Marita Anna Wagner
Schweiz

Marita Anna Wagner: Kirche, die Christus nur weiss denkt, identifiziert sich leicht mit Herrschenden

Mit der Kolonialzeit wurde ein «europäisches» Jesusbild weltweit exportiert. «Weisssein wurde dabei zur Norm für das Göttliche», sagt Marita Anna Wagner. Das hat Folgen bis heute. Rassismuskritische und dekoloniale Theologien ermutigen dazu, wieder weich und empathisch im Umgang miteinander zu werden.

Jacqueline Straub

Der südafrikanische Künstler Ronald Harrison hat 1962 zur Zeit der Apartheid einen Schwarzen Christus gemalt. In diesem Gemälde sind ausserdem eine colored Madonna und ein asiatischer Johannes zu sehen. Die weisse Elite in Südafrika war empört und stufte das Bild als staatsfeindlich ein. Welche Problematik zeigte das Bild auf?

Marita Anna Wagner*: Harrisons «Black Christ» hat sichtbar gemacht, was viele nicht wahrhaben wollten: Die christliche Botschaft war in Südafrika eng mit einem rassistischen System verflochten. Indem Jesus als Schwarzer Mann dargestellt wird, identifiziert Harrison Christus mit denjenigen Menschen, die unter der Apartheid litten, nicht mit der weissen Machtelite. Die colored Madonna und der asiatische Johannes zeigen zudem, dass Gottes Zuwendung und Liebe nicht an eine Hautfarbe gebunden sind. Das Gemälde entlarvt damit den weissen Jesus als politische Konstruktion und Legitimation eines ökonomischen Ausbeutungssystems: Eine Kirche, die Christus ausschliesslich weiss denkt, läuft Gefahr, sich mit den Herrschenden zu identifizieren, statt bei den Leidenden zu stehen. Genau diese Verschiebung – weg von einem eurozentrischen Jesusbild hin zu einem Christus an der Seite der Unterdrückten – wurde damals als Bedrohung empfunden.

«Erst im Spätmittelalter wurde Jesu Hautfarbe zum Thema.»

Finden sich in der Bibel denn Hinweise auf Jesu Erscheinungsbild?

Wagner: Historisch betrachtet war Jesus ein jüdischer Mann aus Galiläa. Er hatte sehr wahrscheinlich eine mittlere bis dunkle Hautfarbe, dunkle Augen und dunkles, eher lockiges oder gewelltes Haar, also so, wie die meisten Menschen im östlichen Mittelmeerraum damals aussahen.

Er war somit weder blond noch blauäugig.

Wagner: Die Evangelien interessieren sich kaum für sein Aussehen, sie erzählen von seinem Leben, seinem Handeln und seiner Beziehung zu Gott. Dass die Evangelien hier deutungsoffen bleiben, kann man daher auch als theologische Aussage verstehen: Entscheidend ist nicht, ob Jesus hell- oder dunkelhäutig war, sondern dass Gott Mensch wird und sich – wie Quinton Ceasar eindrücklich in seiner Abschlusspredigt des Kirchentags 2023 aufzeigte – Partei ergreift für jene, deren Würde infrage gestellt wird. Erst später im Spätmittelalter wurde dann seine Hautfarbe zum Thema, und damit auch zu einer Projektionsfläche für gesellschaftliche Machtverhältnisse.

Die Heilige Familie
Die Heilige Familie

Gerade an Weihnachten wird Jesus meist als blondlockiges, blauäugiges Baby dargestellt. Warum stellen sich die meisten Menschen Jesus als weissen Mitteleuropäer vor?

Wagner: Dieses Bild hat eine lange kunstgeschichtliche Tradition. Als das Christentum in Europa heimisch wurde, begannen Künstler und Künstlerinnen, Jesus und Maria so darzustellen, wie Menschen in ihrer eigenen Umgebung aussahen. Mit der Kolonialzeit wurde dieses europäische Jesusbild weltweit exportiert: auf Bildern, Heiligenkarten, in Kinderbibeln und Krippenspielen. Weisssein wurde dabei zur Norm für das Göttliche. Viele Christinnen und Christen haben solche Bilder von klein auf verinnerlicht. Das ist also zunächst menschlich verständlich, aber dieses erlernte Wissen und Denken sind eben nicht neutral. Ein ausschliesslich weisser Jesus lässt leicht den Eindruck entstehen, Gott sei weissen Körpern näher als anderen. Genau deshalb ist es so wichtig, unsere Bilder zu hinterfragen und zu weiten.

