Philip Jaffé, Psychologieprofessor an der Universität Genf | © zVg
Schweiz
Philip Jaffé, Psychologieprofessor an der Universität Genf | © zVg

«Knaben und Männer können für Priester weniger bedrohlich sein als Frauen»

Genf, 30.8.18 (kath.ch) Fördert Homosexualität die Pädophilie? Nein, sagt Philip Jaffé, Professor für Psychologie an der Universität Genf. Er geht der Frage nach, weshalb die Mehrheit der Opfer von sexuellen Übergriffen weltweit Mädchen sind, innerhalb der katholischen Kirche jedoch mehrheitlich Knaben.

Pierre Pistoletti

«Es besteht eine Verbindung zwischen Missbrauch und Homosexualität», sagte der Churer Weihbischof Marian Eleganti kürzlich. Von dort bis zur Aussage, dass Homosexualität sexuellen Missbrauch fördere, ist es nur ein kleiner Schritt, den der Bischof nicht tut. Dennoch öffnet seine Äusserung die Tür für solche Interpretationen.

Mehr heterosexuelle Täter

«Zwischen 9 und 40 Prozent der pädophilen Täter haben laut Studien eine homosexuelle Orientierung. Zwischen 91 und 60 Prozent sind somit heterosexuell», sagt Philip Jaffé gegenüber cath.ch. «Von denjenigen, die ein Kind missbraucht haben, sind 50 Prozent nicht pädophil», erklärt der Psychologe. Es seien Menschen, deren sexuelle Orientierung unklar und unreif sei. «Sie werden in einem bestimmten Kontext übergriffig – zum Beispiel, wenn sie mit einem Kind alleine sind.»

Katholisches Paradox

Studien zeigen laut Jaffé auch, dass die Mehrheit der missbrauchten Kinder Mädchen sind. In der Kirche ist jedoch das Gegenteil der Fall: Die Mehrheit der Opfer sind Knaben. Wie lässt sich dieses Paradoxon erklären? «Es gibt keine vorgefertigte Erklärung, aber einige Denkanstösse», sagt der Psychologieprofessor. «Die Welt der Priester ist eine Männerwelt. Das zieht zweifellos manche Homosexuellen an.» Andererseits werde die Frau im katholischen Denken häufig als «Objekt der Sünde» dargestellt. «In gewisser Weise sind Knaben oder Männer weniger bedrohlich.»

Priesterausbildung

Auch die Ausbildung der Priester muss laut Jaffé in Betracht gezogen werden. «Oft wird in Seminaren der Schwerpunkt auf den intellektuellen Aspekt gelegt, zum Nachteil des Körpers und seiner Anziehungskraft.»

Philip Jaffé betont jedoch auch die enormen Fortschritte, die in den letzten 20 Jahren in den Ausbildungszentren für Priester gemacht wurden: «Psychologische Tests und eine langfristige Betreuung nach der Priesterweihe wurden eingerichtet.» Dies sei eine positive Entwicklung, die aber nicht alles löse, solange bestimmte Priesteramtskandidaten den Pflichtzölibat als eine Art äusseren Schutz verstünden «vor Impulsen, die sie nicht unter Kontrolle haben oder die sie quälen».

Die katholische Lehre verändern

Eleganti doppelt in der Zwischenzeit nach: Die Skandale zeigten, «dass homosexuelle Kleriker, ihre Freunde und Netzwerke in den Strukturen der Kirche bis auf die höchste Ebene existieren und vertreten sind», sagte er in einem Interview mit kath.net (30. August). Zwar seien darunter auch viele homosexuelle Kleriker, die «enthaltsam und heilig» lebten. «Von den anderen hören wir aber durch die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle täglich.»

Der Churer Weihbischof sieht die katholische Lehre von der Sündhaftigkeit homosexueller Praxis bedroht: «Auffallend sind die Versuche, die traditionelle Lehre, die homosexuelle Akte als in sich ungeordnet betrachtet und deshalb ihr Ausleben verbietet, umzuschreiben.» Papst Franziskus sei von Kardinälen und Beratern umgeben, die in diese Richtung gingen «und James Martin, den prominentesten Kämpfer für eine Veränderung der bisherigen Lehre in Bezug auf Homosexualität, offen unterstützen».

Brückenbauer

Der Jesuit Martin versucht, Brücken zwischen LGTB-Gläubigen und der katholischen Kirche zu schlagen. (LGTB ist die englische Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, die Red.) Martin hatte sich am Weltfamilientreffen in Dublin für eine Willkommenskultur gegenüber LGBT-Leuten und ihren Familien ausgesprochen. (cath.ch/Übersetzung: sys)

 

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum