Mathew Charthakuzhiyil
Porträt

Mathew Charthakuzhiyil: «Der heutige Papst hatte schon damals ein besonderes Charisma»

Der Pfarrer aus Zernez (GR), Mathew Charthakuzhiyil, hat unzählige Selfies mit Bischöfen und Kardinälen auf seinem Handy. Nur eines fehlt: Ein Bild mit Robert Prevost, dem heutigen Papst. Ein Gespräch über Pilgerreisen, fehlenden Glaube in der Schweiz und warum der Inder ein Buch über Bruder Klaus in seiner Muttersprache Malayalam geschrieben hat.

Jacqueline Straub

«Ich bereue es, dass ich mit dem heutigen Papst Leo XIV. kein Foto gemacht habe. Mit vielen Kardinälen und Bischöfen habe ich Bilder auf meinem Handy», sagt Mathew Charthakuzhiyil lachend und schaut auf sein Handy. Der Pfarrer aus Zernez, Ardez und Tarasp war 2012 bei der Bischofsynode zum Thema Neuevangelisierung drei Wochen in Rom dabei.  «Um zu helfen», wie er sagt. Bischöfe und Kardinäle aus aller Welt trafen sich und überlegten, wie die Frohe Botschaft heute noch zeitgemäss verkündet werden kann. Zu dieser Zeit lebte der Priester in Rom und studierte an der Dominikaneruniversität (Angelicum).

«Ich habe Pater Robert Prevost drei Wochen lang jeden Tag gesehen und oft mit ihm gesprochen. Ich hätte nie gedacht, dass er einmal Papst wird. Obwohl er schon damals ein besonderes Charisma, eine starke Ausstrahlung hatte.» Er fiel «durch seine Einfachheit und Zugänglichkeit auf – ein bescheidener, aber in gewisser Weise aussergewöhnlicher Mensch». Der Priester hat sich gefreut, als er erfahren hatte, dass Robert Prevost zum Papst gewählt wurde.

Indien, USA, Italien, Deutschland

Mathew Charthakuzhiyil ist sich sicher, dass der heutige Papst den Pfarrer aus Zernez wiedererkennen würde, wenn sie miteinander sprechen würden. Denn sie hatten gemeinsame Themen: Robert Prevost hatte als Generaloberer des Augustinerordens zum Zeitpunkt der Begegnung in Rom zweimal Kerala besucht, sagt Mathew Charthakuzhiyil, der aus dem indischen Bundesstaat stammt – und zehn Jahre in den USA lebte, der Heimat des heutigen Papstes.

Nach vier Jahren in Rom ging es für Mathew Charthakuzhiyil für drei Jahre zurück nach Indien. Er arbeitete dort als Sekretär für Kardinal Baselios Cleemis und unterrichtete an der Universität. In seinem ganzen priesterlichen Leben wirkte er «nur» sechs Jahre in Indien. Nach dem Stopp in der Heimat wurde er für zwei Jahre nach Deutschland geschickt – um Deutsch zu lernen. Dann wurde eine Stelle als Pfarrer im Bistum Chur frei. Seit sechs Jahren lebt der Inder nun in der Schweiz, drei davon in Zernez.

Mathew Charthakuzhiyil in seiner Pfarrei in Zernez
Mathew Charthakuzhiyil in seiner Pfarrei in Zernez

Einen Kulturschock hatte er nicht. «Ich habe ja zuvor einen Kulturintegrationskurs gemacht.» Zernez erlebt er vielmehr «wie eine Familie». Er wurde mit offenen Armen aufgenommen – zumal Zernez ausländische Priester gewohnt ist. Probleme machen nicht die Menschen, sagt Mathew Charthakuzhiyil, sondern vielmehr das Wetter. «In Indien ist es das ganze Jahr etwa gleich warm.» Für manche Inder stellt zudem das Essen ein Problem dar. Und natürlich die Sprache.

In der Schweiz hat er Zeit zum Schreiben. Inzwischen hat er bereits neun Bücher veröffentlicht, die teilweise in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Etwa über das Pilgern. Er ist zweimal den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gegangen und hat zudem den Schweizer und den italienischen Teil der Via Francigena zu Fuss zurückgelegt. Derzeit ist er auf der Via Francigena von Canterbury in die Schweiz unterwegs. 1000 Kilometer liegen vor ihm, die er alleine in 35 Tagen meistern will. Aus der Pilgerreise soll ebenfalls ein Buch entstehen.

