«Leichenfledderei» und «perverser Fetischismus»: Segen mit Herz-Reliquie sorgt für Empörung
Am Sonntagabend haben sich Gläubige bei einer Messe in München mit der Herz-Reliquie des italienischen Teenagers Carlo Acutis segnen lassen. Auf dem Facebook-Kanal von kath.ch reagieren die meisten mit Unverständnis, Kritik oder Empörung.
Barbara Ludwig
Seit kurzem befindet sich das Herz des 2006 verstorbenen Teenagers Carlo Acutis auf einer Tour durch Deutschland, die Niederlande und Belgien. Am Sonntagabend machte es Station in München. Mehr als 500 Gläubige nahmen die Reliquie des seligen Carlo Acutis bei einer Messe in der Heilig-Geist-Kirche in Empfang – danach liessen sich etliche von ihnen einzeln damit segnen.
«Absonderliche Vorliebe für Leichenteile»
Die Nachricht von dem Ereignis liess auf dem Facebook-Kanal von kath.ch die Wellen hochgehen. Die meisten Userinnen und User äussern sich kritisch bis empört. Werner Anner schreibt’s in dem einen Satz: «Das ist klerikale Leichenfledderei.» Glor Ria nennt es «perversen Fetischismus» und gibt dann den Katholiken eins aufs Dach: Die hätten «grundsätzlich eine absonderliche Vorliebe für Leichen und Leichenteile», schreibt die Person. Der perverse Fetischismus passe zu der «Religion des Leidens und des Todes».
Ersatz für eucharistischen Segen?
Gudrun Ernstbrunner zeigt sich «entsetzt ob dieses Reliquienwahns». Sie stellt die Frage, ob jetzt der Segen mit der Reliquie wirksamer sei als der Segen mit der Hostie. Damit nimmt sie Bezug auf den sogenannten eucharistischen Segen: Bei einem solchen macht der Priester mit der Monstranz, in der sich das Allerheiligste befindet, das Kreuzzeichen über die knieende Gemeinde. «Könnte es nicht sein, dass es mehr um das Segnen (als solches, d.Red.) geht als um den Gegenstand, mit dem gesegnet wird?», fragt Ernstbrunner.
Pervers oder geschmacklos
Für Josef Lay ist das Geschehen in München «pure Perversion». Aber in der «Papstkirche» können einen nichts mehr erstaunen, fügt er hinzu. Offen ist allerdings, ob der Vatikan in die Reise der Herz-Reliquie involviert ist. Vor einigen Wochen war dort die Heiligsprechung von Carlo Acutis beschlossen worden.
Norbert Lorenz hat nichts gegen die Verehrung des Jugendlichen. Dafür gebe es wohl Gründe. Aber dass das Herz des Verstorbenen «auf Europa-Tournee» gehe, sei «mehr als geschmacklos», hält er fest.
«Jesus blieb die Leichenschändung erspart.»
Jesus habe gewusst, warum er nicht im Grab geblieben sei, spottet User Stefan Hissler. «Da blieb ihm die Leichenschändung erspart.» In der Antike sei es undenkbar gewesen, einem toten Christen das Herz zu entfernen und «auf Tournee zu schicken», zumal dieses als Sitz der Seele gegolten habe, schreibt er.
Hissler und mit ihm auch User Hansjörg Grolimund erinnern an den Protest katholischer Kreise gegen die Ausstellung «Körperwelten» des deutschen Anatomen Gunther von Hagens. An der umstrittenen Ausstellung, die 2009 und 2021 auch in Zürich zu sehen war, zeigt von Hagens plastinierte menschliche Körper.
«Was hat man dann gerade in manch kirchlich/katholischen Kreise über Körperwelten aufgeregt… gerade jene Kreise, die nun einem ausgestellten Herzen hinterher reisen», so Stefan Hissler.
Vereinbar mit Totenruhe?
Hansjörg Grollimund schreibt, es sei «unglaublich», das so etwas im Jahr 2024 stattfinde. Und stellt die Frage, ob das Herz von einem Chirurgen entnommen wurde und in welcher Form es nun transportiert und präsentiert werde.
Auch Monika Schmid, ehemalige Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Martin in Effretikon ZH, stellt eine Frage: «Wie ist das eigentlich vereinbar mit der Totenruhe und dem ach so katholischen Auferstehung-des-Leibes-Gedanke?»
Kritiker mangelt es an Kenntnissen über Kirche
Thomas Gander zählt zu den wenigen, die den Anlass in München verteidigen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe festgehalten, dass die Verehrung – nicht die Anbetung – von Reliquien gemäss der Überlieferung der römisch-katholischen Kirche weiterhin gepflegt werden dürfe, schreibt er. «Wer jetzt ‹entsetzt› reagiert, kennt sich in der römisch-katholischen Kirche möglicherweise zu wenig gut aus», kritisiert Gander. Besser beheimatet seien da die Hundertschaften, die dem jungen Seligen und bald Heiligen die Ehre erwiesen.
Christel Krüger findet es «nicht so schlimm». Letztlich komme es auf den Glauben an. «Wenn jemand wirklich angerührt wird und dann in eine lebendige Gottesbeziehung findet, ist es okay.»
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