Migratio-Direktorin: Prävention muss verständlich vermittelt werden
Die katholische Kirche hat seit 2023 viel unternommen, um Missbrauch in den eigenen Reihen zu verhindern. Die migrantischen katholischen Gemeinschaften müssten darüber verständlich informiert werden, fordert die Nationaldirektorin von Migratio, Isabel Vasquez. Das schütze und stärke diese Gemeinschaften.
Regula Pfeifer
Zum Austausch über Missbrauch in Kirche ist jüngst auch Isabel Vasquez in die Paulus Akademie Zürich eingeladen worden. Sie ist Nationaldirektorin der Dienstelle Migratio der Schweizer Bischofskonferenz. «Ich bin dankbar und froh, dass die Mehrsprachigkeit Thema ist», sagt sie. Vasquez wirkt mit an dem Anlass «Wir können etwas tun gegen Missbrauch – Erfahrungen teilen, wirksam werden». Sie ist Teilnehmerin der Gesprächsrunde zum Thema Kommunikation.
Da bringt sie etwas ein, was ihr als Vertreterin der migrantischen katholischen Gemeinschafen in der Schweiz am Herzen liegt: Es muss sichergestellt werden, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund gut über alle Präventions- und Hilfsmassnahmen informiert sind.
Prävention verständlich machen
Denn oft verfügten sie zwar über gute Kenntnisse einer Landessprache. Doch komplexe Texte in kirchlicher Fachsprache könnten sie nicht vollständig erfassen, sagt Vasquez. Für eine wirksame Prävention sei aber wichtig, dass die Informationen darüber verständlich vermittelt werden.
Im Flyer «Mehrsprachigkeit stärkt Prävention. Verstehen. Vertrauen. Schützen» listet die Migratio-Direktorin auf, was es braucht, um Prävention verständlich zu vermitteln.
Einfache Sprache und Bilder
Notwendig dafür sei eine einfache, klare Sprache mit kurzen Sätzen, verständlichen Begriffen und klaren Botschaften, ist darin zu lesen. Hilfreich seien auch Fotos, Piktogramme und Infografiken, um komplexe Themen zu vermitteln. «Prävention beginnt dort, wo Menschen verstehen. Schutz gelingt dort, wo Menschen erreicht werden», steht im Flyer.
Dank dem Wissen über Prävention könnten sich die Menschen geschützt fühlen, sagt Vasquez. Und sie würden merken: «Wir können etwas unternehmen, damit so etwas nicht mehr passiert.» Sie wüssten also, wo sie Hilfe holen und wie sie sich schützen können. Und sie entwickelten das Bewusstsein, dass sie gemeinsam Verantwortung tragen. Das alles stärke ihr Vertrauen in die Kirche und ihr Selbstvertrauen.
Betroffenheit und Vulnerabilität
Das ist laut Vasquez wichtig. Denn nicht nur in katholischen Pfarreien, Kirchgemeinden und Orden hat es in den letzten Jahrzehnten Übergriffe gegeben. Auch in den Sprachgemeinschaften und Missionen erinnern sich einige Gläubige an Vorfälle. Dabei seien Menschen mit Migrationshintergrund oft bereits aufgrund ihrer Lebenssituation vulnerabel.
Die Dienstelle Migratio steht mit vielen Sprachgemeinschaften und Missionen in regelmässigem Austausch, insbesondere über die Koordinatorinnen und Koordinatoren. Diese könnten Informationen – etwa zu Prävention – in den jeweiligen Muttersprachen weitergeben, sagt Vasquez. Für den Januar ist ein weiteres Treffen mit den Koordinatoren geplant. Dann will Vasquez über die Publikation der Missbrauchstudie am 2. Februar informieren.
Migratio vermittelt Wissen
Hilfreich für die Informationsvermittlung in den Gemeinschaften sind auch engagierte Freiwillige oder Mitglieder der zweiten und dritten Generation, die gut integriert sind. «Diese können für andere in der Gemeinschaft Brücken bauen», so Vasquez.
Die Dienststelle Migratio ist diesbezüglich bereits engagiert. Sie tauscht sich mit Koordinatoren aus. Das sind Vertreter von kleinen Missionen, in denen Gläubige aus verschiedenen Regionen der Schweiz vereint sind. Diese sollen ihren Leuten die Informationen in deren Muttersprache vermitteln.
Wo Bistümer besonders gefragt sind
Menschen im Asylbereich oder solche, die nur vorübergehend in der Schweiz weilten, seien hingegen schwieriger zu erreichen, sagt Vasquez. «Wir haben punktuell Kontakte und Gruppen, die wir einbeziehen können.» Da diese Menschen vulnerabler seien, sei eine klare, verständliche Informationsvermittlung besonders wichtig. «Die Bistümer spielen eine unterstützende Rolle, wo Menschen nur kurz in der Schweiz verweilen oder verschiedene Orte und Missionen besuchen.»
Die überregionalen Strukturen der Sprachgemeinschaften sind eine besondere Herausforderung. Ihre Gläubigen müssten speziell informiert werden, welche Anlaufstellen für sie zuständig sind – «unabhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten oder an welchem Anlass sie teilnehmen».
Vasquez erklärt dies anhand eines fiktiven Beispiels: Eine Katholikin aus dem Aargau besucht eine Mission in Zürich und fährt mit ihr zu einem religiösen Anlass in Genf. Da müsse sie wissen, wohin sie sich wenden könnte, falls es irgendwo zu einem Übergriff käme.
Bistümer nehmen Problematik ernst
Die drei Deutschschweizer Bischöfe – Chur, Basel und St. Gallen – haben mit der Migratio-Direktorin über die Thematik gesprochen, wie sie auf Anfrage schreiben. Sie nähmen die Problematik ernst. «Es gibt tatsächlich sprachliche Grenzen, aber wir sind uns dessen bewusst und arbeiten dran», fügt Nicole Büchel vom Bistum Chur an. Der Austausch fand an der Ordentlichen Versammlung der Bischofskonferenz im September statt.
Die Vorschläge von Migratio werde man berücksichtigen, schreibt Isabella Awad vom Bistum St. Gallen. Der Flyer sei «ein Leitfaden und helfe, noch stärker auf die Mehrsprachigkeit in unserem Bistum zu achten».
St. Gallen übersetzt in zwölf Sprachen
Das Bistum St. Gallen hat Informationen und Kontaktdaten zu Schutz und Prävention bereits in zwölf Sprachen übersetzt und in Form einer gedruckten Karte verteilt. Aktuell sei man daran, auch die wichtigsten Informationen über die neue Struktur bezüglich Prävention, Unterstützung und Intervention in zwölf Sprachen zu übersetzen, sagt Awad. Diese erhielten dann die Sprachgemeinschaften.
An der Konferenz der Anderssprachigen-Seelsorge im November informiert das Bistum über das neue Präventions- und Schutzkonzept. Es erreicht damit Missionare, Sekretariate, Dekanatsdelegierte und weitere Personengruppen. «Die verantwortlichen Personen im Bistum sind im Kontakt mit den Sprachgemeinschaften und holen ihre Bedürfnisse ab», schreibt Awad.
Die Bistumssprecher von Chur und Basel erwähnen zudem, dass auch die Missionare der anderssprachigen Gemeinschaften die Präventionskurse in ihrem Bistum besuchten. Dort würden sie für die Thematik sensibilisiert.
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