Wo verorten Sie Jesus, wenn er heute nochmals auf der Welt wäre?

Wagner: Schon die Kindheitsgeschichte erzählt von einem Jesus, der als Kind mit seinen Eltern auf der Flucht ist. Später lebt er als jüdischer Mann am Rand eines römischen Imperiums, viel näher an den Armen, Kranken und Ausgegrenzten als an den Palästen der Mächtigen. Wenn wir diese biblische Spur ernst nehmen, müssten wir Jesus heute eher in Geflüchtetenunterkünften, an europäischen Aussengrenzen, in Townships, Favelas oder informellen Siedlungen suchen als in sicheren, privilegierten Räumen. Das heisst nicht, dass Christus nicht auch in unseren Kirchenbänken gegenwärtig wäre. Aber sein bevorzugter Ort im Evangelium sind die Ränder der Gesellschaft. Dort, wo Menschen aufgrund von Hautfarbe, Herkunft oder Armut marginalisiert und entrechtet werden, begegnet und berührt uns Christus bis heute besonders deutlich.

Krippe in St. Gerold
Krippe in St. Gerold

Wie können wir konstruktiv miteinander über Rassismus in der Kirche ins Gespräch kommen?

Wagner: Wichtig ist zunächst eine Haltung des Zuhörens. Viele Christinnen und Christen haben nie selbst Rassismus erlebt und ahnen nicht, wie tief solche Erfahrungen das Glaubensleben prägen – bis hin zu der Frage, ob Kirche ein sicherer Ort ist. Ein erster Schritt ist, Menschen of Color in der Kirche bewusst zuzuhören und ihre Perspektiven ernst zu nehmen, ohne sofort zu relativieren oder in eine Verteidigungshaltung zu gehen. Zweitens hilft es, Rassismus nicht nur als individuelles moralisches Versagen zu sehen, sondern als strukturelles Problem. Er zeigt sich auch in liturgischen Bildern, in Sprache, in Leitungsstrukturen und Entscheidungen, die weisse Perspektiven zum Massstab machen und andere an den Rand drängen. Drittens brauchen wir Räume, in denen Erfahrungen von rassistischer Gewalt und Ausgrenzung klar benannt werden können und in denen Christinnen und Christen bereit sind, eigene Verstrickungen und bisher nicht hinterfragte Selbstverständlichkeiten anzuerkennen. Ziel ist nicht, jemanden blosszustellen, sondern gemeinsam zu lernen und die kirchliche Praxis zu verändern. Dann wird das Gespräch über Rassismus nicht zur blossen Anklage, sondern zu einem Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit, Teilhabe und Glaubwürdigkeit der Kirche.

Was passiert, wenn sich weisse Theologinnen und Theologen nicht mit rassistischen Strukturen in der Kirche und Theologie befassen?

Wagner: Wenn weisse Theologinnen und Theologen die Perspektiven Schwarzer Theologinnen und Theologen und anderer Menschen of Color ausblenden, verengt sich ihr Blick auf die weltkirchliche Wirklichkeit. Die Bibel und kirchliche Praxis werden dann vor allem aus der Perspektive derjenigen interpretiert und gestaltet, die in diesen Strukturen vergleichsweise privilegiert sind. Erfahrungen von Menschen, die Rassismus, koloniale Kontinuitäten und ungleiche Machtverhältnisse in besonderer Weise zu spüren bekommen, geraten leicht aus dem Blick.

«Schwarze, rassismuskritische und dekoloniale Theologien bringen eigene Fragen ein.»

Was hat das zu Folge?

