Schweiz

«Mangelndes Wissen über Religion kann zu Radikalisierung führen»

Freiburg/Zürich, 2.9.17 (kath.ch) Die «Kommission für den Dialog mit den Muslimen» der Schweizer Bischofskonferenz war vom 26. bis 31. August im Iran. Hier traf sie sich mit der staatlichen iranischen «Organisation für islamische Kultur und Beziehungen» (ICRO). Hauptthema dieses interreligiösen Dialogs waren «Extremismus und Radikalisierung». Weihbischof Alain de Raemy erläutert im Gespräch mit kath.ch, welche Bedeutung der Religion bei diesem Thema zukommt.

Sylvia Stam/Barbara Ludwig

Alain de Raemy, Sie kommen gerade aus dem Iran zurück. Was hat Sie in diesem Land am meisten beeindruckt?

Alain de Raemy: Die Gastfreundschaft und die Neugier der Menschen. Ich konnte auf der Strasse mit dem Kreuz um den Hals und im Talar, also in der Bischofskleidung, herumlaufen. Die Leute sind auf uns zugekommen, haben Interesse gezeigt und wollten Fotos machen. Leider hat die Sprachbarriere kaum Gespräche ermöglicht.

«Die Leute sind auf uns zugekommen, haben Interesse gezeigt»

Hat Sie das überrascht?

De Raemy: Ja, vom Iran haben wir das Bild einer geschlossenen Gesellschaft, in der alles vom Staat kontrolliert wird. Dieses Gefühl hatte ich als Gast nicht. Wenn die Menschen jemanden sehen, der anders aussieht als sie, zieht sie das an.

Das Hauptthema der Reise war «Extremismus».

De Raemy: Es ging um Gründe für Extremismus und Radikalismus bei Christen und Muslimen, sowie um Herausforderungen und Lösungen. Über dieses Thema referierten Mitglieder unserer Kommission* sowie iranische Professoren für muslimische Theologie und muslimische Soziologie, ausserdem ein Sozialhistoriker, der den Blick vor allem auf die Bevölkerung und weniger auf die Machthaber richtet.

Weihbischof Alain de Raemy (links) und Abouzar Ebrahimi Torkaman, Präsident ICRO | © Erwin Tanner-Tiziani

Welches Fazit ziehen Sie aus dem Austausch über dieses komplexe Thema?

De Raemy: Wie wichtig das Wissen über Religion in diesem Kontext ist: Wenn Gläubige das Gefühl haben, dass sie in ihrem Glauben nicht respektiert werden, führt das zu Enttäuschung und Ressentiments. Sie fühlen sich schlecht behandelt, das kann zu Radikalisierung führen. Auch der Mangel an Kenntnissen über den eigenen Glauben kann zu Radikalisierung führen, ebenso wie der Mangel an Wissen über die Religion oder Lebensauffassung der Andersdenkenden.

«Auch der Mangel an Kenntnissen über den eigenen Glauben kann zu Radikalisierung führen.»

Wenn ich zu wenig über den Islam weiss, kann es sein, dass ich mich in Abgrenzung zum Islam als Christin radikalisiere?

De Raemy: Sozusagen ja. Wenn ein Christ nur wenig über den Islam weiss, beispielsweise nur von islamistischen Terroristen hört, die sich auf den Koran beziehen, grenzt er sich vielleicht umso stärker als Christ vom Islam ab. Problematisch wird es, wenn es bei diesem wenigen Wissen bleibt. Es geht darum, die eigene und die fremde Religion zu reflektieren: Was sagt meine Religion eigentlich? Was habe ich von meinen Eltern übernommen? Ist das wirklich christlich? Was ist wirklich muslimisch?

Wie können Sie dieses Wissen nun in der Schweiz fruchtbar machen?

De Raemy: Im Iran leben vorwiegend schiitische Muslime, die innerhalb des Islam eine Minderheit bilden. Wenn man um die konfessionellen Unterschiede weiss, kann man Muslimen hier anders begegnen. Ich kann beispielsweise einem sunnitischen Muslim sagen: «Ja aber, dein Mitbruder aus derselben Religion, jedoch mit anderer Konfession, sieht das anders. Also ist es auch bei Muslimen möglich, anders zu denken als du.»

«Wenn man um die konfessionellen Unterschiede weiss, kann man Muslimen hier anders begegnen.»

Umgekehrt fühle ich mich als Christ ebenfalls wohler, wenn mein Gegenüber zwischen Katholiken, Protestanten, Orthodoxen und freikirchlichen Christen unterscheiden kann und diese verschiedenen Christen auch nicht einfach mit der politischen Rolle der so genannt christlichen Länder identifiziert.

Wo kann ein solches Lernen stattfinden?

De Raemy: Im Quartier, in der Pfarrei. Hier müssen Pfarreien die Initiative ergreifen und Muslime zu sich einladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Haben Sie im Iran auch Christen getroffen?

De Raemy: Wir waren bei der armenischen Gemeinschaft, das sind orthodoxe Christen. Die Armenier kümmern sich um ihre eigenen Gläubigen, sie missionieren nicht, sie sind anerkannt und werden nicht verfolgt. Sobald man jedoch als Christ versucht, den eigenen Glauben zu kommunizieren, anderen zu zeigen, was der christliche Glaube ist, dann haben die offiziellen Stellen im Iran immer Angst, das würde die öffentliche Ordnung stören. Dafür haben sie an der Universität zwei Lehrstühle für Christentum, von Christen besetzt, wie man uns mitteilte.

