«Nüd!» «Nothing!» «Das wollen Sie nicht wissen...» – Was Passanten über die katholische Kirche denken
Jüngst hat Coop Klosterbier aus den Verkaufsregalen genommen. Der Grund: der Missbrauchsskandal in Saint-Maurice. Ist das Image der Kirche toxisch? Kath.ch befragte Passanten auf der Zürcher Bahnhofstrasse, was ihnen spontan beim Begriff «katholische Kirche» in den Sinn kommt. Viele Antworten klingen ernüchternd. Doch der Glaube an Gott und an das Gute in der katholischen Kirche ist für manche nach wie vor stark. Ein Augenschein.
Wolfgang Holz
Um es vorwegzunehmen: Wer Passanten in der Zürcher Bahnhofstrasse nach der katholischen Kirche befragt, hat keinen leichten Stand. Viele beschleunigen ihren Schritt, wenn sie gefragt werden, was sie mit der katholischen Kirche assoziieren. Mit «nüd» und «nothing» quittieren andere den Wunsch nach einer Antwort. Oder sagen mit einem süffisanten Lächeln: «Das wollen Sie nicht wissen…»
«Kirchenpolitik mit Reglements und Vorschriften»
Auch unter denen, die sich die Zeit nehmen, um über die Frage spontan nachzudenken, finden zahlreiche Befragte wenig Positives. Kaum jemand möchte seinen Namen nennen, geschweige denn sich fotografieren lassen. Das hat nicht nur mit dem jüngsten Missbrauchsskandal zu tun.
«Ich bin schon vor 30 Jahren aus der Kirche ausgetreten», sagt Thomas Dolder. Der 65-jährige pensionierte Direktionsinspektor einer Versicherung sitzt gerade auf einer Bank an der Bahnhofstrasse, linst in die wärmende Sonne und raucht genüsslich eine Zigarre. Ihm habe die ganze Kirchenpolitik mit vielen Reglements und Vorschriften nie so richtig getaugt. «Das hat mir nicht gefallen.»
Er habe früher unfreiwillig und nur wegen seiner Eltern den Gottesdienst in der Kirche besucht. Gleichzeitig räumt er ein, dass die Kirche auch viel Gutes leiste, zum Beispiel im sozialen Bereich. «An Gott glaube ich nicht, der ist für mich prinzipiell nicht greifbar», sagt er. In der Not wende er sich an seine Familie und an seine Freunde. «Jeder soll glauben dürfen, was er will.»
«Kirche nur noch eine Machtinstitution»
Ein älterer Mann, der an der Haltestelle gerade aufs Tram wartet, versichert ebenfalls, dass ihm in Sachen katholischer Kirche «viel Negatives» einfalle. Der eine Grund dafür sei der aktuelle Missbrauchsskandal, sagt der Katholik. Die andere Ursache dafür sei, dass die Kirche ihre Chance verpasst habe und nur noch eine Machtinstitution verkörpere, die Frauen nicht gleichberechtigt behandle. Das katholische System habe auch während der Corona-Krise versagt.
«Vor allem müssen die Machthaber gefällt werden – wie die Könige im Schach!»
Für ihn seien die Wurzeln des Glaubens die zwei Gebote der Bibel: «Liebe Deinen Gott aus ganzem Herzen» und «Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst». Aus seiner Sicht müsse es noch schlimmer kommen, bis die Kirche zu etwas Neuem werden könne. «Vor allem müssen die Machthaber gefällt werden – wie die Könige im Schach!»
«Keine Aufklärung in Sachen Missbrauch»
Es gibt auch junge Menschen, die ihre Meinung zur katholischen Kirche äussern. Viviane Peter etwa würde sich durchaus als gläubig bezeichnen. «Ich glaube schon an eine höhere Macht, die unsere Geschicke lenkt, aber nicht an einen Gott, wie ihn sich die katholische Kirche vorstellt», erklärt die junge Frau. Sie vertraut auch auf den Kontakt mit verstorbenen Seelen. Trotz ihrer Religiosität sei sie vor einem Jahr aus der Kirche ausgetreten: «Weil da jahrelang nichts passiert ist in Sachen Aufklärung – das geht einfach gar nicht.»
