Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz.
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Oberrabbiner: «Die von Papst Franziskus unterstützte Einwanderungspolitik führt zu Chaos»

Papst Franziskus verurteilte die Zurückweisung von Migranten als moralisches Versagen und forderte unter Berufung auf biblische Verse ein globales Migrationsmanagement. Der Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt hat seine Bedenken.

«Das Schicksal der Migranten, die gefährliche Meere und Wüsten überqueren, ist zweifellos tragisch. Seit 2014 sind mehr als 30’000 Migranten im Mittelmeer umgekommen. Der Appell des Papstes, eine ‘Militarisierung der Grenzen’ zu verhindern, entspringt sicher dem Wunsch, Menschen zu helfen. Doch so mitfühlend seine [Franziskus, Anm. d. Red.] Botschaft auch ist, sie spiegelt nur eine Dimension eines immens komplexen Themas wider. Sein Verweis auf die Bibel zeigt nur die eine Hälfte des Bildes. (…)

Strand am Mittelmeer mit Schwimmwesten.
Strand am Mittelmeer mit Schwimmwesten.

Erstens: Kulturen sind verschieden. Migration kann zu Spannungen und Konflikten führen. Der Papst und andere scheinen von einem universellen Wertesystem auszugehen, das in allen Kulturen und Ländern gilt. Wir sollten jedoch nicht herablassend oder naiv sein und unsere eigenen Normen auf andere projizieren. Jede Kultur und jede Gemeinschaft verdient auf ihre Weise Respekt; ihr eigenes Wertesystem sollte anerkannt werden, anstatt es als fremdenfeindlich abzutun. (…)

Papst Franziskus
Papst Franziskus

Im Extremfall können diese Unterschiede zu Konflikten und Kriegen führen. Ein ehrliches Verständnis dieser Unterschiede zwischen den Völkern ist notwendig, um Migration effektiv zu steuern. (…) Echtes Mitgefühl sorgt dafür, dass Migranten sich integrieren und die Werte der westlichen Demokratie respektieren, so unterschiedlich die Werte in ihren Herkunftsländern auch sein mögen. (…) Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration neuer Zuwanderer ist jedoch die Bereitschaft der Zuwanderergemeinschaften, sich zu integrieren und die Werte der Aufnahmegesellschaft zu akzeptieren.

Europa als Zufluchtsort für Menschen in Not

Die von Papst Franziskus unterstützte Einwanderungspolitik führt zu Chaos und politischen Verwerfungen. Die Messerattacke in Solingen, die Wahlergebnisse in Frankreich, Sachsen und Thüringen sind Vorboten des Preises, den Europa zahlen wird, wenn es nicht auf die Ängste seiner Bürger vor unkontrollierter Einwanderung und dem Verfall der öffentlichen Ordnung reagiert. Der Preis könnte mit der drohenden Zerstörung des europäischen Projekts und dem Verlust an Demokratie in vielen europäischen Ländern sehr hoch sein.

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Papst Franziskus hat recht, wenn er zum Mitgefühl aufruft, aber wir müssen auch die weiterreichenden Konsequenzen bedenken. Unangebrachtes Mitgefühl kann oft zu Grausamkeit führen. Europa muss ein Zufluchtsort für Menschen in Not bleiben, aber es muss auch seine demokratischen Werte und die Sicherheit seiner Bürger schützen.» (…)

*Dies sagte Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt in einem Gastkommentar der NZZ. Er ist Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER). In Zürich geboren, war er von 1993 bis 2022 Oberrabbiner von Moskau und befindet sich seitdem im Exil. (woz)


Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz. | © KNA
24. September 2024 | 15:00
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