Fenster von Chartres: Christus-Darstellung in der Ausstellung "Im Namen des Bildes"
Theologie konkret

Lara Mührenberg: In Spätantike wird Christus zu 100 Prozent männlich gezeigt

In der Spätantike wurde Jesus Christus oft wie ein römischer Gott, ein Philosoph oder wie ein Kaiser dargestellt. Es durfte dabei keinen Hauch von Weiblichkeit mitschwingen. Heutige Reflexionen über Jesus Christus zeigen ihn anders: «Ein Christusbild im Jahr 2025 wird viel weiblicher ausfallen als die antiken Bilder», sagt die Archäologin Lara Mührenberg.

Jacqueline Straub

Wie wichtig ist der Körper Jesu?

Lara Mührenberg*: Erstmal ist es natürlich wichtig zu bemerken, dass Christus auf bildlichen Darstellungen der Spätantike einen Körper hat. Er wird in menschlicher Gestalt gezeigt. Darüber hinaus spielt sein Körper in den frühesten Darstellungen, die wir von Christus kennen, eigentlich keine zentrale Rolle. Er ist eigentlich nur dazu da, uns an ihm die Wesenhaftigkeit Christi zu zeigen. Das ist erstmal überraschend, weil wir in unserem Kulturkreis an Bilder Christi gewöhnt sind, die seine Körperlichkeit ganz stark ausgestalten, insbesondere natürlich in den Bildern der Passion, in denen der geschundene Körper ganz wichtig wird.

Wie hat der historische Jesus vermutlich ausgesehen?

Mührenberg: Das ist uns nicht bekannt. Auch die neutestamentlichen Texte berichten uns nichts darüber. Eine Erinnerung an seine optische Erscheinung ist nirgendwo schriftlich fixiert.

Christus, das Lamm Gottes: Ein Fresko in Morcote TI.
Christus, das Lamm Gottes: Ein Fresko in Morcote TI.

Wie wurde Jesus in der Spätantike dargestellt?

Mührenberg: Die frühesten Darstellungen, die uns heute noch erhalten sind, stammen aus dem 3. Jahrhundert. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Christinnen bzw. die Künstler, die diese Bilder hergestellt haben, nach so langer Zeit noch auf mündliche Überlieferungen zurückgreifen konnten.

Es muss daher zwischen Bildern Jesus, also des historischen Menschen, und Darstellungen Christi unterschieden werden.

Mührenberg: Das ist sehr wichtig, ja. Letztere sind immer Ausdruck theologischer Reflexion. Sie zeigen uns nicht, wie Christus aussieht, sondern wie Christus ist. In der Spätantike gibt es noch nicht die eine, allgemeingültige Darstellung Christi, sondern unterschiedliche Bildtypen, die parallel vorkommen – und sich natürlich auch mischen können.

«Etwa sieht Christus mit seinem lockigen Haar dem Gott Apollon ähnlich.»

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Mührenberg: Die frühesten Darstellungen zeigen Christus als jugendlichen Wundertäter. Aus der römischen Bildsprache, die den antiken Christen ja bestens vertraut gewesen ist, hat man Motive übernommen, die gut zu einem göttlichen Wundertäter und Heiler gepasst haben. Etwa sieht Christus mit seinem lockigen Haar dem Gott Apollon ähnlich. Das passt auch gut, denn Apollon ist nicht nur göttlich, er ist auch ein Gott des Lichtes und der Heilung. Wenn spätantike Römer und Römerinnen so ein Bild Christi gesehen haben, dann haben sie direkt verstanden, dass das ein Gott ist, der mit Heilung und Licht assoziiert ist. Je nachdem, welche Aspekte Christi man besonders betonen wollte, hat man die Bildsprache daran angepasst.

Lara Mührenberg
Lara Mührenberg

Welche Darstellungen von Jesus gibt es?

