Marie-Jo Thiel kritisiert die Sexualmoral der Kirche – und erhält eine Ehrenpromotion in Freiburg
Die französische Theologin Marie-Jo Thiel (65) hält am 14. November an der Universität Freiburg einen Vortrag zur synodalen Kirche. Anlass ist die Verleihung des Ehrendoktorats an die Strassburger Professorin. Sie engagiert sich für Reformen und kritisiert die Sexualmoral der katholischen Kirche.
Der Vortrag von Marie-Jo Thiel am 14. November trägt den Titel «Eine synodale Kirche, verwundbar und offen für geschwisterliche Fürsorge». Thiel hat Medizin und katholische Theologie studiert. Seit 1999 lehrt sie Theologie an der katholischen Fakultät der Universität Strassburg.
Die Französin hat auch auf Deutsch publiziert. 2016 erschien von ihr ein Aufsatz in einem Sammelband mit dem Titel «Fluchtpunkt Fundamentalismus? Gegenwartsdiagnosen katholischer Moral». 2014 gab sie ein Buch heraus zum Thema «Ethische Fragen der Behinderung».
Umdenken in der Sexualethik
Im Jahr 2018 hat Marie-Jo Thiel zu einem umfassenden Umdenken in der Sexual- und Familienethik ihrer Kirche aufgerufen. Papst Franziskus habe durch sein Lehrschreiben «Amoris laetitia» Anstösse gegeben und Freiräume geschaffen, betonte damals Marie-Jo Thiel.
Auch bei der Sexualmoral gebe es erhebliche Spielräume für regionales Handeln, ohne immer gleich eine universalkirchliche Lösung anzustreben. Es gehe um eine «heilsame Dezentralisierung», wie es Franziskus genannt habe.
Marie-Jo Thiel ist überzeugt: Es sei höchste Zeit, die von der Kirche beanspruchte «Herrschaft über Körper und Seelen» zu beenden. Leitlinie christlicher Ethik müsse das Prinzip der Barmherzigkeit sein: «Die Vergebung, die wir in der Liebe und im Glauben empfangen haben, befreit uns und führt uns so auf den Weg der Umkehr.»
Scheitern zeigt sich im Missbrauch
Das «Scheitern der bisherigen Sexualmoral» der Kirche zeige sich in den Verbrechen des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche, findet Marie-Jo Thiel. Denn die Taten von sexuellem und spirituellem Missbrauch seien gerade von denen begangen worden, die die Moral beispielhaft vorleben sollten.
Die Missbrauchstäter zerstörten damit, so die Theologin, «das gesamte Lehrgebäude der Sexual- und Familienethik und untergraben damit sowohl die absolutistischen und autoritären Normen als auch die zentralisierten, undurchsichtigen Machtstrukturen und die damit verbundenen Möglichkeiten der Verdunklung».
Naives Verbot der Empfängnisverhütung
Die Ärztin Marie-Jo Thiel kritisiert auch das kirchliche Nein zur Empfängnisverhütung. «Gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen geschlechtlicher Vereinigung und Zeugung in der Natur? Nein!», ist die Professorin überzeugt. Sie diagnostiziert in der katholischen Kirche eine «schuldhafte Naivität», wenn Bischöfe argumentierten, der Gebrauch von Kondomen führe zu Sittenverfall und leiste der Ausbreitung von HIV/AIDS Vorschub. (bal/kna)
Der Vortrag findet statt am Montag, 14. November, 17.15 Uhr, im Saal G120, Université-Pérolles, Freiburg.
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