Leben über den Tod hinaus – Mumien und der ägyptische Totenglauben

Milo Rau hat eine Kontroverse über Schepenese entfacht – jene ägyptische Mumie aus der Stiftsbibliothek St. Gallen. Seitdem diskutiert die Schweiz über koloniale Kunst und den korrekten Umgang mit sterblichen Überresten. Aber weshalb haben die Menschen im alten Ägypten ihre Toten überhaupt haltbar machen wollen?

Natalie Fritz

Die Frage, ob und vor allem wie die sterblichen Überreste der Schepenese in der St. Galler Stiftsbibliothek gezeigt werden sollen, ist aktuell ein heiss debattiertes Thema. Der Ägyptologe Jan Assmann machte gegenüber kath.ch sein Missfallen über die «entwürdigende» Art der Zurschaustellung eines toten Menschen deutlich.

Die Schepenese-Mumie in der Stiftsbibliothek St. Gallen.
Die Schepenese-Mumie in der Stiftsbibliothek St. Gallen.

Eine Mumie müsse zwingend in ihrer Hülle aus Kartonage oder in ihrem Sarg ausgestellt werden, meint Assmann. Nur so könne man der komplexen ägyptischen Totenkultur gerecht werden. Und über diese wissen wir gemeinhin relativ wenig. Aus Horrorfilmen sind uns höchstens zombieähnliche Mumien-Monster bekannt, die den Lebenden an den Kragen wollen. Aber weshalb assoziieren wir Mumien überhaupt mit Untoten?

Vergehen und auferstehen – Leben über den Tod hinaus

Es ist nur wenig bekannt über Übergangsrituale bei Geburt, Geschlechtsreife oder Eheschliessung im alten Ägypten. Umso mehr wissen die Ägyptologinnen und Ägyptologen über den Übertritt vom Leben in den Tod. Pyramiden- und Sargtexte sowie das Totenbuch oder das «Buch vom Atmen» zeugen von einem ausgeprägten Totenglauben, der von der Vorstellung einer «Fortexistenz» geprägt ist. Das periodische Vergehen und Wiederauferstehen in der Natur oder auch der Tag-Nachtzyklus dienten dabei als Vorbild.

Gerichtsszene aus dem Buch der Toten des Hunefer um 1275 v.C., Papyrus
Gerichtsszene aus dem Buch der Toten des Hunefer um 1275 v.C., Papyrus

Weil das «Leben nach dem Leben», so wichtig war in der Vorstellungswelt der Ägypterinnen und Ägypter, sorgten sie – sofern sie es sich leisten konnten – gut vor. Ein Gedenkstein oder noch besser eine angemessene Grabstätte mit entsprechender Ausstattung waren dabei essenziell. Sie sollte möglichst dauerhaft sein, war sie ja für die Ewigkeit bestimmt.

Der Hunger der Verstorbenen

Zwingend zur Ausstattung eines Grabes gehörten Geräte und Produkte des täglichen Bedarfs wie Nahrung, Getränke und Kleidung. Dies deshalb, weil die Verstorbenen auch in ihrem jenseitigen Leben Hunger und Durst hatten.

Die Sänger*innen an Amun Nanys Bestattung, Papyrus (Amduat) um 1050 v.C.
Die Sänger*innen an Amun Nanys Bestattung, Papyrus (Amduat) um 1050 v.C.

Um den Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken, auch wenn keine Opferdienste mehr getätigt wurden, liessen die Menschen Modelle oder Bilder und Reliefs von Lebensmitteln anfertigen. Schriftrollen mit Speiselisten in Gräbern zeugen ebenfalls von der Wichtigkeit der leiblichen Versorgung der Verstorbenen.

Mumie in Kartonage, Ancient Egypt Gallery im British Museum London, 2.8.2017
Mumie in Kartonage, Ancient Egypt Gallery im British Museum London, 2.8.2017

Ausserdem musste die Persönlichkeit des Leichnams durch die Nennung bestimmter Angaben wie Namen, Titel oder genealogische Hinweise rekonstruierbar sein. Dies erreichten die Ägypterinnen und Ägypter durch Inschriften in der Grabstätte oder auf den Särgen und Kartonagen der Verstorbenen. Später fertigte man Totenmasken an, die man den Mumien aufsetzte. Schliesslich ging es darum, als Individuum im jenseitigen Leben weiter zu existieren. Deshalb mussten auch die Körper möglichst intakt sein. Nur so konnten die drei seelenähnlichen Prinzipien Ka, Ba und Ach dem verstorbenen Menschen ein Leben nach dem Tod ermöglichen.

Mumienmaske, weiblich, Kartonage (40-70 n.u.Z.) Metropolitan Museum of Art New York
Mumienmaske, weiblich, Kartonage (40-70 n.u.Z.) Metropolitan Museum of Art New York

Ka – Lebenskraft mit Ansprüchen

Ka-Holzstatue eines Mannes der besseren Gesellschaft (ev. Schreiber), Mittleres Reich (2137–1781 v.C.)
Ka-Holzstatue eines Mannes der besseren Gesellschaft (ev. Schreiber), Mittleres Reich (2137–1781 v.C.)

