Schweiz

Nach verweigerter Missio wechselt Thomas Philipp zu den Reformierten

Die katholische Kirche hat dem Studentenseelsorger Thomas Philipp die Missio verweigert. Vor sechs Monaten wechselte der Laientheologe zur reformierten Kirche. Der Familienvater erklärt, die verweigerte Missio habe mit seinem Doktorvater Peter Hünermann zu tun. Eine Insiderin widerspricht und behauptet: Thomas Philipp sei nicht teamfähig.

Georges Scherrer, Raphael Rauch

Seit dem 1. September ist Thomas Philipp Vertreter des reformierten Pfarrers in Neuenegg. Anfang 2022 wird er reformierter Pfarrer in Kirchdorf BE. Seine Tätigkeit für die katholische Kirche ist damit endgültig vorbei.

Als katholischer Studentenseelsorger hat Thomas Philipp von 2006 bis 2017 das Aki in Bern geleitet, also die Berner Katholische Hochschulseelsorge. Der Laientheologe (Jahrgang 1965) wollte im Studentenzentrum erreichen, dass Besucherinnen und Besucher «sich innerlich aufrichten und Eigenständigkeit erreichen können», sagt er gegenüber kath.ch.

Er habe sich auch für das Frauenpriestertum stark gemacht und regelmässig Veranstaltungen zu diesem Thema organisiert. Das habe dem Bistum nicht gefallen, behauptet Philipp. Er hat katholische Theologie und Geschichte in Tübingen, Paris und Heidelberg studiert.

Hünermann war zuviel

Das Fass zum Überlaufen soll der Tübinger Konzilstheologe Peter Hünermann gebracht haben. Gegen den Willen der Bistumsleitung habe er den renommierten Theologen eingeladen, behauptet Philipp. Der Dogmatiker Hünermann fordert schon länger Reformen in der Kirche und hat sich den Unmut konservative Kreise Roms zugezogen. Erst vor ein paar Jahren hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. Peter Hünermann scharf kritisiert.

2017 hörte Philipp beim aki auf und schrieb das Buch «Bildungsethik». Als er sich zwei Jahre später beim Bistum wieder um eine Anstellung bemühte, «habe ich die Missio nicht mehr erhalten», berichtet Philipp.

Kein Kommentar

Die Berner Kirche will sich zur Causa Thomas Philipp nicht äussern. «Aus personalrechtlichen Gründen und wegen des Persönlichkeitsschutzes kommentieren wir das nicht», sagt Sprecher Karl Rechsteiner.

Allerdings gibt es Zweifel daran, dass Peter Hünermann der wahre Grund für Philipps Abgang ist. Seit Papst Franziskus ist Peter Hünermann wieder im Kurs. Zu Hünermanns Schülerin gehört die Freiburger Dogmatikerin Barbara Hallensleben. Sie ist Mitglied einer Studienkommission zum Frauendiakonat – berät also Papst Franziskus. Und nächsten Montag kommt die Hünermann-Schülerin Claudia Lücking-Michel zum RKZ-Fokus nach Bern, um über den Synodalen Weg in Deutschland zu berichten.

Eine Kennerin der Berner Kirche sieht in Hünermann einen vorgeschobenen Grund. Thomas Philipp habe angeeckt, weil er «nicht teamfähig» sei und die Studentenseelsorge als «One-Man-Show» betrieben habe, lautet ihr Vorwurf. «So jemand ist für eine Gemeinde-Leitung ungeeignet.» Gleichwohl habe Philipp in Bern auch Fans gehabt, sagt die Insiderin.

Guten Mutes zu den Reformierten

Aufgrund seiner Kontakte zur reformierten Kirche entschied sich Philipp, nach der verweigerten Missio die Konfession zu wechseln. Philipp wurde in katholischer Theologie promoviert. Er erlangte das Doktorat bei Hünermann mit einer Arbeit über «Das Menschenbild der psychosomatischen Medizin».

Ihm sei es darum gegangen, zu untersuchen, was mit den Fragen geschehe, die der Kirchenkritiker Eugen Drewermann an die katholische Kirche stelle.

Schnellbleiche für das Pfarreramt

Aufgrund seines theologischen Vorwissens musste Philipp lediglich ein Semester lang sein Wissen über die reformierte Theologie vertiefen und ein Vikariat absolvieren. Am 1. September hat er eine Pfarrvertretung angetreten, von Januar an ist er Pfarrer im bernischen Kirchdorf.

Katholische Kirche verpasst Zeichen der Zeit

Philipp verfügt zusätzlich über eine Psychotherapie-Ausbildung. «Mich hat die Einfühlung für den leidenden und suchenden Menschen interessiert, die einfühlende Psychotherapie, die von Freud ausgeht. Das scheint mir doch ein grosser kultureller Fortschritt zu sein, von dem Christen lernen können, auch punkto Sexualität und dem Umgang mit Frauen.»

Wenig Interesse im Bistum Basel

Die Kirchen müssten auch auf die Zeichen der Zeit hören, die Bewegungen in der Gesellschaft auslösten. «Das mit den Zeichen der Zeit ist offizielle katholische Lehre», bemerkt Philipp. Das Bistum Basel habe sich dafür aber nicht interessiert.

Philipp bedauert, dass das Bistum nicht wenigstens einmal im Jahr die Jugendseelsorger zusammenrief, um zu diskutieren: «Wie tickt die junge Generation?»

Jugendseelsorger müssten «Anwälte des Neuen in einer alten Kirche» sein, findet Philipp. «Wenn man den Bewegungen, welche die Jugend auslöst, keinen Raum gibt und nicht darauf antwortet, dann ist die Jugend einfach draussen.» Die Kirche müsse sich für die Dynamik der Jugend interessieren.

Kritisches Potential der Jugend nutzen

Philipp bedauert, dass das Bistum wenig Interesse bekundete, um mit dem «kritischen Potential der Jugend und der Jugendseelsorger» in Kontakt zu kommen. «Dass das Bistum einen solchen Jugendseelsorger vor die Tür stellt, stellt der katholischen Kirche nicht ein brillantes Zeugnis aus», sagt Philipp über seinen katholischen Exodus.


Thomas Philipp | © zVg
1. September 2021 | 17:28
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