Schweiz

Neuer Schock im Westschweizer Bistum

Nach der Affäre Frochaux ein weiterer Schlag für das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg: Der designierte Pfarrer für die Kathedrale Freiburg veröffentlichte Fotos von sich auf einer einschlägigen Homosexuellen-Kontaktbörse. Das schreibt die Westschweizer Zeitung «L’Illustré».

Georges Scherrer

Domherr Alain Chardonnens hätte Nachfolger von Domherrn Paul Frochaux an der Kathedrale werden sollen. Daraus wird nun vorerst nichts. In einer eilends einberufenen Pressekonferenz informierte das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg am Mittwoch über die Hintergründe.

Frochaux hat dieses Jahr zugegeben, 1998 sexuelle Handlungen mit einem damals Minderjährigen gehabt zu haben. Diözesanbischof Charles Morerod wollte Frochaux 2016 als Bischofsvikar für Neuenburg ernennen. Bei einem Treffen habe der Priester dem Bischof von sich aus erklärt, dass im Jahr 1998 etwas vorgefallen sei. Er verheimlichte jedoch das Alter des Opfers.

Zwei Untersuchungen

Ende 2019 veröffentlichte der «Tages Anzeiger» Hintergründe zum Fall Frochaux und unterstellte Morerod, er habe in der Sache versagt, weil er sich nicht rechtzeitig nach dem Alter des Opfers erkundigt habe. Das Bistum beauftragte daraufhin eine interne Kommission, Nachforschungen über ein verschwundenes Protokoll aus dem Jahr 2001 anzustellen. Ein Genfer Anwalt sollte zudem die direkten Vorwürfe gegen Frochaux prüfen.

Cédric Chanez

Die Berichte der beiden Untersuchungen wurden am Mittwoch der Öffentlichkeit vorgestellt. Die interne Untersuchung habe ergeben, dass sich im Priesterdossier von Frochaux ab Ende 2001 ein Umschlag befunden haben, der das Protokoll eines Gesprächs vom 30. November 2001 enthalten hatte, erklärte Cédric Chanez in Freiburg, der der Untersuchungskommission angehörte. Von 2013 bis 2015 war er im Ordinartiat des Bistums im Bereich Archivierung tätig. Heute ist er externer Berater des Ordinariats.

Verschwundenes Protokoll

Heute sei das Original des Gesprächsprotokolls nicht mehr vorhanden, und es könne nicht nachvollzogen werden, was damit geschehen sei, so Chanez. Das Protokoll konnte dennoch in einer elektronischen Form 2015 auf dem Server des Ordinariats gefunden werden.

Weiter hält der Bericht der Untersuchungskommission fest, der der Presse am Mittwoch vorgestellt wurde, dass der Schweregrad des Geschehens an der Sitzung vom 30. November 2001 beschönigt worden sei. Im Protokoll, welches 2015 auf dem Server wiederentdeckt worden ist, sei weder von schwerwiegenden Taten die Rede gewesen noch vom Umstand, dass ein Minderjähriger involviert gewesen sei.

Charles Morerod vor den Medien. Genfer Anwältin auf dem Bildschirm zugeschaltet

Morerod sei wiederholt und in ganz allgemeiner Weise über den Fall informiert worden. Die Details, wie sie Ende 2019 in der Presse beschrieben worden seien, seien dem Bischof unbekannt gewesen. Morerod sei von Frochaux angelogen worden.

Schwierige Interpretation

Das Opfer von 1998 und eine Freundin wandten sich im Jahr 2001 in einem Brief an den damaligen Bischof Bernard Genoud. Dieser Brief hat gemäss Morerod keine Rückschlüsse auf eine pädophile Neigung des Priesters zugelassen. In diesen Brief würden entsprechende Neigungen ausgeschlossen, sagte Morerod vor den Medien. Heute würde er die Zeilen anders lesen.

