Blick auf die Fassade des Gebäudes, in dem die Universität Luzern beheimatet ist.
Schweiz

Neue Lehrangebote für das Studium jüdisch-christlicher Beziehungen

Die Theologische Fakultät der Universität Luzern erweitert ihr Angebot um den Bachelor- und Masterstudiengang «Jüdisch-Christliche Beziehungen». Die neuen Studiengänge können bereits im kommenden Herbstsemester belegt werden.

Stefan Betschon

«Wer nur England kennt, kennt England nicht. Und wer nur das Christentum kennt, aber das Judentum nicht kennt, kennt das Christentum nicht ganz.» Das sagte Kardinal Kurt Koch kürzlich anlässlich eines öffentlichen Auftritts in Zürich. Er wollte damit verdeutlichen, dass der jüdisch-katholische Dialog für beide Seiten einen Gewinn darstellt.

Ähnlich hat sich auch der Rabbiner Abraham J. Heschel geäussert: «Keine Religion ist eine Insel». Judentum und Christentum sind seit gut 2000 Jahren eng miteinander verflochten. Doch ihre Beziehungen waren konfliktreich und von vielen Missverständnissen geprägt.

Im Kontext des Nahostkonflikts

An Theologische Fakultät der Universität Luzern widmet sich das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Aufgabe, die Beziehungen zwischen den beiden abrahamitischen Religionen zu erforschen und durch die Lehre das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Nun soll das entsprechende Lehrangebot ausgebaut werden.

Wie die Universität vergangene Woche mitteilte, gibt es ab dem nächsten Herbstsemester in Luzern neue Bachelor- und Masterstudiengänge «Jüdisch-Christliche Beziehungen». Im Zentrum des Lehrangebot stehe «die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Judentum und Christentum – historisch, theologisch und gesellschaftlich».

«Das Studium bietet zudem Orientierung für eine reflektierte Einordnung aktueller Konfliktlagen, insbesondere im Kontext des Nahostkonflikts, und stärkt die Kompetenz zur kritischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart. Darüber hinaus wird der Bezug zum Islam systematisch einbezogen und in spezifischen Lehrveranstaltungen vertieft.»

Christian Rutishauser.
Christian Rutishauser.

Verantwortlich für den neuen Studiengang ist Christian Rutishauser. Er ist Professor für Judaistik und Theologie sowie Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung. Unterstützt wird er durch Lehrkräfte der beteiligten Professuren der Theologischen Fakultät und der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät sowie durch das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung. Zudem sollen auch Gastprofessuren eingesetzt werden.

Eine Luzerner «Innovation»

Der neue Studiengang sei im deutschsprachigen Raum eine «Innovation», sagt Rutishauser auf Anfrage. Er sei «erstaunt», dass ein solches Angebot nicht längst schon etabliert sei. Weil der neue Studiengang auch im Fernmodus zugänglich ist, könne die Universität Luzern nun in den «ganzen deutschsprachigen Raum ausgreifen».

Warum braucht es die neue Studienrichtung? Was gab den Anstoss für diesen Ausbau: Die Nachfrage von Studierenden, die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt, der Druck von kirchlichen Organisationen, ungenutzte Ressourcen am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung? In seiner Antwort auf diese Fragen verweist Rutishauser auf die aktuelle politische Situation: «Die Auseinandersetzung um den Staat Israel und der Antisemitismus zeigen, dass sich der Umgang mit dem Judentum sich in unserer Gesellschaft keineswegs normalisiert hat. Das jüdische Volk mit seiner reichen Kultur und das Judentum als Glaubensgemeinschaft zu verstehen und in einen echten Dialog und in vielfältige Begegnungen zu treten, braucht Kompetenz». Diese Kompetenzen zu vermitteln, stehe im Zentrum der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge.

Nur «geringe Mehrkosten»

Doch ist es nicht gewagt, in Zeiten, in denen die Theologische Fakultät sparen muss, ein neues Lehrangebot zu lancieren? Im vergangenen Herbst wurde bekannt, dass die Luzerner Theologen eine halbe Million Franken pro Jahr einsparen müssen. Sie haben deshalb unter anderem bei der Religionspädagogik Abstriche gemacht.

Das neue Angebot verursache nur «geringe Mehrkosten», sagt Rutishauser. «Das bestehende Lehrangebot ist breit, doch es musste besser gebündelt werden.» Die Lehrgänge ermöglichten «eine Profilierung», die Studierende anziehe und auf lange Sicht auch finanziell gewinnbringend sei.»

Eine theologische Tiefenperspektive

Was können die Absolventen dieser Studienrichtung besser als ihre Mitstudierenden, die normal Theologie gemacht haben? Rutishauser: «Wer im Dialog ist, schaut sich immer auch von aussen an und lässt sich von Anderen anschauen. Es ergibt sich eine Tiefenperspektive. Die Frage nach dem Anderen ist in einer offenen Gesellschaft besonders wichtig, will man den Glauben nicht verschlossen leben oder aber sich überall dem Zeitgeist anpassen. Judentum ist zudem nicht nur etwas Äusseres für das Christentum, sondern gehört zum Inneren. So hat schon Johannes Paul II. formuliert. Wenn dies verdrängt wird, entsteht Antijudaismus.»

Wie muss man sich die Leute vorstellen, die sich für die neue Studienrichtung einschreiben? Woher kommen die, was treibt die an? Diese Fragen sind laut Rutishauser zu früh gestellt. «Wir werden sehen, wer sich einschreibt. Ich gehe davon aus, dass Menschen jüdischer und christlicher Herkunft, aber auch sich säkular verstehende Menschen, die an Geschichte und Kultur, an den existentiellen Fragen sowie an Glaube und Religion interessiert sind, sich melden.»

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Und welche Berufsaussichten haben die Absolventen dieser neuen Richtung, wo könnten sie Arbeit finden? Überall dort sei dieses Fachwissen gefragt, «wo es um Zusammenarbeit und Integration geht». Rutishauser erwähnt «Kultur- und Medienarbeit», «Journalismus» oder auf öffentlichen Dienst. «Auch für die Lehre oder für die Seelsorge ist damit ein Schwerpunkt gegeben, der eine exemplarische Kompetenz mit sich bringt.» Jüdische und christliche Geschichte würden in Zukunft die Gesellschaft in verschiedensten Bereichen prägen.

Infoveranstaltungen

Die Universität Luzern offeriert interessierten Personen die Möglichkeit, sich an einer Online-Infoveranstaltung detaillierter über die neuen Studiengänge zu informieren. Solche Infoveranstaltungen finden am 21. April und am 7. Juli 2026, jeweils um 17.00 Uhr statt.


Blick auf die Fassade des Gebäudes, in dem die Universität Luzern beheimatet ist. | © Universität Luzern
13. April 2026 | 15:00
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