Mathew Charthakuzhiyil und sein Buch über Bruder Klaus
Mathew Charthakuzhiyil und sein Buch über Bruder Klaus

Er widmet sich in seinen Büchern aber auch Schweizer Themen. So hat er ein Buch über Bruder Klaus geschrieben – in seiner Muttersprache Malayalam, eine der 22 offiziellen Sprachen Indiens. Rund 38 Millionen Menschen sprechen diese Sprache. Der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain hat das Vorwort zu seinem Bruder-Klaus-Buch geschrieben.

Letztes Jahr, als in seiner Heimatdiözese eine neue Kirche gebaut und einem Heiligen geweiht werden sollte, schlug sein Kardinal den Heiligen Bruder Klaus vor – da einige Personen aus der Schweiz den Bau teilweise mitfinanziert hatten. Die Gläubigen wollten jedoch den alten Namen der Kirche – St. Maria – beibehalten. «Es gibt unzählige Marienkirchen, aber die Menschen kannten Bruder Klaus nicht, und es gab Widerstand», sagt Mathew Charthakuzhiyil. Sein Bischof bat ihn daraufhin, ein Buch zu schreiben, um die Gläubigen über den Schweizer Heiligen aufzuklären.

Mathew Charthakuzhiyil und Bischof Joseph Maria Bonnemain
Mathew Charthakuzhiyil und Bischof Joseph Maria Bonnemain

Das tat er und reiste nach Indien, um bei Vorträgen den Dorfbewohnern über den Schweizer Heiligen zu berichten. Inzwischen sind die Menschen des Ortes stolz, eine Bruder Klaus-Kirche zu haben. Denn es gibt im Bundesstaat Kerala nur eine weitere, die dem Schweizer Nationalheiligen geweiht ist. «Die Menschen in Indien verstehen Bruder Klaus besser als die Menschen in der Schweiz. Denn Fasten, Beten und sich zurückziehen sind Grundpfeiler in der indischen Kultur.» Mathew Charthakuzhiyil wünscht sich, dass Dorothea heiliggesprochen wird. «Denn ohne Dorothea gibt es keinen Bruder Klaus.»

Fehlender Glaube in der Schweiz

In Indien kennen die Kinder alle Gebete der Kirche. Für Mathew Charthakuzhiyil war es während seiner Schulzeit ganz normal, täglich in die Kirche zu gehen. «In der Schweiz kennen einige Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten, nicht einmal die Grundgebete.» Obwohl er sich bei seiner Dissertation dem Thema Neuevangelisierung gewidmet hat, spürt er in der Schweiz, wie er an seine Grenzen kommt. «Hier spielt der Glauben kaum noch eine Rolle.» Er hofft, dass die Katechese besser wird. «Der Glaube muss wieder Teil vom eigenen Leben werden – und so den Menschen auch vermittelt werden.»

Selbst, wenn seine Pfarrei ein kostenloses Angebot für Kinder und Jugendliche anbietet, wird es nicht von allen angenommen. «Wir organisieren im Oktober 2025 eine Romwallfahrt, die für alle Jugendlichen kostenlos ist. Sie kostet fast 800 Franken pro Person. Trotzdem nutzen nicht alle diese Gelegenheit, obwohl wir alle eingeladen haben.»

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Bei Traugesprächen erlebt er es immer wieder, dass die Paare fragen, ob der halbtägige Hochzeitsvorbereitungskurs wirklich nötig sei. «In Indien geht der Vorbereitungskurs auf die Ehe drei volle Tage – für alle Paare selbstverständlich.»

Noch sechs Jahre im Bistum Chur

In seiner Heimat ist es auch ganz normal, dass ein Bischof oder Kardinal zu einem runden Geburtstag von Gläubigen kommt, die er kennt, an einer Beerdigung teilnimmt oder eine Hochzeit feiert. Die Mutter von Mathew Charthakuzhiyil wird demnächst 80 Jahre alt. Der Kardinal hat seinen Besuch bereits zugesagt.

Der Vertrag zwischen dem Bistum Chur und seinem Heimatbistum geht noch sechs Jahre. Ob dieser nach zwölf Jahren Aufenthalt in der Schweiz verlängert wird, weiss Mathew Charthakuzhiyil nicht. Ob sein Aufenthalt in der Schweiz verlängert wird oder er in ein anderes Land geschickt wird, wird sich zeigen. Er ist offen für jede Station.


Mathew Charthakuzhiyil | © Jacqueline Straub
20. August 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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