Schweiz

Arzt und Ethiker zur PID-Abstimmung: «Wir driften in Richtung Eugenik»

Freiburg i.Ü., 5.6.16 (kath.ch) Der Freiburger Arzt und Moraltheologe Thierry Collaud ist nach dem Ja des Schweizer Stimmvolkes zum Fortpflanzungsmedizingesetz «sehr beunruhigt». Die Zulassung des Chromosomenscreenings hält der Präsident der bischöflichen Bioethik-Kommission für äusserst problematisch. «Es ist vorstellbar, dass künftig zahlreiche weitere Krankheiten ins Visier genommen werden und die Embryonen, die diese Krankheiten bekommen könnten, eliminiert werden», sagt er im Interview mit kath.ch.

Barbara Ludwig

Die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes ist heute mit 62,4 Prozent Ja-Stimmen-Anteil deutlich angenommen worden. Haben Sie das erwartet oder gar befürchtet?

Thierry Collaud: Ja, ich habe das sowohl ein bisschen erwartet als auch befürchtet. Angesichts der Umfrageergebnisse musste man damit rechnen. Weil aber auch andere Akteure der Gesellschaft, etwa die Behindertenorganisationen, das Gesetz bekämpften, hegte ich trotz allem die Hoffnung auf ein kleines Nein.

Den Kirchen ist es nicht gelungen, die Stimmbürger zu einem Nein zu bewegen. Hat die katholische Kirche in der Schweiz im Abstimmungskampf zu wenig getan?

Collaud: Nein. Ich glaube, die Kirche hat genug getan. Sie hat sich einer Koalition von Gegnern angeschlossen. Sie hat in den Pfarreien ihre Position verkündet und versucht, auch in den Medien zu Wort zu kommen. Was die Kirche anstrebt, geht weit über den Sieg in einer Abstimmung hinaus. Es geht ihr darum, dass Behinderte in der Gesellschaft willkommen sind, dass wir fähig sind, auch mit Kindern zu leben, die nicht so vollkommen sind, wie wir uns dies wünschen. Der Kampf der Kirche für dieses Ziel geht auch nach der Abstimmung weiter.

Dann bedeutet das heutige Abstimmungsresultat nicht unbedingt, dass die Kirche gescheitert ist.

Collaud: Doch, in gewisser Weise schon. Aber Niederlagen in einem Abstimmungskampf haben für die Kirche nicht die gleiche Bedeutung wie für eine politische Partei. Denn die Arbeit der Kirche findet zum grössten Teil ausserhalb der politischen Arena statt. Natürlich kämpft die Kirche dafür, dass Gesetze so ausgestaltet werden, wie sie es für richtig hält. Aber am meisten Energie will sie dort investieren, wo es um das Zusammenleben der Menschen mit Behinderten geht. Das geht weit über das Gesetz hinaus. Es braucht Gesetze. Aber der Wirkungskreis der Kirche ist viel weiter.

Welches Element des geänderten Gesetzes wird Ihrer Meinung nach am meisten negative Auswirkungen haben?

Collaud: In die Vorlage, die vom Volk nun angenommen worden ist, wurde das Chromosomenscreening eingebaut. Dies war im Entwurf des Bundesrates nicht vorgesehen. Mit dem Chromosomenscreening kann zum Beispiel das Down-Syndron nachgewiesen werden. Damit hat man meiner Meinung nach eine weitere Tür aufgestossen: Nicht nur Paare mit einer Erbkrankheit können eine Selektion ihrer Embryonen vornehmen lassen, sondern alle unfruchtbaren Paare, die die In-vitro-Fertilisation in Anspruch nehmen. Trisomie 21 wird als etwas angesehen, dass es aufzuspüren gilt: Träger von Trisomie 21 sollen eliminiert werden. Warum gerade das Down-Syndrom? Es ist vorstellbar, dass künftig zahlreiche weitere Krankheiten ins Visier genommen werden und die Embryonen, die diese Krankheiten bekommen könnten, eliminiert werden. Hier driften wir in Richtung Eugenik, was für mich sehr gefährlich ist.

Die Befürworter der nun angenommenen Vorlage haben immer wieder betont, das Gesetz setze der Anwendung der PID enge Grenzen. Die Bioethik-Kommission der SBK befürchtet hingegen, dass immer weitere Anwendungen zugelassen werden.

Collaud: Das Problem mit diesen gesetzlichen Schranken ist immer das gleiche. Der Katalog der Schranken ist sehr schwach. Wir haben gesehen, dass bereits auf dem Weg vom bundesrätlichen Vorschlag bis zur parlamentarischen Vorlage eine Schranke weggefallen ist. Der Druck auf die Barrieren des Gesetzes wird sehr stark sein. Dies hat mit den Gesetzen im Ausland zu tun, die liberaler sind. Es werden Stimmen laut werden, die sagen, man müsse unser Gesetz an die Gesetzgebung im Ausland anpassen, um den Fortpflanzungstourismus zu unterbinden.

Ich bin deswegen sehr beunruhigt. In allen Ländern begann man mit einem strengen Gesetz, das man dann nach und nach liberalisiert hat. Von dem Moment an, wo man die PID erlaubt, ist zu befürchten, dass auch die Indikationen für ihre Anwendung ausgeweitet werden.

Sind sind also ziemlich pessimistisch?

Collaud: Ja, ich bin ziemlich pessimistisch, was das Gesetz und dessen künftige Entwicklung angeht.

Kann die Kirche etwas unternehmen gegen den Druck zu einer immer grösseren Liberalisierung in diesem Bereich?

Collaud: Die Kirche hat viel zu tun, aber wie bereits erwähnt nicht einzig und allein im gesetzgeberischen Bereich. Die Kirche muss informieren und versuchen, durch ihr Zeugnis auf das Gewissen der Menschen einzuwirken. Wenn ein Gesetz etwas erlaubt, bedeutet dies noch nicht, dass man das, was erlaubt ist, auch macht. Es gilt zu unterscheiden zwischen Gesetz und Moral. Die Kirche führt einen moralischen Diskurs, der an die Verantwortung der Menschen appelliert. Klar, der Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft ist heute wahrscheinlich schwächer als zu anderen Zeiten.

Haben Sie trotzdem ein bisschen Hoffnung, was diese Aufgabe der Kirche betrifft?

Collaud: Aber ja (lacht). Ich bin Moraltheologe. Und ich glaube, die Moraltheologie hat etwas zu sagen. Die christliche Ethik ist glaubwürdig. Die Wahrheit, die die Kirche dem Menschen anbieten kann, hat eine Überzeugungskraft aus sich selbst heraus. Auch wenn die Kirche in einer Minderheitenposition ist, kann sie Samen säen, die Früchte tragen werden. Davon bin ich überzeugt. Sonst würde ich meinen Beruf aufgeben. Die Arbeit der Kirche geht von der Hoffnung aus, dass unser Angebot das Herz der Menschen berühren kann. (bal)

Thierry Collaud steht der Kommission für Bioethik der Schweizer Bischofskonferenz vor. Der Arzt und Theologe ist assoziierter Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.

Thierry Collaud | © Schweizer Bischofskonferenz/zVg
5. Juni 2016 | 19:54
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