Frau im liturgischen Gewand.
Theologie konkret

Michael Theobald: Dass Kirche keine Frauen ordinieren kann, ist erwiesenermassen falsch

Der Neutestamentler Michael Theobald spürt bei der Weltsynode in manchen Kreisen eine gewisse «Angst vor der Theologie». Und betont, dass ein sakral-abgehobener Priesterstand der Vision Jesu widerspricht. Er plädiert für ein Konzil, um Lösungen für die Weltkirche zu finden.

Jacqueline Straub

Warum haben Sie das Buch «Dienen statt Herrschen. Neutestamentliche Grundlegung der Ämter in der Kirche» geschrieben?

Michael Theobald*: Als Neutestamentler will und kann ich nicht im elfenbeinernen Turm meiner Wissenschaft verharren. Mehrfach um bibeltheologische Expertise gebeten, war es mein Wunsch, mit dem Buch Mut zu machen in einer Situation, in der die Kirche vor Ort und auf Weltebene vor immensen Herausforderungen steht. Wo, wenn nicht im Neuen Testament, finden wir Orientierung, wenn der drohende Kollaps der Institution hierzulande uns zwingen wird, Kirche im Geist Jesu neu zu erfinden?

Weltsynode in Rom im Oktober 2023. Die Fortsetzung hat am 2. Oktober 2024 begonnen.
Weltsynode in Rom im Oktober 2023. Die Fortsetzung hat am 2. Oktober 2024 begonnen.

Wenn der synodale Prozess auf Weltebene konsequent gedacht und umgesetzt wird, was für Folgen wird dieser haben?

Theobald: Wie aus der ersten Sitzung der Weltsynode verlautet, haben gewisse Kreise in Rom Angst vor der Theologie. Sie möchten über Synodalität in einem eher formalen Sinn des rechten Umgangs miteinander befinden. Über eine synodale Architektur der Kirche aber lässt sich nicht reden, ohne die rechtlichen Folgen ins Auge zu fassen, vor allem nicht ohne Einbezug aller pastoralen und theologischen Kompetenzen wie auf dem Zweiten Vatikanum. Den synodalen Prozess «konsequent» denken, heisst deshalb, die Theologie in das Plenum der Synode voll einzubeziehen und nicht, wie geschehen, die heissen Eisen in Kommissionen auszulagern: Was alle betrifft, muss von allen beraten werden.

«Kirche ist dort, wo Menschen aus dem Geist Jesu Gemeinschaft bilden.»

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Theobald: Das Format der römischen Synode ist freilich dafür zu eng gestrickt. Nach einer zweiten Sitzung bange auf die Entscheidungen des Papstes wie auf das Orakel von Delphi zu warten, widerspricht synodalem Geist. Was kommen muss, ist ein Konzil, eine Versammlung der lateinischen Kirche unter dem Vorsitz des Bischofs von Rom.

Wie wird von Kirche, also von Ekklesia, im Neuen Testament gesprochen?

Theobald: Kirche heisst im Neuen Testament ekklēsía, ein profaner Terminus, der nach seiner Etymologie (kaléō = rufen) die Volksversammlung einer Polis als deren rechtmässig einberufene Vertretung bezeichnete. Danach existiert Kirche, indem sie Gottes Ruf gemäss «zusammenkommt» (1Kor 11,18): zur Eucharistie, zu Gebet und Gotteslob, aber auch um die gemeinsamen Belange zu ordnen. Das deutsche Wort «Kirche» (althochdt. kiricha) leitet sich her von kyriakē ekklēsía. Es heisst: die dem Herrn gehörige Versammlung. Danach ist Kirche dort, wo Menschen aus dem Geist Jesu Gemeinschaft bilden. Hier und jetzt schon gibt sie zu erfahren, was «neue Schöpfung» ist, wie es der Zweite Korinterbrief 5,17 schreibt. Also ereignet sich Kirche zunächst vor Ort, damals in Jerusalem, Korinth oder Ephesus. Das Evangelium und die Praxis gegenseitiger Liebe verbanden die Ortskirchen miteinander.

Michael Theobald
Michael Theobald

Jesus hat keine Kirche gründen wollen. Inwiefern sind die späteren Realisierungsversuche mit der Vision Jesu vereinbar und kongruent?

Theobald: Jesus wollte keine abgesonderte heilige Gemeinschaft, sondern im Zeichen des nahen Gottes, dessen Reich er in Wort und Tat kundtat, Israel sammeln. Ihm ging es um die schwächsten Glieder des Volkes, Arme und Mittellose, Kranke und Ausgesonderte, aber auch die Nicht-Frommen. Nach Ostern dämmerte es seinen Jüngerinnen und Jüngern: Wenn Gott den Gekreuzigten rehabilitiert und zum «Herrn aller» Menschen (Röm 10,12) erhoben hat, geht seine Botschaft nicht nur Israel, sondern alle Völker an. Aus einer innerjüdischen Reformbewegung wurde eine Kirche mit weltweitem Anspruch.

