Alexandre Ineichen, neuer Abt von Saint-Maurice
Schweiz

Neuer Abt von Saint-Maurice begrüsst Governance-Beirat als «Gegenmacht»

Alexandre Ineichen ist der neue Abt der Abtei Saint-Maurice. Der Kanoniker, derzeit Rektor des Kollegiums von Saint-Maurice, spricht mit cath.ch über seine Wahl, seine Vision von Führung und die Herausforderungen, die ihn erwarten. Das Image der Gemeinschaft ist durch Missbrauchsfälle stark angeschlagen.

Maurice Page (cath.ch)

Sie galten als Favorit dieser Wahl. Hatte die Gemeinschaft denn keine andere Wahl?

Alexandre Ineichen: Doch, die Gemeinschaft hatte drei Möglichkeiten: auf eine Wahl zu verzichten und Rom um einen Apostolischen Administrator zu bitten; einen Kanoniker aus einer der Schwestergemeinschaften der Konföderation der Kanoniker des heiligen Augustinus zu wählen; und schliesslich eine interne Person zu wählen. Dies wurde im Kapitel diskutiert, und die dritte Option wurde gewählt. Ich denke, dass die Erneuerung des Vertrauens und der Einheit von innen kommen muss.

Ihre Wahl war keine Überraschung.

Ineichen: Für mich ist es dennoch eine Veränderung in meinem Leben, da ich die Leitung des Kollegs zugunsten der Leitung der Abtei aufgebe. Ich hatte keineswegs einen «Karriereplan». Ich nehme diese Aufgabe gelassen an, gestärkt durch das Vertrauen meiner 25 Mitbrüder und bestätigt durch den Papst.

Alexandre Ineichen im Gespräch
Alexandre Ineichen im Gespräch

Das Vertrauen nach innen und aussen muss wieder aufgebaut werden.

Ineichen: Vertrauen entsteht durch Transparenz und Verantwortungsbewusstsein, wobei mir bewusst ist, dass absolute Transparenz illusorisch ist. Die Gemeinschaft hat beschlossen, einen Governance-Beirat einzurichten, der sich aus externen Personen zusammensetzt, um den Abt und den Abtrat bei der Leitung zu unterstützen. Den Vorsitz dieses Beirats übernimmt Mari-Carmen Avila, die Beauftragte für Prävention der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg. Ich halte es für gut, eine Art «Gegenmacht» zu haben, um Entscheidungen in Absprache treffen zu können. Die Wahl einer Frau, die Expertin für Missbrauchsfragen ist, erscheint mir sehr angemessen.

«Als Rektor des Kollegs habe ich es immer für richtig gehalten, im Team zu arbeiten und Entscheidungen nicht alleine zu treffen.»

Wird der Abt damit nicht ins Abseits gedrängt?

Ineichen: Nein, die Leitung bleibt beim Abt. Er trifft die Entscheidungen. Unsere Statuten werden nicht geändert. Als Rektor des Kollegiums habe ich es immer für gut gehalten, im Team zu arbeiten und Entscheidungen nicht allein zu treffen. Ich gebe zu, dass dies bisher gefehlt hat.

«Es gilt, wenn möglich, für eine möglichst humane Wiedereingliederung der fehlbaren Mitbrüder in die Gemeinschaft zu sorgen.»

Die Abtei wurde durch den Bericht über den sexuellen Missbrauch in ihren Reihen schwer erschüttert. Befürchten Sie, dass noch weitere Vorfälle ans Licht kommen könnten?

Ineichen: Ich denke, dass der Aubert-Bericht, der einen Zeitraum von 70 Jahren abdeckt, ziemlich umfassend ist; wobei man bedenken muss, dass es kein Nullrisiko gibt. Jetzt geht es darum, die nächsten Schritte zu planen. Es gab strafrechtliche Verurteilungen, einige kirchliche Urteile stehen noch aus. Ich bin für eine strenge Justiz gegenüber den Tätern und für gerechte Strafen, aber immer unter Wahrung des Rechts auf Verteidigung. Es gilt stets die Verhältnismässigkeit zu wahren und, wenn möglich, für eine möglichst humane Wiedereingliederung der fehlbaren Mitbrüder in die Gemeinschaft zu sorgen. Aber das hängt wirklich von jeder einzelnen Person ab.

Antoine Salina, Chorherr der Abtei Saint-Maurice, an Pressekonferenz zum Untersuchungsbericht Missbrauch, 20. Juni 2025.
Antoine Salina, Chorherr der Abtei Saint-Maurice, an Pressekonferenz zum Untersuchungsbericht Missbrauch, 20. Juni 2025.

Die Lektüre des Missbrauchsberichts lässt vermuten, dass viele Kanoniker es vorzogen, nicht hinzuschauen, nichts zu wissen…

Ineichen: Ja. Meiner Meinung nach muss man sich in den sozialen Kontext der damaligen Zeit versetzen, in dem man über solche Dinge nicht sprach und sich untereinander einigte. Ich glaube, es handelte sich eher um Naivität und Inkompetenz im Umgang mit solchen Situationen. Eine Kultur der Geheimhaltung setzte sich durch.

«Ich bin der Meinung, dass Probleme so schnell wie möglich geteilt werden müssen, um verschiedene Standpunkte zu erhalten.»

