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Nach Thesenanschlag von Maria 2.0: Bischöfe bitten Frauen um Geduld

Ob es Luthers Thesenanschlag wirklich gab, ist umstritten. Gesichert ist: Frauen der Initiative Maria 2.0 fordern Reformen in der Kirche und eine Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Nun auch mit einem Thesenanschlag.

Rainer Nolte und Michael Althaus

«Erste These: In unserer Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern.» Entschlossen trägt eine der neun Frauen vor der Herz-Mariä-Kirche im hessischen Kassel den Satz vor. Mit einem bundesweiten «Thesenanschlag 2.0» forderte die Initiative Maria 2.0 am Wochenende grundlegende Reformen in der katholischen Kirche.

«Luthers Thesen haben etwas Grosses in Bewegung gesetzt»

In sieben Thesen kritisiert die Bewegung «eklatante Missstände in der katholischen Kirche» und nennt unter anderem Klerikalismus und Machtmissbrauch sowie den Umgang mit sexualisierter Gewalt bis hin zur Vertuschung. Ausserdem spricht sie sich für den Zugang von Frauen zu allen Ämtern in der Kirche aus und für eine erneuerte Sexualmoral.

Klebestreifen statt Hammer und Nagel: Frauen befestigen sieben Thesen in Frankfurt.

Mit dem Thesenanschlag verweist die Initiative auf Martin Luther, der 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben soll. Dies sei nach heutigen Erkenntnissen «wohl eher eine Legende, aber seine Thesen haben etwas Grosses in Bewegung gesetzt», so die Organisatorinnen. Das Gleiche wolle Maria 2.0 erreichen.

Klebestreifen statt Hammer und Nagel

Die kleine Gruppe in Kassel – coronakonform mit Abstand und Maske – hält das DIN-A3-Poster mit den Thesen in die Höhe und bringt es an das Kirchenportal an. Nicht ganz wie Luther, dem dafür angeblich Hammer und Nagel zur Verfügung standen, sondern mit Klebestreifen – schliesslich soll die Tür nicht beschädigt werden.

Thesenanschlag mit Hammer – hier in Mömling.

Am Kölner Dom verzichten die Reformwilligen darauf, das Plakat an eines der Portale zu heften und präsentierten es stattdessen vor rund einem Dutzend Journalisten. In zahlreichen kleinen und grossen Gotteshäusern finden aber Thesenanschläge nach dem Kassler Vorbild statt.

Mainzer Bischof hat Sympathien für Thesenanschlag

In Mainz werden zwei Frauen bei der Aktion auf frischer Tat ertappt: Bischof Peter Kohlgraf kommt zufällig bei seinem Sonntagsspaziergang am Dom vorbei. «Ich werde das Plakat nicht abhängen», sagt er. Und betont, dass er für manche Thesen Sympathien hege. Aber in der Kirche lasse sich das alles nicht so schnell umsetzen. Auch in Aachen reagiert Bischof Helmut Dieser ähnlich.

Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, steht neben zwei Frauen während des Thesenanschlags 2.0 der Initiative Maria 2.0.

Der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, spricht mit Blick auf die Aktion von einem «Zeichen von grosser Wucht». Die Thesen machten in ihrer Schärfe unmissverständlich klar, «wie sehr sich die Konfliktlage in unserer Kirche inzwischen zugespitzt hat», so Pfeffer. «Dieser Protest muss sehr ernst genommen werden, weil er aus der Mitte unserer Kirche kommt und einer breiten Mehrheit der Gläubigen aus dem Herzen spricht.»

Kritik: Messe zum Beten, nicht zum Protestieren

Vor dem Hamburger Mariendom stellt sich Dompropst Franz-Peter Spiza nach dem Sonntagsgottesdienst dem Gespräch mit den protestierenden Frauen und Männern. Grundsätzlich unterstütze er das Anliegen von Maria 2.0. Allerdings gelte es, auch die Interessen der weltweiten Kirche zu berücksichtigen. Birgit Kühl, eine der Demonstrantinnen, kommentiert enttäuscht: «Von den Priestern kommen immer die gleichen Gegenargumente. Wir rennen gegen Mauern.»

Variante auf Latein: Die sieben Thesen gibt es auch in der offiziellen Kirchensprache.

Umgekehrt äussern einige Besucher des Gottesdienstes aber auch Kritik an dem Protest. «Ich frage mich, mit welcher Berechtigung die hier stehen», sagt Andre Gansel. Auch er sei nicht mit allen Dingen in der Kirche zufrieden, aber dieser Weg des Protests sei falsch und schade der Kirche. «Die Sonntagsmesse ist zum Gebet da und für mich etwas Schönes», so der 40-Jährige. Er persönlich sympathisiere eher mit der Gegenbewegung Maria 1.0.

