Neue «lebendige Traditionen»: Tessiner Totenkult, Walliser Glockenspiel und Reliquienverehrung
Mit 29 neuen Einträgen umfasst die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz nun 228 bedeutende Formen dieses Kulturerbes. Mit dabei sind neu drei sakrale Traditionen der Schweiz: der Totenkult im Tessin, das Glockenspiel im Wallis und der Reliquienkult von Saint-Maurice.
Wolfgang Holz
Glocken schlagen einem nicht nur die Uhrzeit vom Kirchturm. Historisch haben auch immer wieder Glockenspiele die Ohren der Menschen entzückt – besonders im Wallis. Dort bilden Kirchenglocken zu Klang gewordene öffentliche Kultur.
«Carillon Valaisan»
Im Wallis hat sich über Jahrhunderte die Urform des Glockenspiels erhalten, des «carillon valaisan» – jenes rhythmisch-melodische Spiel auf vier Glocken. Dieses Carillon-Spiel entwickelte sich zu einer Kunstfertigkeit der besonderen Art. Nun zählt es auch neu zu den 228 lebendigen Traditionen der Schweiz.
Auf dem wackligen Glockenstuhl
Dabei wurde das «Unterschlagen» der Glocken, das weltweit einzigartig ist, bereits 2020 zum Immateriellen Kulturerbe des Kanton Wallis ernannt. Die Glockenspieler stehen beim Unterschlagen jeweils über den Glocken auf dem wackligen Glockenstuhl und bedienen die an den Jochen befestigten Schwungbretter mit den Füssen – bis sie im labilen Gleichgewicht stehen und für eine gewisse Zeit mit der Schulter fixiert werden.
Während dieser meist rhythmischen Fixierung schlägt der Kollege auf der «Carillon Bank» eine Melodie mit den restlichen Glocken. Das «Carillon» wird in den Kirchen von Arbaz, Lens Liddes, Ernen, der Burgkirche Raron, in Visp in der Dreikönigskirche sowie in Zeneggen gespielt.
Reliquienkult von Saint-Maurice
Ebenfalls neu auf der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz steht seit dem 22. August 2023 der Kult der Reliquien von Saint-Maurice in Agaune – ebenfalls im Wallis.
Seit mehr als 1500 Jahren pflegt die Abtei Saint-Maurice den Kult der Reliquien des Militärheiligen Maurice und seiner Gefährten der thebäischen Legion. Diese Reliquien stammen hauptsächlich aus den Bischofssitzen des Rhonetals, aber auch aus Irland, Italien und dem Heiligen Land.
Jedes Jahr am 22. September, dem Tag des Heiligen Maurice, steht das Reliquiar des Heiligen – das Reliquiar mit den sterblichen Überresten des Märtyrers von Agaune – im Mittelpunkt der Prozession.
«Bevölkerung besonders stolz»
«Im Fall von Saint-Maurice wird die Erhaltung der Heiligtümer und der Ritus der Prozession von den Kanonikern überwacht.» sagt die Ethnologin Isabelle Raboud-Schüle gegenüber cath.ch. Sie ist Mitglied der Schweizer UNESCO-Kommission und Sprecherin der Steuerungsgruppe. »Aus der vom Walliser Kulturdienst vorgelegten Akte geht hervor, dass die Bevölkerung des Ortes wirklich motiviert ist, eine Tradition zu bewahren, auf die sie stolz ist.»
Die Weitergabe der Reliquienverehrung werde heute dank der Laiinnen und Laien, die an der Prozession teilnehmen, aufrechterhalten. «Das geht über den religiösen Ritus hinaus und schafft eine Verbindung zwischen Zivilgesellschaft und Religionsgesellschaft», so Raboud-Schüle.
«Erbe der katholischen Kirche»
Die sozialen Praktiken im Zusammenhang mit dem Totenkult im Tessin wurden auch neu auf die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz gesetzt. «Diese Praktiken sind ein Erbe der katholischen Kirche», erklärt Raboud-Schüle gegenüber cath.ch.
Bei diesem Beerdigungsritual erscheinen Vereine wie der Dorfchor oder der Musikverein an Allerheiligen auf den Friedhöfen. Sie musizieren zum Gedächtnis an die Verstorbenen.
«Ossi da mordere»
In den Familien der Verstorbenen werden noch heute «Totenknochen» gebacken und gegessen – das Haselnussgebäck heisst «Ossi da mordere». So versucht die Gemeinschaft die verstorbene Person auf sehr spezielle Weise zu verinnerlichen, wie Isabelle Raboud-Schüle beschreibt.
Auf der Liste der lebendigen Traditionen stehen aber auch der Betruf in der Zentralschweiz, das Gebetsheilen und die Fronleichnamsprozession im Appenzell und das Fronleichnamsfest der Herrgottskanoniere im Kanton Luzern. Ebenso Wallfahrten nach Einsiedeln und Mariastein, die «Processioni der Settimana Santa in Mendrisio» und das Jüdische Kulturerbe im Aargau. Das Sankt-Nikolaus-Brauchtum in der Zentralschweiz steht ebenfalls auf der Liste wie die Näfelser Fahrt und die Innerrhoder Weihnacht. Zu lebendigen Traditionen der Schweiz zählen auch der Sarganser Alpsegen und das Kräuterwissen in Zentralschweizer Frauenklöstern.
Kleinseilbahnen und Absinth
Insgesamt ist aber eine deutliche Säkularisierung bei den 29 Neuaufnahmen in die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz nicht zu übersehen. Tätigkeiten und Gegenstände wie Wandern, Velogemel (ein traditionelles Schneevelo aus Grindelwald), Kleinseilbahnen, Kuhglockengiessen und sogar Absinth haben Eingang in die Liste gefunden.
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