Ich bin der Meinung, dass Probleme so schnell wie möglich geteilt werden müssen, um verschiedene Standpunkte zu erhalten. Es reicht nicht mehr aus, Angelegenheiten allein zwischen dem Abt und dem Urheber des Missbrauchs zu regeln. Missbräuche jeglicher Art können nicht allein gelöst werden. Ein Dialog schafft Vertrauen. Jeder muss sich äussern können. Das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes «Abbé», also «Vater», das manchmal im Sinne des römischen «pater familias» verdreht wurde, der absolute Autorität über seine ganze Familie hatte und ohne Rücksprache über alles entscheiden konnte.

Die Abtei Saint-Maurice
Die Abtei Saint-Maurice

Von aussen wird die Abtei kaum als Gemeinschaft wahrgenommen.

Ineichen: Wir sind Kanoniker und keine Mönche. Wir leben immer in einem Spannungsfeld zwischen klösterlichem und apostolischem Leben. Das ist grundlegend. Aber es stimmt, dass wir das Gemeinschaftsleben stärken müssen, auch mit den Mitbrüdern, die ausserhalb und in den Pfarreien tätig sind.

«Wir sollten keine Dienste mehr haben, bei denen ein Mitbruder ganz allein ist.»

Ich denke, wir sollten keine Dienste mehr haben, bei denen ein Mitbruder ganz allein ist. Das ist auch eine Möglichkeit der Prävention. Zu zweit kann man sich in schwierigen Zeiten gegenseitig unterstützen. Das tut übrigens auch Jesus, wenn er seine Jünger zu zweit auf Mission schickt. Das sagt auch die Regel des heiligen Augustinus.

Alexandre Ineichen
Alexandre Ineichen

Unsere Mission bezieht sich auf die Abtei und nicht auf einen einzelnen Kanoniker. Es bedarf eines ausgewogenen Gleichgewichts im Gemeinschaftsleben. Das bedeutet auch mehr Orte und Momente der Begegnung – über das Kapitel und die institutionellen Treffen hinaus.

Der andere Aspekt ist das liturgische Gebet.

Ineichen: Ja, natürlich, eine der Aufgaben der Abtei ist die Fortführung des Lobpreises am Grab der Märtyrer und die Seelsorge rund um die Basilika. Es gibt viele Dinge, einige müssen wiederbelebt werden, andere vielleicht abgeschafft werden, weil sie nicht mehr den Erwartungen der Gläubigen entsprechen. Die Pilgerfahrt bleibt wichtig, insbesondere auf der Via Francigena. Hier gibt es wahrscheinlich einen Empfang, der ausgebaut werden muss.

«Die Rekrutierung hängt nicht in erster Linie von uns ab, sondern von Gott, der ruft.»

Die Abtei hat in den letzten Jahren etwas Nachwuchs bekommen, aber die Gemeinschaft altert dennoch.

Ineichen: Ich vertraue weiterhin auf das Versprechen Jesu, jeden Tag bis zum Ende der Zeit bei uns zu sein. Die Rekrutierung hängt nicht in erster Linie von uns ab, sondern von Gott, der ruft. Die Frage der geweihten Berufungen stellt sich nicht nur in der Abtei, sondern in der gesamten Kirche im Westen.

Die gesamte Gemeinschaft muss offen und einladend sein, um jungen Menschen den Reichtum und die Schönheit des religiösen Lebens zu vermitteln. Man muss auf jeden Fall der Versuchung widerstehen, weniger hohe Anforderungen an die Bewerber zu stellen. Für mich sind menschliche Qualitäten und die Fähigkeit, Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen, am wichtigsten.

«Unsere erste Botschaft ist, unser religiöses Leben in all unseren Aktivitäten, innerhalb und ausserhalb der Abtei, authentisch zu leben.»

Das Image der Abtei nach aussen hin hat stark gelitten. Wie kann man es wiederherstellen?

Ineichen: Unsere erste Botschaft lautet, unser religiöses Leben in all unseren Aktivitäten innerhalb und ausserhalb der Abtei authentisch zu leben. Das geschieht nicht durch eine Werbe- oder Marketingkampagne, sondern durch das gelebte Vorbild. Daneben gibt es natürlich Aktivitäten im Zusammenhang mit Pilgerfahrten und dem Kulturerbe. Der beste Weg, das Image wiederherzustellen, ist, dort konkret zu handeln, wo es nötig ist.

Die Abtei ist auch ein kleines Unternehmen.

Ineichen: Diesbezüglich steht Professionalität an erster Stelle. Die neuen Gemeinschaften haben oft gezeigt, dass guter Wille allein nicht ausreicht, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Man muss sich an die Regeln und sozialen Normen halten. An zweiter Stelle steht der Respekt gegenüber unseren rund 50 Mitarbeitern auf menschlicher Ebene im Sinne des Evangeliums.

Kollegium Saint-Maurice, Wallis
Kollegium Saint-Maurice, Wallis

Sie werden das Amt des Rektors niederlegen. Ihr Nachfolger wird ein Laie sein. Ist das ein Neuanfang für das Kollegium?

Ineichen: Ja, aber man muss bedenken, dass Saint-Maurice schon immer ein staatliches Kollegium war, das 1806 von der Walliser Landsgemeinde im Einvernehmen mit der Abtei gegründet wurde. 2020 wurde es vollständig vom Kanton übernommen, einschliesslich der Gebäude und des Personals. Wir sind nur noch zwei Kanoniker, die dort arbeiten. Ich habe meine Kündigung eingereicht, stehe aber weiterhin zur Verfügung. Das ist eine ziemlich natürliche Veränderung. (Übersetzung und Adaption: rp)

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Alexandre Ineichen, neuer Abt von Saint-Maurice | © Bernard Hallet, cath.ch
10. November 2025 | 12:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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