Mührenberg: In antiken Bildern hat so gut wie jedes Detail eine Bedeutung. Kleidung transportiert beispielsweise ganz viele Informationen. Christus trägt die Kleidung eines antiken Philosophen. Das passt natürlich auch super zu ihm, denn zum einen wird er in den neutestamentlichen Schriften als Lehrer beschrieben und andererseits wurde die christliche Lehre in der Antike – zumindest von ihren Anhängern und Anhängerinnen – als «wahre Philosophie» verstanden. Wenn Christus nun auch noch einen vollen Bart und langes, fast schon wildes Haar bekommt, dann rückt ihn das optisch noch näher an die Bilder von Philosophen heran. Gleichzeitig wird er so aber auch als mächtige Gottheit inszeniert – Jupiter, Asklepios oder Serapis werden so dargestellt. Als im frühen 4. Jahrhundert auch Persönlichkeiten aus dem Kaiserhaus Gefallen am Christuskult finden, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Christus wird nun mit Motiven ausgestattet, die aus der Kaiserikonografie stammen. Dazu gehören etwa das Sitzen auf einem Thron, die Farbe Purpur oder auch der Nimbus, den wir heute unter «Heiligenschein» kennen.

«Es hilft, wenn man sich ein bisschen mit der antiken Bildsprache beschäftigt.»

Welche Rolle spielt dabei sein Geschlecht?

Mührenberg: Das Geschlecht Christi spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle, aber ganz anders, als wir das aus unserer heutigen Sicht erstmal vermuten würden.

Inwiefern?

Mührenberg: In den spätantiken Bildern ist Christus ganz deutlich, wenn man so will, zu 100 Prozent, männlich gezeigt. Das liegt aber nicht nur daran, dass der historische Jesus sicherlich ein Mann gewesen ist, sondern es geht auch hierbei darum, etwas über die Wesenhaftigkeit Christi zu erzählen. Und zwar in einer Art und Weise, die die Betrachter der Bilder aufgrund ihrer kulturellen Prägung auch sofort verstanden haben.

Wie zeigt sich Männlichkeit in den Darstellungen?

Mührenberg: Wenn man mit unserem heutigen westlichen Verständnis von «Männlichkeit» auf die Bilder Christi schaut, wird man aus unserer kulturellen Prägung heraus manches sofort als «männlich» erkennen, andere Motive wird man aber nicht verstehen oder sogar falsch deuten. Es hilft also, wenn man sich ein bisschen mit der antiken Bildsprache beschäftigt.

Jesus beim Abendmahl
Jesus beim Abendmahl

Können Sie das weiter ausführen?

Mührenberg: Christus wird mit vielen Motiven ausgestattet, die in der Antike ganz stark mit Männlichkeit zusammenhängen. Dazu gehört etwa die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen, weil man dazu Macht über den Kosmos haben muss. Oder das ganze Feld der Philosophie, weil es dabei viel um Selbstkontrolle und Überwindung der Leidenschaften geht. Und die mächtigen Bärte der väterlichen Gottheiten sind natürlich ebenso maskulin wie die kaiserliche Macht, die immer auch als militärische Stärke und Herrschaft verstanden werden muss. Neben diesen zentralen Motiven wird Christus zusätzlich durch viele kleine Details ausgestaltet, die seine Männlichkeit zeigen: er ist der aktive Part, der eine Handlung vollzieht, er ist derjenige, der spricht, er bewegt sich ruhig, er hält sich aufrecht.

Wie stellte man sich damals die Ausbildung des Geschlechts vor?

Mührenberg: Seit der späten Neuzeit ist man davon ausgegangen, dass es zwei Geschlechter gäbe, die biologisch verankert seien, und an die auch bestimmte Eigenschaften gekoppelt wären. In der Folge der Theorien von Simone de Beauvoir und später von Judith Butler hat sich unsere Idee von Sex und Gender in den letzten Jahrzehnten aber stark verändert. Das zeigt uns bereits, dass «Geschlecht» keine feste Grösse ist und nicht zu jeder Zeit und in jeder Kultur auf gleiche Art und Weise verstanden wird. Der antiken Vorstellung nach gibt es keine anatomisch strikt voneinander getrennten Geschlechter. Das liegt daran, dass die Ausbildung des (biologischen wie sozialen) Geschlechts eng an die Körpersäfte gekoppelt ist, die nach antiker Vorstellung den ganzen Menschen bestimmt haben.

«Dieses Mischverhältnis ist nicht statisch, sondern kann sich verändern.»

Welche Rolle spielen diese Säfte in der antiken Vorstellung?

