Schule | © Harald Oppitz KNA
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Schule | © Harald Oppitz KNA

«Schule ist der Ort, an dem Diskriminierung anfängt»

Bonn, 2.8.18 (kath.ch) Nach dem Schlagwort #MeToo liegt nun #MeTwo im Trend: Geprägt hat den Begriff der 24-jährige Aktivist und Buchautor Ali Can. Unter diesem Hashtag schildern auf Twitter zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund, was sie im Alltag an Diskriminierung und Rassismus erlebt haben. Besonders oft im Fokus: die Schule.

Anne Fries

«Schule ist der Ort, an dem Diskriminierung anfängt», sagt die Publizistin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. In diesem Kosmos komme Lehrern eine Schlüsselposition zu, sie hätten einen entscheidenden Einfluss auf den Lebensweg der Schüler. Umso bedenklicher: «Jede Person mit Migrationshintergrund kann eine Schauergeschichte zu Diskriminierung an der Schule erzählen», sagt Kaddor.

Lehrer überschreiten zu oft ihre Kompetenzen.

Viele Beispiele auf dem Kurznachrichtendienst geben ihr Recht. Menschen mit Migrationshintergrund berichten von Lehrern, die ihnen trotz sehr guter Leistungen keine Gymnasialempfehlung ausgesprochen, ihre fachliche Eignung in Frage gestellt oder sie kleingeredet haben. Kaddor arbeitete selbst 13 Jahre als Lehrerin. Sie kritisiert, dass Lehrer zu oft ihre Kompetenzen überschritten und nicht nur die Leistung der Schüler, sondern die Person an sich und ihre Herkunft bewerteten.

Einige Twitter-Beispiele: «Ein Typ in der Erstaufnahmeeinrichtung prophezeite mir damals, ich würde deutsch niemals erlernen und höchstens (!) einen Hauptschulabschluss schaffen. Ich hab dieses Jahr meinen Master fertig», schreibt eine Nutzerin. «Aus euch wird sowieso nichts werden», zitiert ein anderer Nutzer einen Spruch aus der Berufsschule. An der Uni setzt sich das offenbar mitunter fort: «Sind Sie sich sicher, dass Sie studieren wollen? Machen Sie doch lieber eine Ausbildung!», gibt eine Userin eine Äusserung eines Professors wieder.

«Du sprichst aber gut Deutsch.»

Der Bochumer Sozialwissenschaftler Karim Fereidooni sieht einen Grund für Diskriminierung an Schulen darin, dass keine Auseinandersetzung mit Rassismus stattfinde. Zwar sei das Klassenzimmer ein Spiegel der Gesellschaft, Lehrer aber immer noch mehrheitlich «weiss und deutsch». Hinter Bemerkungen wie «Du sprichst aber gut Deutsch, dafür dass du einen Migrationshintergrund hast, Türke bist, Araber bist…» stecke der Gedanke, dass gut Deutsch sprechende Menschen mit Migrationshintergrund eine Ausnahme darstellten. Schüler bekämen solche Sätze immer wieder zu hören – und verinnerlichten sie im schlimmsten Fall.

Reflektion gefordert

«Rassistische Äusserungen docken an bestehende Denkstrukturen an», sagt Fereidooni. Über diese Bilder und Strukturen werde noch zu wenig gesprochen. Er fordert: Jeder solle sich mit der eigenen Sozialisation beschäftigen und Vorurteile reflektieren. Rassismuskritik solle zudem als Teil der Lehrerausbildung etabliert, Arbeitsmaterial im Hinblick auf Rassismus hinterfragt werden.

Aus Sicht des Deutschen Lehrerverbandes hat sich an Schulen in puncto Rassismus in den vergangenen Jahren viel verbessert. Präsident Heinz-Peter Meidinger sagt, er hoffe, dass rassistische Aussagen von Lehrern «nirgends mehr akzeptiert» seien. Solche Äusserungen von Lehrkräften seien inakzeptable Einzelfälle. Rassistischen Einstellungen einzelner Schülergruppen und Haltungen, die über manche Elternhäuser in die Schulen hineingetragen werden, sollte aber mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.

«Du kannst mich mal, ich schaffe es trotzdem.»

Wie Schüler mit Diskriminierungserfahrungen umgehen, hängt laut Kaddor entscheidend vom Elternhaus ab. Glaubten Schüler an sich, steckten sie unfaire Behandlung leichter weg – mit dem Gedanken «Du kannst mich mal, ich schaffe das trotzdem». Andersherum gelte: Wenn niemand da sei, der ihr Selbstwertgefühl stütze und sie fördere, «dann sind das oft die Schüler, die negativ auffallen und von Lehrern benachteiligt werden – mit der Erklärung, es läge an der Kultur der Kinder.»

Unter Druck

Kaddor sieht in der aktuellen Debatte eine Chance: «Leider hören wir selten den Minderheiten zu – und das passiert gerade». #MeTwo könne verständlich machen, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund «unter einem anderen Druck stehen, dass sie oft anders betrachtet werden und dass es strukturelle Benachteiligungen gibt». Viel sei erreicht, wenn Lehrer ihre Sprache und ihr Handeln daraufhin hinterfragten. (kna)

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