Papst-Berater Kirchschläger: «Es gibt aus ethischer Sicht dringenden Handlungsbedarf der Vatikanbank»
Die Vatikanbank initiierte Indizes für Investitionen in Aktien, die «als Referenz für katholische Anlagen weltweit» dienen sollen. Die grössten Positionen: Tech-Giganten wie Tesla, Apple, Nvidia. Passt dies zusammen? Theologie-Professor und Papstberater Peter Kirchschläger fordert die Bank auf, ihre Indizes zu überarbeiten. Auf dem Spiel stünde mehr als der Ruf des Institutes.
Marco Zanchi
Sechs der zehn grössten Positionen im Aktienindex «Morningstar IOR US Catholic Principles» sind Technologiewerte: unter anderem Elon Musks’ Tesla. Sind diese Beteiligungen mit der Enzyklika «Magnifica Humanitas» vereinbar, die Papst Leo XIV. im Mai 2026 vorgelegt hat?
Peter G. Kirchschläger*: Die Wertschöpfungsketten der genannten Firmen umfassen Menschen- und Kinderrechtsverletzungen und massive Umweltzerstörung, unter anderem bei der Schürfung der Rohstoffe, die für ihre Technologieprodukte gebraucht werden und an den Billigproduktionsstandorten, wo die Technologieprodukte hergestellt werden. Auch beim Einsatz der Technologieprodukte. Diese Unrechtsrealitäten sprechen eindeutig dagegen.
Die Enzyklika «Magnifica Humanitas» …
Kirchschläger: … spricht Klartext. Ich zitiere «Die von Gott geschaffene grossartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen. Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. Doch jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich und ungerechter wird.»
«Nicht umsonst hat Papst Leo XIV. zu einer ökologischen Umkehr sowie zu einer gerechteren Klimapolitik aufgerufen, in der Reiche mehr Verantwortung übernehmen müssten als Arme.»
Babel steht in der Enzyklika «Magnifica Humanitas» für …
Kirchschläger: … ein von Herrschaftsstreben geleitetes, entmenschlichendes Gemeinschaftswerk. Der Wiederaufbau der Mauern Jerusalems unter Nehemia steht für ein Engagement für eine menschenwürdige und nachhaltige Gegenwart und Zukunft für die Menschheit und den Planeten Erde. Zu diesem humanen und ökologischen Einsatz sollten auch Investitionen ihren Beitrag leisten.
NGOs werfen der US-Bank J. P. Morgan vor, sie sei der grösste Geldgeber der fossilen Industrie. Die Vatikanbank meide Firmen, die mit Kohle, Öl und Gas Geld verdienen, sagt sie. Trotzdem ist J. P. Morgan eine der grössten Beteiligungen. Wie passt dies zusammen?
Kirchschläger: Auch hier gilt es, von einem finanzethischen Standpunkt einen Schritt weiter zu denken und kritischer zu überprüfen, wo man investiert. Gemäss Papst Franziskus zählen Nachhaltigkeit und die Sorge um das «gemeinsame Haus» zu grundlegenden sozialethischen Prinzipien. Nicht umsonst hat er vehement darauf hingewiesen, dass «diese Wirtschaft tötet», und Papst Leo XIV. hat zu einer ökologischen Umkehr sowie zu einer gerechteren Klimapolitik aufgerufen, in der Reiche mehr Verantwortung übernehmen müssten als Arme. Es gibt also aus ethischer Sicht dringenden Handlungsbedarf bei der Vatikanbank.
«Sonst läuft die Vatikanbank aus finanzethischer Perspektive Gefahr, dass mit ihren Investitionen Menschenrechte und Kinderrechte verletzt sowie Umwelt und Klima zerstört werden.»
Die Vatikanbank sagt, ihre Indizes seien mit ihrer Anlagepolitik «konform», und diese sei «in Übereinstimmung mit der Soziallehre der Kirche» entwickelt worden. Wie glaubwürdig ist dieser Anspruch?