Gegen Frochaux lief eine zweite Untersuchung. Mit dieser war der Genfer Anwalt Maurice Harari, der nicht der katholischen Kirche angehört, beauftragt. Er muss den Vorfall von 1998 untersuchen sowie Vorwürfe eines Priesters, der erklärte, Frochaux habe ihn sexuell belästigt.

«Einzelfall» und subjektive Wahrnehmung

Dazu hält das Anwaltsbüro in seinem Schlussbericht fest, dass es sich beim Übergriff durch Frochaux im Jahr 1998 um einen Einzelfall gehandelt habe, «da danach keine Hinweise auf Missbrauch ermittelt werden konnten».

Bezüglich der Anschuldigung des Priesters gegen Frochaux hält das Anwaltsbüro fest, dass die Untersuchung in keiner Weise nachweisen konnte, dass in einer von Frochaux betreuten Pfarrei zwischen 2008 und 2011 eine homoerotische Atmosphäre geherrscht habe.

Deshalb müsse die Frage, ob der klagende Priester irgendeiner Form von Belästigung ausgesetzt war und ob das Verhalten seines Vorgesetzten ihm gegenüber jenes eines Wiederholungstäters war, «verneint werden». Diese Feststellung lasse jedoch nicht den Schluss zu, dass der klagende Geistliche lüge, «da die Wahrnehmung von Belästigung jeglicher Art immer eine subjektive Komponente umfasst».

Neue Enthüllung

Frochaux ist aufgrund der Geschehnisse Ende Juni vom prestigeträchtigen Amt des Pfarrers der Kathedrale Freiburg zurückgetreten. Am 6. Juli wurde bekannt, dass Domherr Alain Chardonnens sein Nachfolger werden sollte.

Blandine Treyvaud-Charles sprach über die Priesterausbildung

Die Westschweizer Zeitschrift «L’Illustré» publizierte am Mittwoch Fotos des Domherrn, die dieser auf der Dating-Plattform «PlanetRomeo» von sich veröffentlichte. Darunter sollen auch Nacktbilder gewesen sein.

Morerod hat Chardonnens nahe gelegt, eine Auszeit zu nehmen. Der Bischof denkt dabei an einen Aufenthalt in einem Kloster, wie er am Mittwoch gegenüber den Medien sagte.

Die Nase voll?

Eine sibyllinische Antwort gab der Bischof auf die Frage, ob er aufgrund der Skandale im Bistum an Rücktritt denke. «Ich stelle mir die Frage in konkreter Weise. Wenn ich aber nicht hinstehe, dann muss es ein anderer tun.»

Weitere Fälle?

Nicolas Glasson sprach ebenfalls über die Priesterausbildung

Die Missbrauchsfrage ist im Bistum nicht ausgestanden. An der Pressekonferenz wurde bekannt, dass bereits zwei weitere Priester im Visier der Medien stehen.

Einer wollte zwei Minderjährige aus Afghanistan bei sich aufnehmen. Dieser gehöre aber nicht zum Bistum und habe vom Bischof auch keinen Auftrag für den Dienst im Bistum erhalten. Er könne zu beiden Fällen nicht Stellung nehmen, weil er den Untersuchungen der staatlichen Behörden nicht vorgreifen dürfe, sagte Morerod.


Charles Morerod an der Pressekonfernez in Freiburg | © Georges Scherrer
15. Juli 2020 | 16:08
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Viele schaffen es nicht bis zum Priester

Ein Viertel bis ein Drittel der Männer, welche in das diözesane Priesterseminar eintreten möchten, werden zurückgewiesen, sagte Regens Nicolas Glasson vor den Medien. Fünfzig Prozent würden während des sechsjährigen Studiums aus dem Seminar ausscheiden. Bei einem solchen Entschluss spiele nicht nur die Zölibatspflicht eine Rolle.

Die Psychologin Blandine Treyvaud-Charles betreut im Priesterseminar die angehenden Priesteramtskandidaten. Sie erklärte, die jungen Männer, welche in das Seminar eintreten, müssten eng betreut werden. Denn nicht alle hätten die gleiche Reife. Etliche müssten ihren Weg auch auf der Gefühlsebene erst finden. (gs)