«Leider sind wir für Hochstapler sexy»: Malteser-Chef kritisiert Fake-Orden
Ein SVP-Politiker lässt sich in der Luzerner Peterskapelle von einem Fake-Orden zum Ritter schlagen: Auch in der Schweiz treiben Hochstapler ihr Unwesen. Schillernde Titel, wallende rote Umhänge, der Ritterschlag: Auch der Malteserorden zieht Betrüger an. Manche stellen sogar falsche Diplomatenpässe aus.
Barbara Ludwig
Ist der Malteserorden bei Betrügern besonders beliebt?
Martin von Walterskirchen*: Leider ja.
Wie erklären Sie sich das?
Von Walterskirchen: Wir sind bekannt und ein bedeutender Akteur im humanitär-karitativen Bereich weltweit. Wir sind alt, der Malteserorden wurde im Jahr 1046 gegründet. Wir haben 120 diplomatische Vertretungen. Und wir tun viel Gutes. Das alles ist für Hochstapler offenbar einfach sexy.
Wie gehen falsche Malteserorden vor?
Von Walterskirchen: Alle gaukeln vor, ein Zweig des Malteser- oder Johanniterordens zu sein, verdrehen historische Tatsachen und verwenden in täuschender Absicht Teile unseres Namens, unseres Wappens oder Zeichens, zum Beispiel das Malteser-Kreuz. Manche Falschorden bieten vermeintliche Diplomatenpässe, Fahrausweise oder Autokennzeichen an. All das unter Vortäuschung unseres Namens oder des Namens der reformierten Johanniter, mit denen wir eng verbunden sind. So werden Mitglieder rekrutiert. Viele Gutgläubige lassen sich auch täuschen, auch durch das ganze Gepräge, das sich die Fake-Orden geben.
Was meinen Sie mit Gepräge?
Von Walterskirchen: Bombastische Titel, wallende rote, gelbe oder schwarze Umhänge, welche in Zeremonien getragen werden, grandiose Phantasie-Diplome, Umzüge, Ritterschlag und so weiter.
«Es gibt auch Kriminelle.»
Sind die Drahtzieher Kriminelle?
Von Walterskirchen: Ein solches Pauschalurteil würde ich nicht fällen. Sie verstossen aber auf jeden Fall gegen das Recht, weil sie unseren Namen und unsere Kennzeichen missbrauchen. Aber es gibt durchaus Kriminelle darunter.
Können Sie Beispiele von kriminellen Fällen nennen?
Von Walterskirchen: Bei einer Organisation, die in Betrugsabsicht dubiose Finanzprodukte anbot, hat der Malteserorden in Österreich ein Urteil erwirkt. Bei einer weiteren Organisation kam es in Deutschland wegen versuchten schweren Betrugs zu Verhaftung und Verurteilung.
«Kommt doch zu uns und helft uns im Malteser-Hospitaldienst.»
Welches Ziel verfolgen denn die Falschorden?
Von Walterskirchen: Ich vermute, es geht den Initianten darum, sich zu bereichern oder mindestens ihre Geltungssucht zu befriedigen. In jedem Fall handelt es sich um Hochstapler. Hochstapler wollen anderen etwas vormachen. Was ich nicht verstehe: Wenn jemand Gutes tun und die Gebote der Nächstenliebe ausüben will – und das unter dem Namen der Malteser oder der Johanniter –, warum kommt er nicht zu uns? Solche Menschen möchte ich ermuntern: «Kommt doch zu uns und helft uns im Malteser-Hospitaldienst. Wir brauchen euch!»
Sind die Betrogenen naive Menschen oder selber Leute mit unlauteren Absichten?
Von Walterskirchen: Ich würde den wenigsten Menschen, die einem Falschorden beitreten, böse Motive unterstellen. Sie sind einfach jemandem auf den Leim gegangen. Eine Rolle spielt mitunter auch eine gewisse Geltungssucht. Die Geschädigten sind wir, die Malteser. Unser Name wird missbraucht. Mit unserem international geschützten Ordenswappen wird Unfug betrieben. Dem Namen des Souveränen Malteser Ritterordens kommt aufgrund unserer völkerrechtlichen Souveränität überragende Bekanntheit und Kennzeichnungskraft zu. Missbrauch unseres Namens ist eine hochgradige Täuschung!
«Es geht um die Armen, Kranken, Verfolgten und Flüchtlinge.»
Sehen Sie Ihren Ruf in Gefahr?
Von Walterskirchen: Auf dem Spiel steht auch unser Ruf. Wenn dieser durch Aktivitäten der Falschorden geschädigt wird, können wir nicht mehr im gleichen Ausmass wie bislang Armen, Kranken, Verfolgten und Flüchtlingen helfen.
Kommt es vor, dass sich Betrogene mit Reklamationen an den echten Orden wenden?
Von Walterskirchen: Das habe ich noch nie erlebt. Aber kürzlich hat uns jemand angerufen, der einen Nachlass verwaltet. Der Betreffende wollte uns den Rittermantel des Verstorbenen zurückgeben. Es stellte sich heraus: Es war ein solcher Operetten-Orden. Der Verstorbene ging offenbar im guten Glauben davon aus, er sei Mitglied des Malteserordens.
