Äthiopisch-orthodoxe Taufe
Schweiz

Mit vollem Körpereinsatz im Gottesdienst dabei

Basel, 9.1.17 (kath.ch) Die Äthiopisch-orthodoxe Unionskirche St. Michael Basel lädt immer wieder dazu ein, mit ihnen ihren vierstündigen Gottesdienst mitzufeiern. In der Offen Kirche Elisabethen war es wieder soweit. Gläubige und Besucher erlebten einen sinnlichen Gottesdienst, in dem ganzer Körpereinsatz gefragt war.

Vera Rüttimann

Fast niemand ist an diesem frühen Morgen auf der Elisabethenstrasse unterwegs, die Wege sind vereist. Doch vor der Nr. 10 tut sich etwas. Weiss gekleidete Männer und Frauen tauchen auf und betreten mit Kindern im Schlepptau die Offene Elisabethenkirche. Es sind dunkelhäutige Menschen mit feinen Gesichtszügen, die der äthiopisch-orthodoxen Kirche angehören. Im Foyer werden sie vom jungen Diakon Bruk begrüsst. Alle deponieren nun ihre Schuhe, bevor sie die Schwelle der Kirche übertreten.

Bis zum Hals im Taufkessel

Manches verläuft bei den äthiopisch-orthodoxen Christen liturgisch anders. Die Kindertaufe etwa wird noch vor dem Gottesdienst vorgenommen. Als es losgeht, erscheint Komos Abba Haile Giorgis. Das Oberhaupt der äthiopischen orthodoxen Christen der Schweiz ist mit seinem kostbaren Messgewand eine beeindruckende Erscheinung. Während die Mutter der kleinen Arsema auf einem Stuhl Platz nimmt, taucht der Priester erst ein goldenes Kruzifix ins Wasser. Diakon Bruk schwingt dabei kräftig das Weihrauchfass. Nun beginnt die Taufzeremonie, an deren Ende das Kind nackt bis zum Hals in den Taufkessel getaucht wird. Im Hintergrund filmen die iPhones.

Unter den Menschen, die jetzt allmählich in den Bänken Platz nehmen, sind auch einige reformierte Stadtbasler. Sie sind eigens früh aufgestanden, um die traditionelle äthiopisch-orthodoxe Liturgie kennenzulernen. In einem Faltblatt erfahren sie, dass die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche eine der grössten und ältesten morgenländischen orthodoxen christlichen Kirchen ist. Das Christentum gelangte schon im ersten Jahrhundert nach Äthiopien.

Der Marathon-Gottesdienst

Nach der Taufe folgt die vierstündige Messe (Kidase). Während vorne im Altarraum leuchtende bunte Darstellungen von Jesus, Maria und Ikonen, auf denen die Menschen grosse offene Augen haben, aufgehängt werden, hebt Komos Abba Haile Giorgis mit seiner sonoren Stimme zu einem durchdringenden Singsang an, der nur durch Murmeln von Gebeten unterbrochen wird. Die gesungene Liturgie ist das Herzstück der orthodoxen Spiritualität. Oft agiert Haile Giorgis dabei hinter einem grossen Vorhang. Nur zur Verlesung des Evangeliums etwa, das unter einem roten Samtschirm geschieht, verlässt er den abgeschirmten Bereich.

Die Gläubigen sind mit vollem Körpereinsatz dabei. Rechts in den Bänken die Männer, links die kopfbedeckten Frauen. Immer wieder werfen sich die Gläubigen zur Anbetung bekreuzigend auf den Boden. Die reformierten Gäste, die das Ganze von hinten etwas scheu beobachten, staunen. An den Gesten und Blicken der äthiopisch-orthodoxe Christen ist zu entnehmen, wie stolz sie als auf die Kirche sind, die in ihrer Heimat Äthiopien eine jahrtausendalte Schriftsprache, Kultur, Kunst und Volksmalerei hervorgebracht hat und die noch immer bemerkenswert vital ist.

Dünne Kirchwände

Es ist 13 Uhr, die Elisabethenkirche platzt aus allen Nähten. Die Gläubigen stehen dicht gedrängt in den Bänken, in den Gängen und in den hölzernen Seitenstühlen der Kirche. Da ist auch Alea mit ihrer kleinen Tochter. Sie sagt: «Dieser Tag heute ist für uns Gottesdienst und sozialer Treffpunkt in einem. Er ist sehr wichtig für uns.» Sie freut sich, dass immer mehr Leute kommen. «Die Gemeinde der äthiopisch-orthodoxen Christen wächst.» In einer Ecke ist ein Tisch extra für Kinder eingerichtet. Fröhlich rennen einige durch den Mittelgang. Niemand stört das. Im angrenzenden Kirchencafé stösst der doch sehr fremd klingende Geräuschpegel, der aus der Kirche kommt, nicht überall auf Wohlgefallen. Die Theskenkraft sagt: «Die äthiopischen Christen sind jeden zweiten Sonntag hier. Ihre Gesänge sind gewiss gewöhnungsbedürftig.» Zustimmendes Nicken im Café. Ein Basler wendet ein: «Wo sollen sie denn hin, wenn sie kein eigenes Gotteshaus haben?» In der Luft hängt viel Unausgesprochenes.

In der Kirche gehen derweil Helfer von Komos Abba Haile Giorgis von Bank zu Bank und reichen ein sakrales Tuch herum, das die Gläubigen mit ihrer Stirn berühren. Im sich gekehrt lauschen danach viele den einsetzenden Trommelklängen. Einige klatschen rhythmisch mit, andere kauern vornüber gebeugt auf dem Boden. Die Zeit nimmt niemand mehr wahr.

Curryduft im Foyer

Die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde kommt nicht nur zum Beten zusammen, sondern auch zum geselligen Zusammensein. Nach dem Gottesdienst weht denn auch ein würziger Curryduft durch die heiligen Hallen der Elisabethenkirche. Er kommt vom Foyer, in dem äthiopische Frauen selbst gemachtes Fladenbrot mit einem Curryaufstrich und Tee aufbereiten. Hungrig wird nach den würzigen Häppchen gegriffen. Auch im Foyer geht das Singen, Klatschen und Trommeln weiter. Diakon Bruk sagt: «Wir sind eine lebendige, bunte und junge Kirche mit alten Traditionen. Ein bunter Fleck im Kreis der anderen Kirchen.» Und im Kirchencafé müssen sie erkennen: Wohl keine andere Ostkirche strahlt auf Schweizer einen solch exotischen Reiz aus wie die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche.

Äthiopisch-orthodoxe Taufe | © Vera Rüttimann
9. Januar 2017 | 11:19
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