Theologie konkret

Matthias Wenk: «Katholisch oder reformiert: Ist egal bei uns»

Diese Kirche steht für Ökumene an der Basis: Die Kirche Halden in St. Gallen lebt seit 46 Jahren eine enge katholisch-reformierte Gemeinschaft. So sehr, dass Seelsorger Matthias Wenk sagt: «Ich weiss nicht, wer reformiert oder katholisch ist in unserer Gemeinde.» Im Tabernakel gibt es geweihte Hostien und Abendmahl-Brot.

Regula Pfeifer

Im St. Galler Quartier Halden machen Reformierte und Katholiken alles gemeinsam. Daraus hat sich etwas Neues entwickelt, sagt Matthias Wenk. Der Familienvater ist katholischer Seelsorger in der Halden und seit neustem auch Pfarreibeauftragter für das langjährige ökumenische Basisprojekt.

Oft katholisch-reformiert geleitete Gottesdienste

Die Gottesdienste sind allesamt ökumenisch gestaltet. Sie werden mal von einem katholischen Seelsorger, mal von einer reformierten Pfarrerin geleitet – und oft von beiden gemeinsam. Dabei gilt der Grundsatz: Die liturgische Tradition darf sich zeigen, der Gottesdienst muss aber für alle inklusiv sein.

Ökumenischer Familiengottesdienst zum Johannisfeuerfest in der Halden: mit Pfarrerin Birke Müller und Priester Priester Josef Wirth (als Johannes der Täufer), 2018

«Daraus hat sich eine Mischliturgie entwickelt», erklärt Matthias Wenk. Die Liturgie gleicht also eher einem Wortgottesdienst als einer Eucharistiefeier. Als Beispiel nennt Wenk die Osterliturgie. Diese erlaube «ein Eintauchen in das Geheimnis dieser Tage».

So beginnt der Gottesdienst am Ostermorgen früh um sechs Uhr, noch bei Dunkelheit, mit einem Vogelgezwitscher – nachgeahmt von Flöten. «Wir zeigen damit: Die Frauen sind die ersten am Grab Jesu», sagt Matthias Wenk. Die Frauen haben dementsprechend die tragende Rolle im Gottesdienst: Sie halten am Altar die Gaben Brot und Wein.

Gelebtes Priestertum aller Gläubigen

Die St. Galler Quartierkirche pflegt einen Grundsatz: das Priestertum aller Gläubigen. Die Haldengottesdienste versuchen möglichst viele Menschen ins Geschehen einzubinden.

So würden die Teilnehmenden teilweise gebeten, ein Thema mit ihrem Sitznachbarn zu besprechen und das Ergebnis dann auch bekannt zu machen. Daraus könnten Fürbitten gestaltet werden. Oder die Gedanken fänden Einlass in die Predigt.

Aber machen die Leute da auch tatsächlich mit? «Ja, unsere Gemeindemitglieder kennen das. Sie sind sehr engagiert», sagt Wenk.

Ökumenische Räte für die Pastoral

Die Halden-Ökumene ist weit entwickelt. Das Seelsorgeteam besteht aus Personen beider Kirchen. Ebenso der Haldenrat, der für die pastoralen Belange zuständig ist. Und auch das Haldenforum, eine basisdemokratische Versammlung, die entscheidende Schritte beschliesst.

Erstkommunion in der Kirche Halden: Seelsorger Matthias Wenk (l.), Pfarrer Georg Schmucki (M.) und reformierte Pfarrerin Birke Müller (r. davon)

So hat das Haldenforum 2013 entschieden, dass fortan alles ökumenisch gestaltet werden soll. Auch Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse sind davon nicht ausgenommen.

Ausnahmen zum ökumenischen Grundsatz gibt es nur wenige. Matthias Wenk nennt eine: Die katholische Erstkommunion und die reformierte Konfirmation werden separat gefeiert. Manchmal gibt es also doch eine Eucharistie-Feier in der Kirche.

Gottesdienst "Einführung ins Abendmahl" mit dem katholischen Seelsorger (in Weiss) und der Pfarrerin (in Schwarz)

Die Halden-Ökumene ist so weit entwickelt, dass Matthias Wenk sagt: «Ich weiss nicht, wer reformiert oder katholisch ist in unserer Gemeinde.» Und das sei auch egal in ihrer Kirche.

«Es hat ein langsames Zusammengehen gebraucht.»

Matthias Wenk, Seelsorger Kirche Halden

Das Ganze hat sich nicht über Nacht so ergeben. «Es hat ein langsames Zusammengehen gebraucht», sagt Matthias Wenk. So hätten sich die katholischen Seelsorgenden gefragt: Welche Zeichen setzen wir im Gottesdienst? Und was ist zu viel des Guten? Die reformierten Seelsorgenden umgekehrt hätten sich überlegt: Wie können wir mehr Sinnlichkeit in den Gottesdienst bringen, welches Ritual wäre geeignet?

Am Anfang stand der Kirchenbau

Angefangen hat alles mit dem Kirchenbau. Die beiden Kirchen wollten im St. Galler Neubaugebiet Halden Präsenz zeigen. Sie kauften 1970 Land – zwei Parzellen direkt nebeneinander. Da kam die Idee auf: Wieso statt zwei separate nicht eine gemeinsame Kirche bauen? Das war günstiger. «Am Anfang der Zusammenarbeit standen praktische Gründe», sagt Matthias Wenk.