Der Ka, eine Art Lebenskraft, ist die älteste Vorstellung von einem jenseitigen Leben und war im sogenannten Alten Reich (2700–2216 vor Christus) lebendig.

Der Ka begleitet den Menschen während seines Lebens. Mit dem Tod verlässt der Ka den menschlichen Körper. Wer nach dem Sterben weiterleben will, muss sich wieder mit dem Ka vereinen.

Weil der Ka mit Lebenskraft verbunden wird, muss er gefüttert und getränkt werden. Die Opfer für einen verstorbenen Menschen werden einer ihm nachgebildeten Statue dargebracht, die als Wohnstätte für den Ka dient. Der Ka ist eng an das Materielle und an das Diesseits gebunden und war wohl nur für Menschen gedacht, die sich Opfergaben und Statuen leisten konnten.

Ba – Die Beweglichkeit der Verstorbenen

Nach dem Zusammenbruch des Alten Reichs löste der Ba den Ka als Lebenskraft-Vorstellung ab. Diese Kraft tritt erst nach dem Tod in Erscheinung und ist frei, den Körper zu verlassen. Der Ba braucht keine Nahrung, aber Wasser. In den Nekropolen des Mittleren Reiches (2137–1781 vor Christus) baute man Brunnen, um den Ba, der normalerweise in Vogelgestalt gedacht wurde, anzulocken. Wenn der Ba sich mit der unbeweglichen Mumie vereinte, konnte die verstorbene Person gewissermassen wieder atmen. Der Ba ist nicht an das Grab gebunden und bleibt beweglich, ist aber nicht unverletzlich.

Ba im Buch der Toten,1895, E. A. Wallis Budge
Ba im Buch der Toten,1895, E. A. Wallis Budge

Ach – Wirkmacht auf die Lebenden

Der Ach setzt als Kraft das Leben in Gang. Ach hat man nicht einfach, diese Kraft muss sich jede und jeder verdienen. Durch angeeignetes Wissen zu Lebzeiten oder durch Rituale am Grab werden die Verstorbenen zu einem Ach verklärt. Wenn eine Verstorbene oder ein Verstorbener zum Ach geworden ist, braucht er keine Versorgung mehr und agiert ungebunden zwischen Diesseits und Jenseits. Als Ach kann ein verstorbener Mensch den Lebenden erscheinen und ihnen nützen oder schaden.

Ach Hieroglyphe (Ibis)
Ach Hieroglyphe (Ibis)

Die Mumie lebt!

Die Tatsache, dass im alten Ägypten keine Trennung zwischen Körper und Seele stattfindet, sondern der ganze Mensch weiterlebt, setzt voraus, dass die Verstorbenen als Ganzes bestattet werden. Deshalb bedurfte es der Mumifizierung. Dieses aufwändige Verfahren wurde vor allem an Würdenträgern und an hohen Beamten vollzogen und kostete aufgrund der teuren Substanzen für die Einbalsamierung und die verschiedenen Applikationen sehr viel. Auf Bildzeugnissen wird häufig der schakalköpfige Anubis beim Einbalsamieren gezeigt. Als Gott der Begräbniszeremonien untersteht ihm auch der Akt der Mumifizierung.

Anubis (mit Schakalkopf) überwacht den Mumifizierungsprozess (4. Jh. v.C.)
Anubis (mit Schakalkopf) überwacht den Mumifizierungsprozess (4. Jh. v.C.)

Heute käme sicher niemand mehr auf die Idee, eine Mumienparty zu feiern, wie dies im frühen 19. Jahrhundert in Grossbritannien en vogue war. Dabei wickelten die Gäste eine echte Mumie in der Hoffnung aus, Schmuck oder andere Wertgegenstände in den Bandagen zu finden. Man würde heute auch kein «Mumia», Pulver aus gemahlenen Mumien, als Arzneimittel mehr verkaufen.

Ob die Zurschaustellung einer ausgezogene Mumie wie etwa Schepenese in St. Gallen ethisch weniger brisant ist, ist fraglich. Schliesslich verwehrt man ihr so den Zugang zum Weiterleben. Denn ihre persönlichen Daten sind auf der Kartonage neben ihr ausgestellt.


Gegenkönig Ankh-Wennefer (auch Anchwennefer, 2. jh.v.C.) Washington State History Museum 10.3.2012 | © Wikimedia Commons/Joel Mabel, CC BY-SA 3.0
17. Dezember 2022 | 05:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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Buchtipps zum Thema:

Jan Assmann, 2003, Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München: C.H. Beck.

Erik Hornung, 1997, Altägyptische Jenseitsbücher. Ein einführender Überblick, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Hellmut Brunner, 1983, Grundzüge der altägyptischen Religion, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.