Matthias Ederer
Schweiz

Matthias Ederer: «In Psalm 24 treffen Gott und Menschheit buchstäblich im Tor aufeinander»

Das diesjährige Adventskalender-Motto des katholischen Medienzentrums «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit» bezieht sich auf das bekannte Kirchenlied und auf Psalm 24. Doch dieser Psalm wurde ursprünglich an Ostern gebetet, sagt der Alttestamentler Matthias Ederer.

Jacqueline Straub

Der diesjährige Adventskalender des katholischen Medienzentrums steht unter dem Motto «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit». Das Lied hat alttestamentliche Wurzeln. Was wird in Psalm 24 beschrieben?

Matthias Ederer*: Der Psalm 24 ist ein faszinierender Text mit eindrücklichen Bildern, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. In einer ersten Strophe (V. 1-2) wird die theologische Grundlage gelegt: Die gesamte Schöpfung gehört Gott. Er verleiht ihr – immer wieder neu – Ordnung und Stabilität. Die zweite Strophe (V. 3-6) scheint ein neues Thema einzuführen: Wer hat Zutritt zum Ort der Gottesverehrung, dem «Berg des Herrn» (V. 3)? Die Frage setzt voraus, dass sich die gesamte Menschheit auf den Weg dorthin macht. Aufnahme und Segen finden alle, die sich durch «unschuldige Hände und ein reines Herz» (V. 4) auszeichnen und sich vor allem von der Verehrung falscher Götter abwenden.

Der Text zeichnet also wie eine Art spiritueller «Einlasskontrolle» am Tempeltor nach…

Ederer: …bei der «Zutrittsbedingungen» geprüft werden. In der dritten und letzten Strophe (V. 7-10) wird poetisch der Einzug Gottes selbst inszeniert. Die – eigentlich schon grossen – Tempeltore werden aufgefordert, sich noch weiter zu öffnen, da Gott in seiner Majestät noch viel gewaltiger ist. Gott wird dabei als siegreicher, aus der Schlacht heimkehrender «Kriegsheld» (V. 8) vorgestellt, der nun vom Zion aus als «König der Herrlichkeit» über die geordnete Schöpfung herrscht.

Welcher Krieg ist damit gemeint?

Ederer: Man kann den Psalm so lesen, dass Gott erfolgreich gegen alles gekämpft hat, was die Stabilität der Schöpfung gefährdet, und zugleich die Menschheit aus den Händen der falschen Götter befreit hat, sodass diese sich nun Gott und Israel sucht und zum Zion kommt.

«Psalm 24 war in der Frühen Kirche ganz klar ein Text für Ostern.»

Und was hat das mit dem Jesuskind zu tun?

Ederer: Zunächst einmal ist es wichtig zu betonen, dass Psalm 24 als Teil der Hebräischen Bibel, der Bibel Israels, gar keinen Bezug zum Jesuskind hat. Erst wenn er Teil des christlichen Alten Testaments wird, kann man ihn – christlich – mit Jesus verbinden. Interessanterweise aber war der Psalm in der Frühen Kirche ganz klar ein Text für Ostern und Sonntag.

Inwiefern?

Ederer: Der «König der Herrlichkeit», vor dem sich die Tore (weg)heben müssen, ist der auferstandene Christus, der die verschlossenen Tore der Unterwelt zerschlägt und die dort gefangene Menschheit befreit – eine Deutung, die sehr gut zum Psalm passt.

Tür mit Löwenkopf
Tür mit Löwenkopf

Georg Weissel, der 1623 den Text zum bekannten Adventslied «Macht hoch die Tür…» dichtete, wählte jedoch einen adventlichen Fokus.

Ederer: Das stimmt. Für ihn ist der «König der Herrlichkeit» Christus, der Mensch wird und in die Welt kommt, um die Menschen von falschen Göttern abzuwenden und zu Gott zu führen. Vor allem aber will er in das Herz jedes Menschen einziehen. Weissel verknüpft also in seinem Lied die Motive aus den drei scheinbar unterschiedlichen Abschnitten des Psalms 24 in einer geschickten und sehr gekonnten «Exegese» zu einer tiefgründigen adventlichen Interpretation.

