
Auf der einen Seite steht Michael Meier, langjähriger Tages-Anzeiger Journalist mit seinem Buch «Der Papst der Enttäuschungen. Warum Franziskus kein Reformer ist” (Herder 2024). Auf der anderen der italienische Vatikanist Marco Politi mit verschiedenen Publikationen, zuletzt «Der Unvollendete. Franziskus’ Erbe und der Kampf um seine Nachfolge» (Herder 2025).
Die Titel stehen für die jeweilige These. Meier zeigt sich enttäuscht von Franziskus und hält ihm vor, dass er den Reformwillen nur vorgespiegelt habe. Dabei sei die Frage erlaubt, ob der Enttäuschte mit Erwartungen an seinen Gegenstand herangegangen ist, die keinen Anhaltspunkt in der Wirklichkeit gehabt haben. Stellvertretend dafür kann die Diskussion Meiers um den Umgang mit Homosexuellen in der Kirche dienen.
Unrealistische Erwartungen
Dass Franziskus kein Verfechter der Homosexuellenehe ist, wirft ihm Meier vor. Die Segnung sei doch nur ein Zückerchen, mehr nicht. Allerdings war es von Anfang an wenig realistisch anzunehmen, dass ein Papst sich für die Homoehe stark machen würde. Denn die Ehelehre der katholischen Kirche besagt, dass die Ehe im sakramentalen Sinn nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden kann.
Und auch ein Papst ist durch die Lehre gebunden. Papst Franziskus hat einen ehrlichen Versuch unternommen, die Segnung von homosexuellen Paaren zu erlauben – er hat im hohen Klerus des Südens einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Jorge Mario Bergoglio ist sehr wohl mit einer Reformagenda angetreten, aber eben nicht mit einer westeuropäischen.
Kein wehrloses Lamm
Ganz anders der Ansatz von Marco Politi. Er sah Franziskus in seinen älteren Papstbüchern als einen Mann, der vieles verändern will, aber durch die Beharrungskräfte in der Kurie daran gehindert wird. Gar einen Papst, umringt von Wölfen. Tatsächlich war und ist es auch von einer Aussenperspektive wahrnehmbar, dass die konservativen Kardinäle eine gewichtige Stimme besitzen. Und dass sie auch kleine Schritte infrage gestellt und auch boykottiert haben.
Doch verzerrt auch Politi die Wirklichkeit, wenn er Franziskus als einen einsamen Reformer zeichnet. Denn ein Papst hat viel Macht. Franziskus hat seine Macht genutzt, Gegenspieler aus dem Vatikan zu entfernen und loyale Männer an ihre Stelle zu setzten.
So wurde Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, in seinem Amt nicht bestätigt. Heute ist Kardinal Fernandez Leiter dieser einflussreichen Behörde, ein treuer Landsmann des Papstes. Die Bücher von Politi bieten eine aufschlussreiche Chronik der Ereignisse. Darüber hinaus liefert er eine Analyse, die auf breitem Material fusst – die solide Arbeit eines Vaticanista eben.
In seinem neuesten Buch «Der Unvollendete» (Herder 2025) argumentiert Politi dafür, dass die Erneuerung der Kirche, die Franziskus begonnen hat, bis heute unvollendet geblieben ist.
Viele offene Fragen
Bei der Lektüre bleibt aber eine Lücke. Was hat diesen Papst geprägt? Welche Personen haben Einfluss auf sein Denken gehabt? Wie hat sich seine Theologie entwickelt? Auf diese Fragen geben die gängigen Papstbücher keine Antwort. Kaum jemand kennt bei uns das intellektuelle und politische Milieu Südamerikas der Sechziger-, Siebziger- und Achtziger-Jahre.
Und wer die theologischen Debatten à fond kennt, wie etwa der Walliser Jesuit Nikolaus Klein, tritt nicht öffentlich in Erscheinung. Ein italienischer Forscher hat sich genau diese Aufgabe gestellt, nämlich die theologisch-politischen Debatten jener Jahre zu rekonstruieren.
Die Erschliessung der Quellen
Das Buch von Massimo Borghesi: «Jorge Mario Bergoglio. Una biografia intellettuale» (Jaca Book 2017) bietet eine faszinierende Innensicht über eine Gruppe von Denkerinnen und Denkern, die nach einem eigenständigen Weg für Lateinamerika suchten zwischen kubanischem Sozialismus und amerikanischem Kapitalismus. Borghesis Werk ist unter dem Titel «Papst Franziskus. Sein Denken seine Theologie» bei Herder greifbar.
In diesem politischen Projekt wäre dem Volkskatholizismus die Rolle einer kontinentalen Kultur zugekommen. Eine Leitfigur dieser Zirkel war die Soziologieprofessorin Amelia Podetti. Sie reflektierte die Zentrum-Peripherie-Beziehungen; ein Thema, das in der Ekklesiologie von Franziskus eine grosse Rolle spielt. Auch für Nikolaus Klein SJ ist Podettis Name neu.
Wer in Zukunft wirklich verstehen will, was Papst Franziskus angetrieben hat, so liegt in dieser Zugangsweise der Schlüssel zum Verständnis. Interessanterweise werden in Borghesis Buch viele Namen genannt, die in der Papst-Autobiographie «Hoffe» nicht fallen. Franziskus will eben kein Intellektueller sein, obwohl er zweifellos eine Theologie entwickelt hat. Aber verstanden haben wir diese noch nicht.
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