Zwei Mädchen, Belinda und Anne, die gerade am Paradeplatz unterwegs sind, äussern sich ebenfalls zur katholischen Kirche. «Dabei fallen mir schöne Kirchen ein, der Vatikan, Rom», sprudelt es aus Anne hervor. Ob sie an Gott glaube, könne sie aber nicht sagen: «Ich bin unschlüssig, woran ich glauben soll. Wenn es mir nicht gut geht, wende ich mich halt an meine Freunde.»
«Meinen Weg mit Jesus gehen»
Belinda ihrerseits könnte ohne ihren Glauben an Gott nicht leben. Sie ist Mitglied in der Apostolischen Kirche. «Ich möchte meinen Weg mit Jesus gehen», ist sie überzeugt. Vom Missbrauch in der katholischen Kirche habe sie nichts gehört.
Bei älteren Passanten ist es einfacher, etwas über die katholische Kirche in Erfahrung zu bringen. Einige haben durchaus interessante und überraschende Ansichten – wie etwa Elisabeth Baumann. «Die katholische Kirche steckt momentan in einer schwierigen Situation durch den Missbrauchsskandal», sagt die reformierte Rentnerin. «Mir tut es sehr leid um die katholische Kirche», sagt sie. «Ausserdem gibt es wegen des Missbrauchskandals auch bei uns in der reformierten Kirche zahlreiche Austritte.»
«Warum nicht fusionieren?»
Dabei leiste die Kirche so viel Gutes durch ihre Freiwilligenarbeit sowie durch ihr soziales Netz. «Ich finde die katholische Kirche eigentlich sehr hübsch, weil es bei den Gottesdiensten so stimmungsvoll zugeht.» Eine Lösung der Kirchenkrise könnte sie sich in einer Fusion der reformierten und katholischen Landeskirchen vorstellen. «Warum denn nicht? Wir haben ja den gleichen Gott.»
Wie ein positiver, unerschütterlicher Katholik wirkt Peter Richter. Der Quality-Manager schöpft draussen vor der Tür in der Mittagspause gerade frische Luft. «Wenn ich an die katholische Kirche denke, fällt mir ein, dass ich Kirchensteuer bezahlen muss», sagt der gebürtige Österreicher mit einem Grinsen. Er gehe zwar meist nur an den grossen Festtagen in den Gottesdienst. Aber ohne Religion und Gott gehe es einfach nicht.
«Religion vermittelt Halt»
«Religion vermittelt schliesslich Kraft und Halt und hält die Welt zusammen – und jeder Sünder hat seine Zukunft», ist er überzeugt. Was den Missbrauch angeht, habe es diesen schon früher gegeben in der Kirche. Dass Menschen aus der Kirche austreten und keine Kirchensteuer mehr bezahlen wollen, hat aus seiner Sicht nur mit vorgeschobenen Argumenten und Bequemlichkeit zu tun. «Vielen geht es einfach nur ums Geld.»
Und was meint schliesslich ein «Banker» vom Paradeplatz zur katholischen Kirche? «Bei katholischer Kirche denke ich an Tradition, Vatikan, Weihrauch und Prunk», sagt ein junger Mann in schickem beigen Anzug. Für den früheren deutschen evangelischen Theologiestudenten hat der Missbrauch in der Kirche nichts mit der Kirche zu tun: «Sondern in erster Linie mit den Menschen.» An Gott selbst glaubt er zwar nicht, dafür aber an die christlichen Werte und Botschaften. «Jesus war ja bekanntermassen eine historische Figur, ich vertraue auf ihn in seiner Funktion als Mensch.»
«Kraft des Guten in unserer Gesellschaft»
Ein australischer Geschäftsmann – Katholik – lässt sogar spontan das einfahrende Tram sausen, um über die Frage von kath.ch nachzudenken. «Die katholische Kirche und die Religion sind die Kraft des Guten in unserer Gesellschaft», sagt er überzeugt. Sie sorge auch für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit. Allerdings müsse die katholische Kirche deutlich offener für Frauen werden und den Missbrauch von Kindern engagierter aufklären. «Denn das ist ein eindeutig ein systemisches Problem!»
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