Wagner: Zum einen verlieren Kirchen an Glaubwürdigkeit und Vertrauen, weil sie die Erfahrungen und Lebenswirklichkeit eines grossen Teils ihrer Gläubigen nicht angemessen wiederspiegeln. Zum anderen verschenkt die Theologie wichtige Ressourcen: Schwarze, rassismuskritische und dekoloniale Theologien bringen eigene Fragen, Deutungen und Hoffnungsperspektiven ein. Sie sind nicht nur Reaktionen auf erlittene Gewalt, sondern Ausdruck von Widerstandskraft, analytischer Schärfe, visionärer Kreativität und Innovationskraft. Wenn weisse Theologinnen und Theolgen diese Stimmen ignorieren, stabilisieren sie bewusst oder unbewusst bestehende Ungleichheitsverhältnisse. Wenn sie sich dagegen auf diese Perspektiven einlassen, erweitert sich ihr Verständnis von Kirche und Evangelium: Glaube und Kirche werden kontextsensibler, empathischer und pluraler und eröffnen so neue Möglichkeitsräume für kirchliches Miteinander.

Welche Chancen bieten rassismuskritische und dekoloniale Theologien?

Wagner: Rassismuskritische und dekoloniale Theologien helfen uns, ein binäres Denken zu durchbrechen: «wir» und «die anderen», Zentrum und Rand, überlegen und unterlegen, erlöst und erlösungsbedürftig. Sie zeigen, wie sehr solche Kategorien mit Kolonialgeschichte und Rassismus verknüpft sind. Stattdessen laden sie dazu ein, die eigene Sichtweise als eine Perspektive unter vielen zu verstehen. So lernen wir nicht nur mehr über andere Lebenswirklichkeiten, sondern auch über uns selbst.

Den Mund aufmachen und laut gegen Rassismus eintreten: Bei der Demo gegen Rassismus und Faschismus und die AfD kamen mehr als 3.000 Menschen nach Limburg. Das Bistum unterstützt die Aktion und war stark vertreten.
Den Mund aufmachen und laut gegen Rassismus eintreten: Bei der Demo gegen Rassismus und Faschismus und die AfD kamen mehr als 3.000 Menschen nach Limburg. Das Bistum unterstützt die Aktion und war stark vertreten.

Was kann uns hierbei Orientierung geben?

Wagner: Orientierung kann dabei eine afrikanische Lebensphilosophie wie Ubuntu geben: «Ich bin, weil wir sind.» Sie erinnert daran, dass Identität immer in Beziehung geformt wird.

Was heisst das auf die Kirche bezogen?

Wagner: Wir gehören einander, und was einer Person geschieht, betrifft die ganze Gemeinschaft. Rassismuskritische und dekoloniale Theologien ermutigen dazu, wieder weich und empathisch im Umgang miteinander zu werden, Verletzungen ernst zu nehmen und neue Formen von Verbundenheit jenseits von Abwertungen und Hierarchien einzuüben. Gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme und populistische Positionen bedrohlich laut sind, machen sie uns zudem sprachfähig: Sie geben Begriffe an die Hand, um Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt zu benennen, zu demaskieren und ihnen durch unser Handeln zu widersprechen. Sie ermutigen dazu, in Kirche Strukturen zu schaffen, die Leben schützen statt bedrohen und sich solidarisch an die Seite derer zu stellen, die von rassistischer Gewalt betroffen sind, sei es im Gemeinderaum oder auf der Strasse bei Demonstrationen gegen Rechtsextremismus.

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Was könnte das für Weihnachten bedeuten?

Wager: Wir stellen uns das Jesusbaby nicht nur in einer idyllischen Krippe vor, sondern als jüdisches Kind in einer verletzlichen Situation, dessen Leben Menschen in eine solche Verbundenheit ruft. Ein Jesus im Sinn von Ubuntu: nicht als Besitz einer Kultur, sondern als Einladung, unsere Beziehungen so zu gestalten, dass alle ein gutes und würdevolles Leben führen können.

*Marita Anna Wagner ist Associate Researcher für Decolonial Studies & Anti-Racism am Centre for Faith and Community an der University of Pretoria und Affiliate Researcher an der University of Cape Town, beide in Südafrika. Sie promoviert am Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen in Salzburg zum Thema Dekolonialisierung und Rassismuskritik in der theologischen Wissensproduktion.


Marita Anna Wagner | © Mina Jung
25. Dezember 2025 | 06:00
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