Mührenberg: Das Mischverhältnis dieser Säfte ist nach antiker Vorstellung für so gut wie alles verantwortlich. Etwa dafür, welche Krankheiten eine Person ausbildet. Es ist auch entscheidend für das Geschlecht eines Menschen: Je nachdem wie das Mischverhältnis der Säfte ist, verfügt eine Person über mehr weibliche oder mehr männliche Anteile und reiht sich irgendwo auf einer gedachten Skala zwischen den Polen «totale Männlichkeit» und «totale Weiblichkeit» ein. Dieses Mischverhältnis ist nicht statisch, sondern kann sich verändern, zum Beispiel durch die Lebensführung oder schlicht das Alter. In schriftlichen Quellen der Antike, nicht-christlichen genauso wie christlichen, wird nicht selten davon berichtet, dass sich die Geschlechtsausprägung einer Person aufgrund solcher Umstände verändert hat.

Wie hängen Macht und Männlichkeit zusammen und wie zeigt sich das in Christusabbildungen?

Mührenberg: Die antike Idee von «Geschlecht» wirkt auf den ersten Blick sehr egalitär, vielleicht fast schon modern – war sie aber leider nicht. In der Antike ist Männlichkeit nämlich immer mit Perfektion verbunden. Je männlicher eine Person ist, desto höher ist ihr Grad an Perfektion. Daher wird auch alles das, was mit Männlichkeit verbunden wird, positiv bewertet, alles das, was mit Weiblichkeit assoziiert wird, negativ. Eine Person, die 100 Prozent männlich ist, ist damit also perfekt. Und verfügt damit zugleich über absolute Macht, denn auch diese ist daran gebunden. «Mann sein» können in Rom natürlich auch nur freie Bürger – alle anderen Menschen, also Frauen, Kinder, Barbaren, Sklavinnen und Sklaven fallen nicht in diese Kategorie, sie alle sind «nicht-männlich».

«Antike Männer haben aktiv versucht, ihre Männlichkeit immer wieder aktiv hervorzubringen.»

Wovor hatten Männer Angst?

Mührenberg: Für antike Männer war die Idee, ihre Männlichkeit zu verlieren, natürlich ganz schlimm. Das hätte nämlich bedeutet, auf der abschüssigen Skala nach unten hin in Richtung Weiblichkeit abzurutschen. Das wäre an sich schon unschön, wäre aber dazu noch mit dem Verlust von Macht verbunden gewesen und hätte die Person dem Spott von etwa politischen Gegnern oder auch der eigenen Ehefrau ausgesetzt. Antike Männer haben daher aktiv versucht, ihre Männlichkeit immer wieder aktiv hervorzubringen, insbesondere indem sie männliche Tugenden bewahrten wie zum Beispiel Selbstbeherrschung, Würde und Mannhaftigkeit. Aber auch, indem sie sich auf eine bestimmte Art bewegten, sprachen, die richtigen Speisen zu sich nahmen und sich beim Sexualverkehr von nicht-männlichen Praktiken fernhielten.

Warum musste Jesus männlich dargestellt werden?

Mührenberg: Eine Gottheit, die über absolute Machtfülle verfügt, muss der antiken Idee nach auch zu 100 Prozent männlich sein. Das ist auch der Grund dafür, warum Christus in den Bildern mit so vielen Männlichkeitsmotiven versehen worden ist: nur so kann er mächtiger Wundertäter, überzeugender Lehrer und Herrscher über den Kosmos sein.

Das Antlitz des leidenden Christus.
Das Antlitz des leidenden Christus.

Bei diesen Darstellungen ist es aber nicht geblieben.

Mührenberg: Das stimmt. Es sind aber weitere Aspekte dazu gekommen, etwa das Leiden des spätmittelalterlichen Christus oder die Freundlichkeit des Christus aus den heutigen Kinderbibeln. Je nachdem, welche Aspekte Christi zu einer Zeit in der Reflexion über ihn wichtig werden, formt sich die Darstellung Christi neu aus. Ein Christusbild im Jahr 2025 wird daher auch zwangsläufig viel weiblicher ausfallen als die antiken Bilder.

*Lara Mührenberg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Neues Testament mit Schwerpunkt griechisch-römische Antike an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. In der Publikation «Wahrer Gott und wahrer Mann. Das Geschlecht Jesu in der Theologiegeschichte» (Herder Verlag, 2023) erschien ebenfalls ein Beitrag zu diesem Thema von Mührenberg.

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Fenster von Chartres: Christus-Darstellung in der Ausstellung «Im Namen des Bildes» | © Vera Rüttimann
14. Juni 2025 | 17:00
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