Bleibt die katholische Kirche dieser Vision treu?

Theobald: Dieser Vision bleibt die Kirche treu, wenn sie sich nicht als abgesonderte heilige Gemeinschaft begreift, sondern als Zeugin der von Jesus verkörperten Barmherzigkeit Gottes vor aller Welt. Nicht um die Kirche geht es zuerst, den Erhalt ihrer Institution, sondern darum, dass sie uneigennützig den Gott Jesu, der zum Heil aller Menschen entschlossen ist, der Welt kundtut. Dem sind zweit- und drittrangige Fragen unterzuordnen. Wir alle kreisen viel zu sehr um uns selbst als Kirche. Das betrifft auch ihre Ämter und Dienste.

Jesus auf dem Priestermantel.
Jesus auf dem Priestermantel.

Ist das Weiheamt konstitutiv für die Einheit der Kirche?

Theobald: Vorweg zum Terminus «Weiheamt»: Der Einheit der Kirche wird das Amt nur dann dienen, wenn es von sakralisierendem Standesdenken befreit ist. Wir leiden an einer chronischen Verwechslung von «Sakralität» und «Heiligkeit» – im Französischen klar unterschieden: sacré und saint, im Lateinischen sacer und sanctus, ähnlich im Griechischen. Nach dem Neuen Testament sind alle Getauften «heilig», und das meint im Sinne Jesu eine «Heiligkeit», die ausstrahlt und verändert – so Paulus zu den christlich-paganen «Mischehen». Ein sakral-abgehobener Priesterstand widerspricht der Vision Jesu.

Welche Aufgabe hat das Amt in der Kirche?

Theobald: Vornehmste Aufgabe des Amtes ist die Wahrung der Einheit der Gemeinden, der Ortskirchen, auch der Weltkirche. Aber das Amt garantiert nicht die Einheit, die ja in Christus vorgegeben ist, sondern bezeugt sie, und dies vor allem in der Eucharistie, der Versammlung unterschiedlichster Menschen am Tisch des Herrn. Entscheidend: Einheit ist nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern «Einheit durch Vielfalt» (Oscar Cullmann), ein Einander-Ertragen in Liebe».

«Es gab charismatische, kollegiale, auch bald monepiskopale Leitung.»

Der synodale Prozess zeigt, Veränderungen und Reformen sind nicht in allen Ländern gleichzeitig umsetzbar. Gibt das Neue Testament Vorbilder für «Einheit durch Vielfalt»?

Theobald: Wenn das Zweite Vatikanum von der «Hierarchie der Wahrheiten» spricht, sollte damit ernstgemacht werden: Was steht oben, was ist zweitrangig? Auf dem sogenannten Apostelkonvent in Jerusalem waren sich alle über das Evangelium einig, aber sie befanden: Mission unter den Völkern und in Israel hat jeweils eigene Wege zu gehen – entsprechend den unterschiedlichen Voraussetzungen der Menschen. So erklärten sie die Beschneidung von Männern für zweitrangig, ohne sie für die Christen aus dem Judentum abzuwerten. Auch die Ämterstrukturen in der frühen Kirche waren nicht einheitlich: Es gab charismatische, kollegiale, auch bald monepiskopale Leitung. Um für heute ein wichtiges Beispiel zu nennen: Nicht in allen Teilen der Weltkirche ist das Diakonenamt eingeführt. Warum sollte es dort, wo es existiert, nicht auch für Frauen geöffnet werden?

Sie schreiben in ihrem Buch, dass jede Ortskirche eine eigene ekklesiologische Würde hat. Was heisst das konkret in der Praxis kirchlichen Lebens?

Theobald: Die Ortskirchen haben ihre je eigene Geschichte, ihre je eigene Tradition, auch ihre je eigene «Volksfrömmigkeit». Gefordert ist weltweit eine Ent-latinisierung der Kirche. Auch hat Rom sich nach dem Zweiten Vatikanum zu viele Rechte über die Ortskirchen reserviert.

«Die Ämter gehen nicht auf eine mutmassliche Einsetzung durch Jesus zurück.»

 Können Sie Beispiele nennen?

Theobald: Das Gotteslob ist das erste deutsche Gesangbuch überhaupt, das in Rom approbiert werden musste. Die Einheitsübersetzung wurde nach ihrer Erprobungszeit 1978 noch allein von den deutschsprachigen Bischöfen verantwortet, die revidierte Fassung musste 2016 nach Rom gehen. Zu erwarten wäre, dass Rom bei der Besetzung von Bischofsstühlen oder der Berufung von Professorinnen und Professoren grösstes Vertrauen in die pastorale und theologische Kompetenz der Ortskirchen setzt. Die Rede des Zweiten Vatikanums von der Würde der Ortskirchen ist auf der Ebene des Rechts noch längst nicht eingeholt.