«Im Tor bündelte sich also das «Besondere» und die Identität des Raumes dahinter.»

Welche Bedeutung haben Tür, Tor und Pforte im Alten Testament?

Ederer: Tore und Pforten sind ganz praktisch Zugänge, primär zu einer Stadt oder einem abgegrenzten, besonderen Raum, wie dem Tempelareal in Jerusalem. Sie markieren Übergänge zwischen Räumen unterschiedlicher Qualität – zum Beispiel zwischen heiligem und profanem Raum am Tempel oder zwischen innen und aussen bei der Stadt. An ihnen entscheidet sich auch, ob man wechseln darf oder abgewiesen wird. Darüber hinaus waren die Stadttore der öffentliche Raum schlechthin. Hier versammelten sich die Familienoberhäupter, um Entscheidungen für die Gemeinschaft zu treffen oder Streitfälle zu schlichten. Das Tor war Marktplatz und Ort des täglichen Austauschs. Im Tor bündelte sich also das «Besondere» und die Identität des Raumes dahinter. Im Tor «lebt» die Stadt. In Psalm 24 wird dies besonders deutlich, da sowohl die zweite als auch die dritte Strophe buchstäblich am Tempeltor verortet sind. Hier wird das Zutrittsrecht der aus den «Händen» der falschen Götter geretteten Menschheit zu Gott und Israel verhandelt (Ps 24,3-6) und der triumphale Einzug des «Königs der Herrlichkeit» inszeniert (Ps 24,7-10). In diesem Psalm treffen Gott und Menschheit buchstäblich im Tor aufeinander.

«Die Symbolik wird durch das Inflationieren Heiliger Jahre nicht unbedingt klarer.»

Die katholische Kirche befindet sich derzeit im Heiligen Jahr. Die Heilige Pforte spielt dabei eine wichtige Rolle. Gibt es da einen Link zum Alten Testament?

Ederer: Ein direkter, gerader Weg vom Alten Testament zur kirchlichen Praxis ist schwierig zu ziehen, da die Tradition der zum Heiligen Jahr geöffneten und ansonsten verschlossenen «Heiligen Pforte» erst ab dem 15. Jahrhundert greifbar ist, aber vielleicht läuft eine Spur zum Buch des biblischen Propheten Ezechiel. Am Ende dieses Buches (Ez 40-48) wird ein künftiger, endzeitlicher Tempel beschrieben. Der Prophet erlebt in einer Vision, wie die Herrlichkeit Gottes aus dem Exil zurückkehrt und durch das Osttor der Tempelanlage in den Tempel einzieht, um dort auf Dauer inmitten Israels zu wohnen (Ez 43).

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Kurz darauf sieht der Prophet, dass dieses Tor verschlossen wird und dauerhaft verschlossen bleiben soll.

Ederer: Es dient – so praktisch «unbrauchbar» gemacht – als Zeichen für den Einzug der Herrlichkeit Gottes und seine bleibende Gegenwart (Ez 44,1-4). Davon abgeleitet, kann auch die im Heiligen Jahr offene «Heilige Pforte» sehr eindringlich ein Einziehen Gottes und seine unmittelbare Gegenwart inszenieren. Doch wie Ezechiel zeigt, kann die geschlossene Pforte die bleibende Gegenwart des ein für alle Mal zu uns gekommenen Gottes ebenso eindrücklich anzeigen. Die Symbolik wird durch das Inflationieren Heiliger Jahre nicht unbedingt klarer.

*Matthias Ederer ist Professor für die Exegese des Alten Testaments an der Universität Luzern.

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Wer kennt nicht das Adventslied «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit». Türen und Tore sind adventliche Symbole. Sie begleiten uns durch die ganze Bibel. Was fällt Ihnen zu Tür und Tor ein? Haben Sie ein Bild einer Tür oder eines Tors, das Ihnen etwas bedeutet und das Sie mit anderen teilen möchten? Kennen Sie ein Gebet, ein Text oder haben Sie eine Lieblingsbibelstelle? Erzählen Sie uns davon. Wir freuen uns auf Ihre Impulse zur Adventszeit.

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Matthias Ederer | © zvg
2. Dezember 2025 | 17:15
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