«Uns geht’s um die karitativ-humanitäre Tätigkeit.»
Was macht der Malteserorden, damit möglichst wenig Menschen getäuscht werden?
Von Walterskirchen: Wir betreiben Aufklärungsarbeit. Indem wir zum Beispiel mit Journalistinnen und Journalisten sprechen. Das Gleiche machen die Johanniter. Wir wollen die Menschen auf die Falschorden aufmerksam machen. Wir wollen ihnen sagen, dass wir die echten Orden sind, und sie bei uns willkommen heissen, wenn sie uns bei der Erfüllung unserer karitativ-humanitären Tätigkeit helfen wollen. Dazu ist es nicht nötig, in den Orden aufgenommen zu werden. Denn dies ist eine Frage der Berufung. In krassen Fällen erstatten wir aber auch Anzeige.
Wie kann man feststellen, ob eine Organisation ein echter Orden ist oder nicht?
Von Walterskirchen: Die echten kirchlichen Ritterorden sind von der römisch-katholischen Kirche oder der reformierten Kirche anerkannt. Auf katholischer Seite gibt es drei vom Papst anerkannte Ritterorden: Das sind die Malteser, die Grabritter und der Deutsche Orden. Man kann sich beim Bischof oder bei den Pfarrämtern erkundigen.
Neben den kirchlichen Ritterorden gibt es staatliche Verdienstorden wie die Ehrenlegion oder das Bundesverdienstkreuz in Deutschland. Eine weitere Kategorie bilden die dynastischen Orden, die von ehemals regierenden Herrscherhäusern verliehen werden.
Wie gehen Sie gegen Schummel-Orden vor?
Von Walterskirchen: Wir arbeiten mit den Johannitern und dem britischen Ableger in einer gemeinsamen Kommission an der Bekämpfung von falschen Orden. In krassen Fällen erstatten wir Anzeige und gehen vor Gericht. Wenn jedoch ein falscher Malteser in Luzern auftauchen würde, würde ich schon einschreiten. Ich habe das einmal vor einigen Jahren in Solothurn anlässlich des Patroziniums der Kathedrale erlebt. Da wollte sich ein Mann beim Einzug in die Prozession einreihen, der ganz offensichtlich einen falschen Maltesermantel trug. Ich sagte ihm: «Es tut mir furchtbar leid, Sie sind jemandem auf den Leim gegangen. Selbstverständlich dürfen Sie am Gottesdienst teilnehmen, aber legen Sie bitte diesen Mantel ab.» Der Mann zog den Mantel aus und setzte sich in eine Kirchenbank.
«Das Grosspriorat von Österreich listet 37 dubiose Organisationen auf.»
Wie viele Organisationen werden jährlich als falsche Malteserorden enttarnt?
Von Walterskirchen: Das kann ich nicht sagen. Im Moment sind uns weltweit mindestens 60 solche Organisationen bekannt. Das Grosspriorat von Österreich hat auf seiner Webseite 37 dubiose Organisationen aufgelistet. Gegen diese wurden zum Teil Gerichtsurteile erwirkt.
Gab es auch in der Schweiz Gerichtsurteile gegen falsche Malteserorden?
Von Walterskirchen: Ja. In der Schweiz wurde 2001 einer Vereinigung durch ein Gericht in Lugano verboten, unter den Namen «Ordine Sovrano ed Ospedaliero di San Giovanni di Gerusalemme OSG, Ordine Sovrano e Militare es Ospedaliero di San Giovanni di Gerusalemme» beziehungsweise «Ordine Militare es Ospedaliero di San Giovanni di Gerusalemme, Cavalieri Ecumenici di Rodi e di Malta» aufzutreten.
Ich kann mir vorstellen, dass bei vielen Menschen auch eine Faszination für das Rittertum da ist: sowohl bei den Leuten, die Falschorden aufziehen, als auch bei den Menschen, die darauf hereinfallen.
Von Walterskirchen: Natürlich, die Faszination ist da.
«Bloss weil es Leute gibt, die damit Unfug treiben, sollten wir keine Traditionen abschaffen.»
Das könnte Anlass sein für die echten Orden, diese Traditionen und Zeremonien mit Bezug zum Rittertum abzuschaffen.
Von Walterskirchen: Warum sollen wir unsere Traditionen abschaffen, bloss weil es Leute gibt, die sie imitieren und damit Unfug treiben? Das kommt nicht in Frage!» Es gibt ja auch Leute, die Fake-News verbreiten. Das bedeutet ja auch nicht, dass alle Journalistinnen und Journalisten ihren Beruf an den Nagel hängen sollen.
* Martin von Walterskirchen zu Wolfsthal (74) wurde 1948 in Budapest geboren. Aufgewachsen ist der österreichisch-schweizerische Doppelbürger in Bern. Von Walterskirchen studierte an der Hochschule St. Gallen. Er machte Karriere als Bundesbeamter und Diplomat, zunächst in der UdSSR und später in den USA. Dazwischen, von 1994 bis 1999, war von Walterskirchen persönlicher Berater von CVP-Bundesrat Arnold Koller. 2001 ernannte ihn der Bundesrat zum Minister, dem zweithöchsten diplomatischen Rang. Er steht den Schweizer Maltesern vor.
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