Bischöfe: «Können nicht von heute auf Morgen die Kirche ändern»

Maria 2.0 fordert, dass sich die deutschen Bischöfe auf ihrer am Dienstag beginnenden Frühjahrsvollversammlung «endlich ernsthaft mit den in der katholischen Kirche notwendigen Reformen» auseinandersetzen und «den Willen zu Veränderungen durch Taten» bezeugen.

Auch in Paderborn machen Frauen auf die sieben Thesen aufmerksam.

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, äussert Verständnis für die Unruhe vieler Katholikinnen und Katholiken. «Wir wissen darum, dass es Veränderungen bedarf.»

Deshalb habe die Bischofskonferenz den Synodalen Weg ins Leben gerufen, um diesen Fragen nachzugehen, so Kopp, der wie die Bischöfe Kohlgraf und Dieser um Geduld warb. «Wir können nicht von heute auf Morgen die Kirche ändern, sondern müssen das in einem guten und von Vertrauen geprägten Dialog tun.» (kna)


Andrea Keber (l.) und Beate Berdel-Mantz halten die Thesen der Initiative Maria 2.0 empor vor dem Thesenanschlag 2.0 am 21. Februar 2021 vor dem Dom in Mainz. | © KNA
21. Februar 2021 | 16:14
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«Thesenanschlag 2.0»

Mit einem deutschlandweiten «Thesenanschlag 2.0» hat die Initiative Maria 2.0 am Wochenende für grundlegende Reformen in der katholischen Kirche demonstriert. In sieben Thesen, die an zahlreichen Kirchentüren angebracht wurden, präsentieren sie ihre Anliegen unter dem Titel «An alle Menschen, die guten Willens sind!».

Hier die Thesen im Wortlaut:

1. In unserer Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern.

Denn Menschenrechte und Grundgesetz garantieren allen Menschen gleiche Rechte – nur die katholische Kirche ignoriert das. Mannsein begründet heute Sonderrechte in der Kirche.

#gerecht: gleiche Würde – gleiche Rechte

2. In unserer Kirche haben alle teil am Sendungsauftrag; Macht wird geteilt.

Denn der Klerikalismus ist heute eines der Grundprobleme der katholischen Kirche und fördert den Machtmissbrauch mit all seinen menschenunwürdigen Facetten.

#partizipativ: gemeinsame Verantwortung

3. In unserer Kirche werden Taten sexualisierter Gewalt umfassend aufgeklärt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen. Ursachen werden konsequent bekämpft.

Denn viel zu lange schon ist die katholische Kirche ein Tatort sexueller Gewalt. Kirchliche Machthaber halten immer noch Informationen zu solchen Gewaltverbrechen unter Verschluss und stehlen sich aus der Verantwortung.

#glaubwürdig: respektvoller Umgang und Transparenz

4. Unsere Kirche zeigt eine wertschätzende Haltung und Anerkennung gegenüber selbstbestimmter achtsamer Sexualität und Partnerschaft.

Denn die offiziell gelehrte Sexualmoral ist lebensfremd und diskriminierend. Sie orientiert sich nicht am christlichen Menschenbild und wird von der Mehrheit der Gläubigen nicht mehr ernst genommen.

#bunt: leben in gelingenden Beziehungen

5. In unserer Kirche ist die zölibatäre Lebensform keine Voraussetzung für die Ausübung eines Weiheamtes. Denn die Zölibatsverpflichtung hindert Menschen daran, ihrer Berufung
zu folgen. Wer diese Pflicht nicht einhalten kann, lebt oft hinter Scheinfassaden und wird in existentielle Krisen gestürzt.

#lebensnah: ohne Pflichtzölibat

6. Unsere Kirche wirtschaftet nach christlichen Prinzipien. Sie ist Verwalterin des ihr anvertrauten Vermögens; es gehört ihr nicht. Denn Prunk, dubiose Finanztransaktionen und persönliche Bereicherung kirchlicher Entscheidungsträger haben das Vertrauen in die Kirche tiefgreifend erschüttert und schwinden lassen.

#verantwortungsvoll: nachhaltiges Wirtschaften

7. Unser Auftrag ist die Botschaft Jesu Christi. Wir handeln danach und stellen uns dem gesellschaftlichen Diskurs.
Denn die Kirchenleitung hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Sie schafft es nicht, sich überzeugend Gehör zu verschaffen und sich im Sinne des Evangeliums für eine gerechte Welt einzusetzen.

#relevant: für Menschen, Gesellschaft und Umwelt (kna)