Dann können Begegnungen zwischen den Schiiten und den armenischen Christen, wie Sie sie vorhin geschildert haben, nicht stattfinden?

De Raemy: Alltägliche Kontakte finden vermutlich schon statt. Der armenische Bischof hat uns aber erklärt, dass sie andere Christen nicht betreuen dürfen ohne Erlaubnis der Regierung. Wenn also ein nicht-armenischer Christ aus einem anderen Land im Iran wohnt und in einer armenischen Kirche seinen Glauben praktizieren möchte, braucht der armenische Priester für eine Taufe oder eine Trauung die Erlaubnis der Regierung.

«Gewissensfreiheit ist praktisch nicht gegeben.»

Gewissensfreiheit, im Sinne des Rechts, aus eigener Überzeugung auch zum christlichen Glauben konvertieren zu dürfen, ist praktisch nicht gegeben.

Die Religionsfreiheit ist somit nicht wirklich gewährleistet. Was riskiert ein Muslim, wenn er zum Christentum konvertieren möchte?

Weihbischof Alain de Raemy (links) und Mohammed Mehdi Taskhiri, Generaldirektor Zentrum für interreligiösen Dialog | © Erwin Tanner-Tiziani

De Raemy: Das weiss ich nicht genau, aber er würde sicher vom Staat darauf «aufmerksam» gemacht, dass das nicht erwünscht ist. Nach schiitischer Vorstellung wäre die Religion eigentlich eine kritische Stimme in der Gesellschaft, sie dürfte keine politische Macht ausüben. Die Politik müsste sogar immer auf die Religion des Volkes hören. Im Iran ist das allerdings nicht sauber umgesetzt.

Der Staat kann sich offenbar nicht vorstellen, dass diese kritische Stimme von mehreren Religionen ausgeübt würde. Dass es eine Art «Rat der Religionen» gäbe, der im Namen des Volkes eine Meinung vertreten würde über etwas, das der Staat beschlossen hat. Allerdings sind drei Sitze im Parlament für Christen reserviert.

Können die schiitischen Führer denn Kritik an der Macht ausüben?

De Raemy: Solche Fragen konnten wir in den persönlichen Gesprächen tatsächlich thematisieren: «Was heisst das jetzt, dass ein Ayatollah oder sonst ein Kleriker auch die kritische Stimme des Staates sein soll, obschon er vom Staat ernannt wurde?» Sie sind untereinander nicht gleicher Meinung darüber. Es gibt Befürworter, die sagen, dies sei jetzt das einzig Richtige für den Iran, andere kritisieren, diese Verbindung von Religion und Macht entspreche nicht dem schiitischen Glauben.

Gibt es im Iran noch andere Christen, ausser den Armeniern?

De Raemy: Es gibt eine kleine Minderheit chaldäischer Katholiken. Wir haben den chaldäischen Bischof getroffen. Ihnen geht es ähnlich wie den armenischen Christen. Wir haben ausserdem Anhänger und Verantwortliche des Zoroastrismus getroffen, einer weiteren uralten monotheistischen Religion, die im Iran ihre Wurzeln hat. Hunderte Pilger auch aus Indien und Pakistan kommen jedes Jahr an ihre Wallfahrtsorte.

Wie wird die Kommission konkret aktiv?

De Raemy: Ein Treffen mit Mitgliedern einer Moschee in Basel steht auf der Agenda. Solche Begegnungen hat die Kommission schon mehrmals gepflegt, jeweils mit Mitgliedern einer anderen Moschee.

«Ein Treffen mit Mitgliedern einer Moschee in Basel steht auf der Agenda.»

Dies war die fünfte Begegnung der Kommission mit einer iranischen Delegation. Wird es weitere Begegnungen geben?

De Raemy: Die Begegnungen finden alle zwei Jahre statt, abwechselnd im Iran und in der Schweiz. 2019 werden wir uns in Freiburg treffen. Wir schlagen das Thema «Märtyrertum» vor. Dieser Begriff wird von islamistischen Terroristen immer wieder gebraucht. Wir möchten wissen, was die Schiiten darunter verstehen und ob das, was Terroristen Märtyrertum nennen, der muslimischen Vorstellung von Märtyrertum überhaupt entsprechen kann. Im Christentum kann man ja nicht ohne bezeugte Feindesliebe von Märtyrertum sprechen.

Ich möchte unterstreichen, wie sehr das Vertrauen unter uns Gesprächspartnern gewachsen und echte Freundschaft entstanden ist. Ich freue mich auf weitere herausfordernde und auch klärende Begegnungen, wobei wir die religiösen Minderheiten vor Ort noch besser einbeziehen müssten.

*Zur Kommission für den Dialog mit den Muslimen der Schweizer Bischofskonferenz gehören nebst Alain de Raemy (Präsident) Erwin Tanner, Generalsekretär der SBK, Fahrad Afshar, Präsident der Koordination islamischer Organisationen, Stephan Leimgruber, em. Professor für Religionspädagogik und ehemaliger Spiritual des Priesterseminars St. Beat, Francis Piccand, Mitarbeiter im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten, Roberto Simona, Research Manager für Islam und christliche Minderheiten bei «Kirche in Not», Roman Stäger, Mitglied der «Weissen Väter» mit viel Erfahrung in Missionen in Afrika. Nicht an der Reise teilnehmen konnte Giovanni Polito, Studentenseelsorger an der Technischen Hochschule und Universität Lausanne.

Die Kommission der Schweizer Bischofskonferenz mit den Gastgebern in Iran. | © Erwin Tanner-Tiziani
3. September 2017 | 07:40
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