Nichtwissen zählt beim Kleiderkauf nicht
Basel, 4.6.18 (kath.ch) Der Luzerner katholische Theologieprofessor Peter G. Kirchschläger nimmt auch die Schweizer Textilproduzenten in die Pflicht, Menschenrechtsverletzungen in ihrer Produktionskette zu verhindern. Doch sie trügen nicht allein Verantwortung: Die hätten auch der Staat und letztendlich der Konsument.
Boris Burkhardt
Peter G. Kirchschläger kennt die Entschuldigungsmuster, denen er sich auch in diesem Podium wieder gegenübersieht: Der Professor der Theologischen Fakultät Luzern und Leiter des dortigen Instituts für Sozialethik hat immer wieder gehört, wie sich die Vertreter der Textilindustrie aus ihrer Verantwortung im Hinblick auf Menschenrechtsverletzungen in den Ländern ihrer Produktionskette herausreden. Auch wenn es am Samstag im Zwinglihaus in Basel bei der dritten «Basler Sommerakademie» beim Podium unter anderem mit Nadja Bachmann, Leiterin Technologie und Umwelt bei Swiss Textiles, sehr ruhig und freundlich zuging, bleibt Kirchschläger bei seiner Meinung.
Textil-Arbeitern wird Menschenwürde verweigert
»Das sind Argumentationsmuster der Exklusion. Wir nehmen für uns in Anspruch, was wir anderen nicht zugestehen», sagt er und spricht konkret von den Arbeitern in Bangladesch, die mehr oder weniger als Sklaven Textilien für die Schweiz verarbeiten: «Diese Argumentationsmuster legitimieren, dass Menschen von der Menschenwürde ausgeschlossen werden – noch für ein paar Jahre.»Damit bezieht er sich auf Bachmanns Aussagen, es brauche Zeit, in allen Fabriken die Arbeiter über ihre Rechte aufzuklären und Arbeitsstandards durchzusetzen, und die Schweizer Textilindustrie sei auch nur Kundin dieser Fabriken. Schliesslich sei es auch der Staat vor Ort, der die Menschenwürde nicht durchsetze, sagte Bachmann ausserdem. Kirchschläger sieht jedoch die Konzerne «direkt oder als Komplize» an den Menschenrechtsverletzungen beteiligt: Vor allem in Entwicklungsländern hätten sie grosse Macht und Einfluss.
«Ich gehe auch wieder, wenn ich mal eine tolle Hose gefunden habe»
Kirchschläger spricht in Bezug auf uns europäische Konsumenten von einer geteilten Verantwortung. Zum einen reiche es in der heutigen digitalisierten Welt moralisch nicht mehr aus, sich als Konsument auf den Standpunkt zu stellen: Ich habe keine Informationen über das Produkt.
In der Fragerunde zu Beginn des Podiums nach dem Kaufverhalten der Teilnehmer hatte Kirchschläger, ein hochgewachsener Mann, gesagt, er frage in den Läden immer nach der Herkunft der Textilien: «Ich gehe auch wieder, wenn ich keine befriedigende Auskunft bekomme, und verzichte auch, wenn ich mal eine tolle Hose gefunden habe, die mir auf Anhieb passte.» Dabei sei es auch ein falsches Denkmuster, dass ethisch korrekte Kleidung teurer sein muss: «Luxusmode achtet selten auf Nachhaltigkeit.»
Markt für Produkte aus Sklavenarbeit schliessen
Zum anderen sieht Kirchschläger aber klar die Politik in der Pflicht, sowohl die nationale wie die globale: Die bereits verbindlich geltenden Menschenrechte müssten einfach konsequenter durchgesetzt werden. Zudem sollte ein ethisch handelnder Staat wie die Schweiz keine Produkte aus Sklavenarbeit auf den Markt lassen. So gebe es in Grossbritannien und in den Niederlanden bereits erste Urteile, die Firmen für ihre Menschenrechtsverletzungen auch ausserhalb der EU verantwortlich gemacht hätten. Diese Haltung des Staats ist aus Kirchschlägers Sicht notwendig zur «Entlastung des Konsumenten».
«Die Fabrik in Bangladesch ist weit weg.»
Dass sich in einem Land, in dem es schon lange keine Frage der Ideologie mehr ist, auf nachhaltige, biologisch gezogene oder artgerecht gehaltene Nahrung zu achten, noch immer nur eine kleine Minderheit Gedanken über die ethischen Komplikationen bei der Textilherstellung macht, erklärt sich Kirchschläger mit zwei Faktoren: «Erstens die Distanz: Die Kuh auf der Weide sehen wir selbst; die Fabrik in Bangladesch ist weit weg.» Zweitens sei die mangelnde Bildung in den Schulen verantwortlich, wo zu wenig über Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung und das eigene Verhalten als Konsumenten gesprochen werde.
Kirche soll den Sklaven eine Stimme sein
Die christliche Pflicht, auf ethische Mode zu achten, leitet Kirchschläger von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen ab. Egal, ob bei der Baumwollernte, in der Textilfabrik oder auch bei den Verkäufern in den Schweizer Läden: «Gott hat den Menschen beziehungsfähig geschaffen, damit er in seinem Auftrag Verantwortung für seine Mitmenschen übernimmt.»
«Gott hat den Menschen beziehungsfähig geschaffen.»
Dieselbe Pflicht zur Verantwortung gelte auch für die Natur, die Gott laut dem ersten Buch der Bibel, der Genesis, dem Menschen anvertraut habe. Deshalb findet Kirchschläger, dass sich die Kirche mehr für die Bewusstseinsbildung in Europa einsetzen und gleichzeitig den Sklaven in Bangladesch und anderswo eine Stimme sein müsse: «Das ist Teil der kirchlichen Sendung.» Papst Franziskus sei hierbei ein «sehr gutes Vorbild»: Er beziehe Position für die Rechte aller Menschen, auch jener am Rande der Gesellschaft.
Worauf achtet Kirche bei Anschaffung von Textilien?
Ob die Kirche, im Vatikan wie in den Pfarreien, bei der Anschaffung von Kleidung und anderen Textilien allerdings selbst ethische Grundsätze anwendet, ist für Kirchschläger schwierig zu beurteilen: «Ich kenne einzelne Pfarreien, die darauf achten; aber das ist sicher nicht flächendeckend der Fall.» Für die Glaubwürdigkeit der Kirche hielte er es jedenfalls für geboten.
Das Podiumsgespräch fand im Rahmen der dritten «Basler Sommerakademie» statt. Die zweitägige Veranstaltung wurde vom Forum für Zeitfragen in Basel und verschiedenen kirchlichen Stellen organisiert, darunter das ökumenische Pfarramt für Industrie und Wirtschaft beider Basel.
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