Die beiden Kirchen liessen eine sogenannte Fastenopferkirche aufbauen. Das war eine Modellbau-Kirche mit Fertigteilen, die rasch erstellt war. Diese wurde dann durch einen Neubau ersetzt. 1986 fand die Einweihung der jetzigen Kirche statt. Sie liegt exakt auf der Grenze der beiden Landparzellen und hat zwei Giebel. Diese symbolisieren die beiden Konfessionen unter einem Kirchendach.

Das Ökumene-Projekt fand zu Beginn nicht nur Begeisterung. Einige Gläubige hätten es abgelehnt. «Sie fanden dann in einer Nachbarpfarrei ihr neues Zuhause», sagt Wenk. «Das ist der Vorteil unseres Standorts: Als Quartierkirche in einer Stadt können wir einen neuen Weg gehen.» Konfessionelle Alternativen gäbe es genug in St. Gallen.

Matthias Wenk an einem interreligiösen Anlass in der Kirche Halden, St. Gallen

Inzwischen ist die Ökumene in der Halden etabliert. Und sie hat sich sogar auf die Nachbarpfarreien ausgeweitet. Seelsorgende von dort übernehmen Gottesdienste in der Halden. «Das führt zu einer Rotation unter Gottesdienst-Gestaltenden», sagt Matthias Wenk. Er schätzt den intensiven Austausch, der daraus entsteht. «Das macht zwar alles komplexer, bringt aber auch Entlastung, da personelle Ausfälle rasch abgefangen werden können.»

Komplexes Gefüge

Komplex ist das Gefüge tatsächlich. Denn die Halden ist nicht autonom: Sie gehört zur katholischen Seelsorgeeinheit St. Gallen Ost und zur Katholischen Kirchgemeinde St. Gallen sowie zur evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Tablat.

Die Verwaltung übernimmt die katholische Kirchgemeinde St. Gallen. An den Kosten beteiligt sind beide Kirchen halbe-halbe. Das habe sich auch trotz veränderter Mitgliederzahlen nicht geändert. Das ökumenische Projekt birgt Stolpersteine. Das bedingt eines, betont Matthias Wenk: «Wir müssen achtsam miteinander umgehen.»

Interreligiöses Gebet in der Kirche Halden, 2020

Auch für weitere Religionen hat sich die Halden vor 14 Jahren geöffnet. Einmal pro Quartal treffen sich Hindus, Muslime, Sikhs und Christen zum gemeinsamen interreligiösen Gebet. Die beteiligten Religionsgemeinschaften feiern auch ihre wichtigsten Feste in den Räumen der Halden. Der Theologe betont: «Wir wollen auch anderen Religionen respektvoll begegnen und erfahren, wie sie beten.»

Die St. Galler Kirche Halden hat zwei Giebel: Symbol für ihre gelebte Ökumene | © zVg
5. September 2021 | 08:30
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Matthias Wenk äussert sich zu heissen Eisen

Haben Sie einen Tabernakel – und wenn ja: für welche Gelegenheit?

Ja, wir haben einen und brauchen ihn viel. Wir bewahren dort das Brot und die Hostien für die Kommunionfeiern und die Gottesdienste auf. Gleichzeitig haben wir auch ein Kreuz im Altarraum, was für die Reformierten wichtig ist. Im Tabernakel befinden sich verschiedene Gefässe, damit die geweihten Hostien nicht mit dem reformierten Abendmahl verwechselt werden.

Was machen Sie nach einer Abendmahl-Feier mit dem übrigen Brot? Provokativ gefragt: Kommt es ins Fondue?

Nein. Es kommt in den Tabernakel. Das tun wir aus Respekt einander gegenüber – also aus Respekt der Katholiken gegenüber den Reformierten und umgekehrt. Denn das Brot hat bei beiden eine wichtige Rolle inne.

Wie feiern Sie Fronleichnam?

Dieses Fest feiern wir nicht. Es ist sehr stark mit der katholischen Tradition verbunden, das ist für Reformierte unverständlich.

Ist bei Ihnen Marienverehrung erlaubt?

Wir pflegen keine explizite Marienverehrung. Aber wir haben eine Marienikone. Sie befindet sich – unauffällig – in der Meditationsecke im Altarbereich, neben dem Opferlicht und dem Ewigen Licht. Dorthin ist sie von einem unserer Priester gestellt worden – und niemand hat sich bisher darüber beschwert. Wir thematisieren Maria in den Gottesdiensten – etwa im Marienmonat Mai. Oder an Mariä Himmelfahrt. Auch bei einem interreligiösen Gebet zur Rolle der Frau haben wir auf sie Bezug genommen.

Ist Weihrauch erlaubt?

Ja, auf jeden Fall. Wir verwenden es aber in der Regel nicht. Wir setzen es nicht einfach ein, um ein Hochfest zu feiern. Sondern wir setzen es bewusst, gezielt und begründet ein. Es ist für uns ein spirituelles Hilfsmittel. Dabei nehmen wir nicht ein Weihrauchfass, das man herumschwenken kann, sondern ein Weihrauchstövchen. Das ist eine Art Rechaud. Man legt ein Weihrauchkorn auf ein Gitter über einer Kerze. Das Korn schmilzt, es gibt Weihrauch. (rp)