Was sagt Epheser 4 uns über Ämter in der Kirche?

Theobald: Nach diesem Kapitel sind die in Vers 11 genannten Ämter – «Apostel, Propheten, Evangelisten, das heisst Missionare, Hirten und Lehrer» – Gaben des auferweckten Christus, eine Feststellung von erheblichem, auch ökumenischem Gewicht. Sie haben «göttlichen und nicht menschlichen Ursprung», wie der vor wenigen Jahren verstorbene grosse Schweizer evangelische Neutestamentler Ulrich Luz erklärte. Folglich verdanken sie sich auch nicht lediglich praktischem Interesse, weil der Dienst der Verkündigung und der Spendung der Sakramente geordnet sein sollte, sondern haben geistlichen Eigenwert, sie gründen im Ruf Christi. Die zweite Lehre aus Epheser 4 lautet: Die Ämter gehen nicht auf eine mutmassliche Einsetzung durch Jesus zurück, mit angeblich bindenden rechtlichen Folgen, sondern sind nachösterlich. Die Apostel und Propheten stehen voran, weil die Kirche auf ihrem Fundament errichtet ist (vgl. Eph 2,20; 3,5), die Missionare, die das Evangelium verbreiten, folgen. Am Ende werden die ortsansässigen «Hirten und Lehrer» genannt, die im Geist des apostolischen Zeugnisses die Gemeinden in Wort und Sakrament leiten.

Jesus und seine zwölf Apostel.
Jesus und seine zwölf Apostel.

Und wie steht dies in Relation zu den lehramtlichen Aussagen zu den zwölf Aposteln aus, die immer männlich sind – und deswegen auch nur Männer Priester werden können?

Theobald: In Markus 3,14 heisst es, Jesus «schuf die Zwölf». Einen Kreis von namentlich genannten Männern, der seinen Anspruch auf das Zwölfstämmevolk, seit alters repräsentiert durch die Patriarchen, in einer Symbolhandlung augenfällig dokumentieren sollte. So wenig Jesus mit diesem Zeichen ein bleibendes Amt für die Zukunft schaffen wollte, so wenig sagt es irgendetwas aus über eine Reservierung späterer kirchlicher Ämter für das männliche Geschlecht. Der mit hoher Autorität versehene päpstliche Entscheid, die Kirche habe keine Vollmacht, Frauen zu ordinieren, steht nicht nur auf tönernen Füssen, sondern ist argumentativ nachgewiesermassen falsch.

Also spricht das Neue Testament für das Frauenpriestertum?

Theobald: Die gegenwärtige Debatte verlangt eine Umkehr der Argumentation, also nicht lediglich zu sagen: «Gegen eine Öffnung des sakramentalen Amtes für Frauen ist vom Neuen Testament her nichts einzuwenden», sondern positiv: «Das Neue Testament, insbesondere die Botschaft Jesu und sein Auftreten, sprechen entschieden für eine Öffnung des Amtes für Frauen». Deren baldige Verdrängung aus den Leitungsfunktionen war bekanntlich Folge der Sozialisierung der Gemeinden in den zeitgenössischen patriarchalischen Strukturen. Schon Karl Rahner forderte 1977, die Gegner einer Frauenordination hätten die Beweislast für ihre Behauptungen zu tragen, nicht ihre Befürworter.

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Mit Blick auf das Neue Testament: Wie wird der Priester der Zukunft aussehen?

Theobald: Keiner kann wissen, wie die Priester von morgen aussehen. Das Neue Testament kann Impulse geben, aber die Definition von Rollen liegt ihm fern. Priesterliches Wirken und Handeln wird sich in Zukunft auf viele Akteure verteilen, damit Gemeindeleben vor Ort gelingt – und das ganz in der Nachfolge Jesu und im Geist der Evangelien.

Was schlagen Sie für die derzeitige Situation hierzulange vor?

Theobald: Für die Übergangszeit, in der wir leben, kann ich nur empfehlen: Geht barmherzig mit denen um, die Verantwortung in den Gemeinden tragen. Hebt sie nicht auf einen sakralen Sockel. Übt Teamarbeit, entscheidet, soweit möglich, gemeinsam. Und versucht, andere für das Evangelium zu begeistern – eben nicht herrschen, sondern dienen.

*Michael Theobald ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen. Sein neustes Buch heisst «Dienen statt Herrschen. Neutestamentliche Grundlegung der Ämter in der Kirche» und ist im Pustet Verlag erschienen.


Frau im liturgischen Gewand. | © Harald Oppitz/KNA
8. September 2024 | 12:00
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