Kirchschläger: Wenn die Vatikanbank so kommuniziert, dann muss sie diesbezüglich Transparenz an den Tag legen und aufzeigen, wie sie die sozialethischen Prinzipien respektiert und wie sie deren Achtung regelmässig und unabhängig überprüfen lässt. Sonst läuft sie aus finanzethischer Perspektive Gefahr, dass mit ihren Investitionen Menschenrechte und Kinderrechte verletzt sowie Umwelt und Klima zerstört werden. Und darüber hinaus leiden auf einer pragmatischen Ebene darunter sowohl die Glaubwürdigkeit als auch das Vertrauen in die Bank.
Der Index wurde im Februar 2026 lanciert, die Enzyklika «Magnifica Humanitas» im Mai 2026 veröffentlicht. Muss die Vatikanbank ihre Indizes also bereits überarbeiten?
Kirchschläger: Die Enzyklika «Magnifica Humanitas» gibt Anlass dazu, dass die Vatikanbank gerade im Bereich von sogenannter «künstlicher Intelligenz (KI)» – die wegen des Mangels an Intelligenz besser als «datenbasierte Systeme (DS)» zu bezeichnen sind – ihre Indizes anpassen muss. In der Enzyklika steht: «Es reicht nicht aus, sich auf Effizienz zu berufen oder die Vorteile der Innovation zu preisen, wenn diese auf einer Ausbeutungskette beruhen, die bewusst verborgen bleibt. Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde.»
Worum geht es Papst Leo XIV.?
Kirchschläger: Es geht Papst Leo XIV. keinesfalls um eine moralische Kritik des technologischen Fortschritts an sich, sondern um eine bestimmte Weise des technologischen Fortschritts, die nur wenigen multinationalen Technologiekonzernen dient und sich verheerend auf die Menschheit und den Planeten Erde auswirkt. Daraus ergibt sich die Forderung, die Papst Leo XIV. bei der offiziellen Vorstellung seiner ersten Enzyklika gestellt hat: Datenbasierte Systeme müssen «entwaffnet» werden, «befreit von Logiken, die sie in ein Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes verwandeln.»
«Wenn die Vatikanbank mit ihren Indizes nicht das in Taten umsetzt, was sie in Worten ‹predigt›, dann handelt es sich leider um Ethics-Washing.»
Nachhaltige Anleger begnügen sich nicht mehr einfach damit, problematische Firmen zu meiden. Sie sprechen auch mit den Unternehmen und stimmen an der Generalversammlung ab, um das Geschäftsgebaren zu verändern. Müsste nicht auch die Vatikanbank ihre Rechte als Eigentümerin aktiver wahrnehmen?
Kirchschläger: Aus finanzethischer Sicht wäre das zu begrüssen, da die Vatikanbank so ihrer ethischen Verantwortung als Eigentümerin gerecht werden und auf eine die sozialethischen Prinzipien respektierende Unternehmensführung und -praxis hinwirken könnte. Macht – in diesem Fall als Eigentümerin – korrespondiert mit entsprechender ethischer Verantwortung.
Die Indizes der Vatikanbank weichen kaum von konventionellen Anlageprodukten der Banken ab, die einzig auf Rendite getrimmt sind. Betreibt die Vatikanbank «Ethics-Washing«, stellt sie ihren Index also ethischer dar, als er ist?
Kirchschläger: Wenn die Vatikanbank mit ihren Indizes nicht das in Taten umsetzt, was sie in Worten «predigt», dann handelt es sich leider um «Ethics-Washing». Gerade eine Institution wie die Vatikanbank muss hier selbstkritischer hinschauen sowie mit ihrem ethisch orientierten Handeln überzeugen.
*Professor Peter G. Kirchschläger ist seit 2017 Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Seit 2023 wirkt er zudem als Gastprofessor an der Professur für Neuronales Lernen und Intelligente Systeme der ETH Zürich sowie am ETH AI Center. Im August 2026 ernannte Papst Leo XIV. ihn zum Berater des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen.
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